Predigt zum Brief an die Gemeinde in Korinth 7, 29-31

Paulus schreibt:

Das sage ich aber, liebe Geschwister: Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine;und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht;und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

 

Die Zeit ist kurz.

An alle Sekunden, Stunden, Tage und Jahre, die ich gelebt habe.

An alle Uhren und Zeitmesser,

an alle Zeitfresser und Zeitmitesser,

an alle Echt-Zeit-Ansager,

an alle Staumelder und Temposünder

an alle gefühlten Ewigkeiten

und plötzlichen Zeit-Freiheiten,

an alle Zeitenwenden,

an alle Zeit-Verdichter und Zeit-Vergesser

und ich-wollte-nur-mal-kurz-Nachrichten,

an jedes im Gehen gegessene Brötchen,

und jede in der Bahn gecheckte Mail,

an jedes Telefonat auf dem Fahrersitz,

an jede Deadline.

An alle Smalltalk-Lippen,

an die Gesichter, in die ich kurz gesehen habe,

an alle Momente, die wie eine Ewigkeit sich hinzogen,

an alle kurzen Worte, die ich noch heute erinnere –

Ich werde euch nicht festhalten, denn ihr wurdet mir geschenkt.

 

Fortan sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie sie nicht.

An alle ich-kann-ohne-dich-nicht-leben-Gefühle.

An alle Schmetterlinge im Bauch,

alle Wohltaten aus und mit Mündern und Händen und von Herzen,

an alle Liebesbriefe und Scheidungspapiere,

an alle Streits und Versöhnungen,

an alle Düfte nach Parfum und Verrat,

an alles wehende Haar, alle geschlossenen Augen

und schwingenden Hüften,

an alles himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

Ihr seid da. Aber jetzt gerade will versuchen euch ansehen, als brauchtet ihr mich nicht.

 

Und die weinen, sollen sein als weinten sie nicht. 

An alle Tränen, die ich weine,

laut oder leise,

an alle roten Augen und Tränensäcke,

an alle Krokodilstränen

und Sturzseen,

an alle Tränen, die ich getrocknet

und alle, die ich verursacht habe,

an alle Angst vor Verletzungen,

an alle umsonst geweinten Tränen,

an alle Abschiede, die hingenommen

und noch nicht überwunden sind,

an alle Worte, wie Schläge unter die Tränenlinie:

Ihr besitzt mich nicht.

 

Und die sich freuen, als freuten sie sich nicht, 

An alles Glück,

an jedes laut- und kleinhalse Lachen,

jedes Lächeln und Grinsen,

an euch, Humor, Witz und Ironie,

an jedes Glas Wein,

an euch, ihr Clowns meiner Kindheit,

an Schmerz und Glück jedes Abkitzelns,

an alle Lachfältchen,

an die 17 Gesichtsmuskeln, die das Lachen produzieren,

an die Endorphine,

an alle Hände, die je den Bauch gehalten,

an Zwerchfell

und gebrochenes Eis,

an alle noch unbekannten Lacher.

Ihr tut mir gut. Und ihr seid flüchtig.

Ich schaue euch nach und hoffe, es kommen Neue.

 

Und die kaufen, als behielten sie es nicht. 

An alle Hände die greifen und gieren und grabschen,

an alle Auto-Gefährten,

und Kurzstreckenflieger,

an alle Mac-Books und I-Phones und Flatscreens,

an allen Terror und das Gold,

an alle Premium-Cards, Banknoten und Prozente in Märkten,

an alle Babel-Türme und Glitzerpaläste,

an alle Klamotten im und das Porzellan auf dem Schrank,

an den raspelkurz geschnittenen Rasen,

an die heiligen vier Wände,

und alle Billy-Regale,

Plustert euch nicht so auf. Eure Zeit ist kurz, wie meine.

 

Und die die Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

An alle Zeiten, die ich erlebt habe und vielleicht noch erleben darf. An alle Beziehungen mit Menschen,

an jedes Willkommen und jeden Abschied,

an alle Tränen und Lacher,

an das, was ich besessen und verloren habe.

 

Ihr seid nicht alles.

Ich weiß, es wird sich Vieles ändern. Es wird Momente geben, da das Leben die Richtung wechselt und mein Partner auch. Ich weiß, die Zeiten, die ich erlebte, haben mich zu der Frau werden lassen, die ich bin. Aber das ist nicht alles. Geschaffen sind sie, genau wie ich. Es passiert immer wieder, dass ich meine, das alles könnte mich retten. Aber das ist nicht so, nicht im Letzten.

Die Zeit ist kurz.

Auch hier oben auf der Kanzel. Also, nur einen Augenblick gedanklich Abstand nehmen. Von denen, von dem, was uns lieb ist. Aufmerken, an welchen Stellen es schmerzt, auch Angst macht. Oder sich freier anfühlt. Und das nur, um eine Frage zu stellen: Was brauche ich wirklich? Vielleicht alles, vielleicht aber auch weniger. Aber ich weiß, wenn ich Abstand nehme, für diesen Augenblick, hier, an diesem Ort, sehe ich Anderes, daneben. Es steht noch Größeres aus. Ohne Bindungen, die mich gefangen nehmen. Ohne Dinge, mit denen ich Sehnsüchte stille, immer wieder. Ohne Tränen.

Paulus schreibt weiter: Ein jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde. Ihr seid teuer erkauft. Brüder und Schwestern, bleibt alle vor Gott, worin ihr berufen seid.

Immer dann also, wenn wir Abstand nehmen von den Dingen, tun wir für einen Moment so, als ob wir das alles nicht bräuchten. Dann heben wir für einen Moment unser Leben aus der Taufe, in der Gott uns zusagt: Du bist wertvoll für mich. Teuer erkauft.

Jetzt mal kurz wertvoll sein für Gott.

Gleich. Für einen Augenblick. Während der Chor singt.

In seinem Gesang von Jean Racine wird es heißen:

Du, das Wort, dem Höchsten gleich,

unsere einzige Hoffnung,
ewiger Tag der Erde und des Himmels,

Gieße aus auf uns das Feuer deiner machtvollen Gnade,
dass die ganze Hölle flieht vor dem Klang deiner Stimme.
Vertreibe diesen Schlummer einer trägen Seele,
der sie verleitet, deine Gebote zu vergessen.

Christus, sei diesem gläubigen Volk gewogen,
das jetzt versammelt ist, um dich zu preisen.
Nimm die Lieder an, die es deiner ewigen Herrlichkeit darbringt,
und lass es aufs Neue erfüllt werden von deinen Gaben.

Die Zeit ist kurz.

Jetzt mal kurz Dinge und Menschen auf später vertrösten. Sich an Gott hängen. Und dann weiter gehen.

Amen.

 

 

 

Gabriel Fauré (1845-1924)

Cantique de Jean Racine

Dies ist eine Komposition für gemischten Chor und Orgel. Die Textgrundlage ist eine französische Nachdichtung eines ambrosianischen Hymnus durch Jean Racine. Fauré vollendete die Vertonung im Jahr 1865 noch als Student für einen Kompositionswettbewerb und erzielte den ersten Preis. Das Werk weist auf sein späteres Requiem voraus, mit dem es oft zusammen aufgeführt wird.

Angeregt durch eine Auslegung von Peter Nitsch

Es gilt das gesprochene Wort.