„Du machst groß die Freude“ – Predigt von Pfarrerin Corinna Zisselsberger in der Christvesper 2018: Jesaja 9 und Lukas 2

(I. Freude ist oben)

Wahrlich, die Engel verkündigen heut, Bethlehems Hirtenvolk gar große Freud:

Wenn es nach oben ging, dann war die Freude am größten.

Nach oben geschickt zu werden, in den ersten Stock, war das Zeichen dafür, dass es nun Weihnachten werden sollte: Denn das Christkind würde kommen und uns Geschenke bringen, unter den Baum legen. Aber das Christkind war sehr schüchtern und leicht zu verschrecken, und daher war es wichtig, dass wir Kinder, mein Bruder, meine Cousins und ich, oben im Zimmer warteten, bis es sich in die warme Stube traute. Ich erinnere mich an die unbändige Freude und den geheimnisvollen Zauber jener Minuten. Wenn wir herunter gerufen wurden, bekamen wir Wunderkerzen und sangen gemeinsam ein Lied. Und im Wohnzimmer schwebte die Weihnachtsfreude, die das Christkind mit seinem unerkannten Besuch hinterlassen hatte, und blitzte leuchtend auf wie die Funken der Wunderkerzen.

(II. Freud‘ ging verloren…)

Irgendwann begann sie sich zu verstecken vor mir, die kindliche Weihnachtsfreude, das Jubeln und Jauchzen, die pure, intensive Lust am Dasein. Wie das Christuskind damals war sie immer unten, wenn ich oben wartete, sie ging zu Boden, ja sank in den Keller. Verlosch wie die Wunderkerzen, verzog sich wie das Christkind durchs Fenster, still und unerkannt. Die Freude ging mir verloren in der Enttäuschung, dass das Christkind in Wirklichkeit meine Verwandten waren, sie verschwand in all der Anstrengung und Arbeit, die mit Weihnachten einzieht, in dem Berg an Vorbereitungen und Erwartungen, in den Gräben der familiären Spannungen und Schicksale. Die Freude verlosch in einer erwachsenen Herangehensweise, vernünftig-rational, und löste sich auf in den Erfahrungen von Schmerz, Leid und Verlust, verkroch sich im Dunkeln meiner Seele, sie ging mir verloren in einer Welt, der Weihnachten und die Freude so ziemlich egal ist, in einer Wirklichkeit, in der Menschen einander bekriegen, hassen, ausbeuten, ohne dass ich es ändern kann.

Wo ist die Freude, meine Freude bloß hin?

(III. Meine Finsternis ist der Zweifel)

Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, so ruft es der Engel den Hirten auf dem Feld zu.

Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude, so kündigt es auch der Prophet Jesaja an.

Wie schön! Ich möchte mich mitfreuen und merke doch, wie die Freude seltsam fern von mir bleibt – als gehöre sie nicht zu mir.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Meine Finsternis ist der Zweifel. Meine Dunkelheit sind Zögern und Abwehr. Echte Freude ist schwer, viel schwerer als oberflächliche Harmonie, als ein aufgesetztes Lächeln, als ein „Alles wird gut!“, viel schwerer auch als Abwertung und Kritik, als Klagen und Meckern, als Krisen und Konflikte, an die wir so gewohnt sind. Damit kann ich umgehen.

Aber große Freude irritiert mich fast. Wohin mit all dem Glück, dem Strahlen, dem Jubel? Ist das nicht viel zu viel? Wer sich unbändig von Herzen freut, wer jauchzt und frohlockt, gluckst wie ein Kind, ist irgendwie verdächtig, zumindest naiv und ewige belächelte Optimistin, schließlich gibt es doch genug in unserem Leben und auf der Welt, worüber wir uns nicht freuen können. Und mitfreuen am Glück der anderen ist noch schwerer.

(IV. Eine andere Wirklichkeit)

Große Freude wird uns heute Abend verkündet. Die Frage ist: kommt diese Freude wirklich ganz bei uns an, oder schwebt sie über uns wie die Engel auf dem Feld und versinkt in der Tiefe der Nacht? Die Freude ist oben, weit weg, im ersten Stock (ein bisschen so wie ich auf der Kanzel…). Wenn ich mich in die alte Geschichte, die mir heute wieder erzählt wird, hineinziehen lasse, wenn ich in die vertrauten Lieder einstimme, wenn sie zu meinen Liedern werden, zu meinem Jubelgesang, dann spüre ich die Freude – zuerst nur zart, dann immer größer.

Freude – das heißt vielleicht einfach: Loslassen. Die Abwehr aufgeben, die Skepsis überwinden, sich mitreißen lassen, mitgehen mit den Hirten, hineinfallen ins unerwartete Glück, dem Kind glauben mit den wunderbaren Namen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.

Die alte Geschichte, die vertrauten Lieder, sie glauben an mehr, als ich mir heute vorstellen kann. Sie glauben an das, was ich als Kind fühlte. Und das war echt. An eine Wirklichkeit, die voller Freude und Jubel, voller Heil und Rettung, voller Lobgesang für Gott und füreinander ist, und voller Frieden. „Und wenn [die Geschichte und die Lieder mich] verstören, weil [meine] Wirklichkeit so entsetzlich anders ist, dann haben sie Erfolg. Denn nur Menschen, die sich stören lassen und etwas vermissen, sind offen für die Sehnsucht, die nach Veränderung sucht: Das ist Weihnachten.“ (Heribert Prantl)

(V. Der Grund der Freude)

Nun soll es werden Friede auf Erden, den Menschen allen ein Wohlgefallen.Ehre sei Gott!

Die Freude ist nicht nur oben, wo die Engel „Ehre sei Gott!“ singen. Sie ist auch unten, wo den Hirten die Ohren klingeln und das Christkind die Geschenke heimlich hinterlässt. Und: Sie ist in mir drin, ganz tief verborgen, hinter den Zweifeln und der Abwehr. Dort, wo ich weiß, was ich vermisse, was mir fehlt, was mich stört in meinem alltäglichen Leben, wonach ich mich sehne.

Der Grund der Freude ist in mir drin – nicht etwas, sondern jemand. Ein Kind, mit Namen und Gesicht.

Die Freude wirft sich mir in die Arme in dieser Nacht, in mein Herz. Einfach so. Kein machtvoller Auftritt, kein Eingriff in die Weltgeschichte, nichts Aufsehenerregendes – zumindest nicht am Anfang.

Ein Kind wirft sich uns in die Arme. Ein Kind, der Zuwendung und Liebe bedürftig, ohne die es nicht überleben kann. Ohne die wir nicht überleben können. Das Wunderbare daran ist: Wer dem Kind diese Zuwendung und Liebe entgegenbringt, der erfährt, wie sich die Verhältnisse umkehren. Oben wird unten, innen wird außen, klein wird groß.

(VI. Frei und gleich an Würde und Rechten)

Der Grund der Freude ist das Kind in der Welt, das Kind in mir. Unbewaffnet, verletzlich ist es. Geliebt will es werden. Das Kind enthüllt mir, welche Haltung zum Leben ich zurückgewinnen kann: Mein noch so finsteres Dunkel wird hell, meine noch so winzige, verborgene Freude wird groß. Inmitten all des Unperfekten.

Und das Kind erinnert noch an mehr: Daran, dass am Anfang alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren werden. Das Kind sagt mir: Du sollst nicht mit deinen Stiefeln über Menschenleben trampeln, nicht mal auf dein eigenes. Du darfst keine Blutspur hinter dir herziehen.

Du bist kein Mensch mit Helm und Panzer, sondern mit einem weichen Herzen. Schau die anderen an und du erkennst in ihnen dich selbst.

Und was für ein Kind gilt, gilt für alle anderen, ganz konkret: Das Joch, die Unterdrückung von Menschen, wird aufhören. Krieg, Gewalt und Blutvergießen werden enden. Wenn ein Menschenkind sich im anderen entdeckt!

Jubel wird geweckt, Freude wird groß, wo ich den Kampf aufgebe, auch den Kampf gegen mich selbst. Wo ich Schritte gehe auf dem Weg des Friedens und der Achtung. Wo ich die Freude siegen lasse gegen meine Ängste und Bedenken. Wo ich Gott in mir zur Welt bringe.

Jubel wird geweckt, Freude wird groß, wo wir eilends aufbrechen, wie die Hirten, weil wir das suchen müssen, was unser Leben entscheidend und wunderbar verändern könnte. Wo wir einstimmen in die himmlischen Chöre und uns mitreißen lassen vom Freudenjubel:

Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage,

Rühmet, was heute der Höchste getan!

Lasset das Zagen, verbannet die Klage,

Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!

(„Jauchzet, frohlocket“, Bachs Weihnachtsoratorium)

Losgelöst, befreit, geliebt. Voll Freude und voller Hoffnung. Wir sind Kinder Gottes. In dieser Nacht. Für immer.

Amen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.