Der Text zur Predigt findet sich im Buch des Propheten Jesaja Kapitel 61, Verse 1-3 und 10-11

Du kannst es!

Wir sind umgeben von Anfängen und Enden. Weihnachten ist fast zu Ende. Das neue Jahr hat angefangen. Wir haben Menschen begrüßt und verabschiedet in diesen Tagen. Und heute in diesem Gottesdienst geschieht ein musikalischer Anfang mit unserem neuen Organisten Xaver Schult. Es ist wie eine unendliche Perlenkette: Ende, Anfang, Ende, Anfang, Ende…Auch in diesem Jahr werden wir singen: „O Haupt voll Blut und Wunden“ – und werden unsere Not und Traurigkeit mit an Jesu Kreuz heften. Auch in diesem Jahr werden wir hören, dass „Christ von der Marter alle“ erstanden ist und werden unsere Hoffnung mit ihm auferstehen sehen. Auch in diesem Jahr wird es Anfang und Ende uralter Rhythmen geben: Geboren werden und Sterben, Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Auch in diesem Jahr werden wir uns trauen und trennen, loslassen und neu beginnen. Anfang, Ende, Anfang, Ende…

„Großer Gott, wie ist es möglich“, schreibt da Eine,
„fühl mich völlig überrannt;
Dieses neue Jahr so plötzlich!
Hab das alte kaum gekannt.“

Anfang, Ende, Anfang, Ende…Für jetzt, für diesen Moment will ich sie nicht durch die Finger gleiten lassen, diese Perlenkette mit ihrer unendlichen Aneinanderreihung von Anfang und Ende. Für diesen Moment will ich sie festhalten. Eine Perle greifen. Eine, die für das Ende steht. Denn das Ende braucht Bewusstsein und Aufmerksamkeit, um gelingen zu können. Enden machen die Welt erzählbar, verstehbar, lesbar. Enden machen die Dinge wertvoll. Etwas, das niemals aufhört, ist nichts wert. Was bedeutete uns die Lebenszeit, fände sie kein Ende? Enden geben Struktur und Ordnung, teilen ein in Jugend, erwachsene Jahre, Alter. Sie bündeln Erfahrungen zur Erkenntnis. Enden bedeuten oft auch Erleichterung, Entlastung. Etwas ist gewesen. Egal ob es schön war oder schwer, jetzt ist es vorbei.Augenblicke ziehen ihre Schönheit oft allein aus dem Wissen, dass sie ein Ende haben.
Für nun ist sie zu Ende. Die Zeit des Wartens. Die Zeit von Advent. Er ist in die Welt gekommen. Viele sind an seine Krippe getreten, haben sich die Geschichte von seiner Geburt erzählen lassen, haben davon gesungen. Sie haben den Engelschören gelauscht, die in der menschlichen Gestalt von Kantoreisänger*innen vom Ende allen Wartens zeugten.
Und es in diesem Gottesdienst noch einmal tun. Sie haben auf ihn geschaut, der sich in die Welt senden ließ, um sie in Ordnung zu bringen. Sie haben so viel getan, so viel gekauft, gekocht, besorgt, verpackt und gehofft, um etwas von dem Frieden zu verbreiten, der von dem Kind in der Krippe ausgeht.Sie sind mit feinen Kleidern angezogen und mit dem Mantel der Festlichkeit gekleidet in die Marienkirche gekommen, um sich sagen zu lassen, was sich zu der Zeit begab, als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging. Und sie haben sich salben lassen am Silvestertag mit dem Freudenöl im Gottesdienst. Haben den Weihrauch-Duft von Myrrhe eingesogen, der sie begabt mit Gottes Nähe und Geist. Für nun ist sie zu Ende. Die Zeit, auf den zu warten, der kommt. Er ist in der Welt. Er ist da.
Es ist Zeit, in seine Fußstapfen zu treten. Das Ende ist verbunden mit dem Bewusstsein der Berufung: Du gehst als Mensch aus diesem Gottesdienst, der mit dem Propheten sagen könnte: Der Geist Gottes ruht auf mir. Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen. Was wir heute hören ist ein Stück Textbuch unseres Lebens. Jede und jeder kann Jesaja sein. Ein prophetischer Mensch.Jede und jeder soll von sich sagen können: Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir. Hilf mir, ein Ende zu machen mit den Zweifeln am Geist. Jetzt ruht dieser Geist auf mir. Die Prophetin, die nichts Anderes tut, als der Poesie Jesajas zu folgen, sieht die Welt, als ob das Kind aus der Krippe in ihr handelt. Der Prophet, der nichts Anderes tut, als der Poesie Jesajas zu folgen glaubt, dass Gott etwas Neues schafft und sieht das Neue schon: Er sieht den Samen aufgehen in den Gesichtern der Menschen neben ihm. Sie riecht den Duft des Freudenöls und schmeckt die Pflanzung Gottes im Abendmahl.
Für nun ist sie zu Ende. Die Zeit ohne Namen. Das Fest der Namensänderung hat angefangen. Prophetinnen und Propheten sollen sie heißen. „Baum der Gerechtigkeit“ und „Pflanzung des HERRN“ heißt ihre neue Identität. Sie sind berufen zu gedeihen. Unter ihren ausladenden Kronen sollen Menschen Schatten finden. Ein unübersehbar heiliger Ort sollen sie sein. Nicht in falschem Sendungsbewusstsein, nicht selbstherrlich, sondern dem Kind hinterher, das schon da ist. Ein gnädiges Jahr des Herrn sollen sie verkündigen. Allen die zerbrochenen Herzens sind, gefangen, gebunden, in Trauer und betrübt können sie es sagen. Die alten Zeiten sind zu Ende. Das Fest der Namensänderung hat angefangen.
Schau an dir herunter und realisiere, dass Gott dir schon neue Kleider gemacht hat. Er hat dich in Gewänder des Heils gekleidet und in den Mantel der Gerechtigkeit gehüllt. Auch der priesterliche Kopfschmuck sitzt schon auf deinem Kopf. Hier und heute ist schon Verwandlung geschehen an dir. Lass dich in Bewegung setzen von Gottes Geist. Lass dich ansprechen von den hoffnungslos Ernüchterten, die in grauer Asche sitzen, von Trauer umhüllt und mit dem Geist der Verzagtheit erfüllt sind. Zu ihnen bist du gesandt wie einst Jesaja gesandt war. Du kannst es. Denn der Geist Gottes ruht auf dir. So sei getrost, wenn du in diese Tage gehst,- trotz allem, was du heute auf dem Herzen trägst. Behalte Gottes Wort im Ohr! Sieh gerade in diesen Tagen an denen nicht vorbei, welchen das Herz übergeht vor Freude. Schau auf jene, die von ihrem Glück austeilen wie die selbst vergessenen Kinder am Heiligen Abend unter dem Weihnachtsbaum.  Sie tragen weder Anfang noch Ende, sie tragen den Schatz der Ewigkeit in sich. Es ist gut, dass es dich gibt. Dass du den Nachthimmel mit Sternen erhellst und durchhältst bis zum Morgengrauen. Er ist auch da. Tu ihm deine Schätze auf.

Amen

Es gilt das gesprochene Wort.