Anmerkung: Der Gottesdienst am Reformationstag 2018 wird in der St. Nikolaikirche inmitten der Ausstellung „Holzauktion“ von Christiane Möbus gefeiert. Die Predigt ist inspiriert von Kunstwerken von Frau Möbus, insbesondere von:

  • „Holzauktion“ (2018): Ein Arrangement 290 Millionen Jahre alter Baumstämme aus dem „versteinerten Wald von Chemnitz“ in Anspielung auf das Lied „Im Grunewald ist Holzauktion“.
  • „Männersache“ (2018): Drei präparierte Hähne, einander regelmäßig krähend übertönend.
  • „Sieger“ (2015): Ein Turntisch mit gefallenem Lorbeerkranz.
  • „Robi 4“ (2018): Ein in der DDR hergestelltes Tretboot, das seiner einstigen Bestimmung enthoben ist.

 

FREIHEIT! Wer bietet mehr?

Zuuuum ersten…!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

als nächstes kommen wir nun zu einem ganz besonderen Angebot, Objekt Nummer 2018 im Katalog. Es heißt: FREIHEIT. Dabei handelt es sich um ein Stück von allererster Güte; geprüft von unseren unabhängigen Expertinnen und Gutachtern. Unter uns: Es war lange weltweit sehr begehrt, aber in letzter Zeit beobachten wir einen leichten Rückgang der Nachfrage… Das ist also jetzt Ihre Chance, meine sehr verehrten Damen und Herren. Warten Sie nicht zu lange mit Ihrem Gebot! Das Objekt hat eine lange Geschichte… ich kann Ihnen leider gerade nicht sagen, wie alt es eigentlich ist. Es war schon immer da, könnte man sagen. Leider ist es manchmal unsichtbar geworden, verschwunden sozusagen. Ist ja auch nicht so leicht, sie festzuhalten, die Freiheit. Nun ist sie vor kurzem durch Zufall wieder aufgetaucht und wir haben gleich zugegriffen. Und heute steht sie hier zum Verkauf, die FREIHEIT! Was für ein Angebot! Wer bietet mehr?

Zuuuum ersten…!

„Damit wir gründlich erkennen können, was ein Christenmensch ist und wie es um die Freiheit bestellt ist, die ihm Christus erworben und gegeben hat, von der Paulus schreibt, will ich diese zwei Thesen aufstellen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem Untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.“

 

Zuuuum zweiten…!

Wie lange dauert es, bis Holz zu Stein geworden ist? Wann ist der Augenblick gekommen, an dem etwas Lebendiges tot wird und erstarrt? Dauert es 290 Millionen oder 1517 oder 501 Jahre?

Ein Körper, an Holz geschlagen, wird zum Zeichen des Heils in Gebäuden aus Stein. Ein Dickschädel hämmert seinen Protest ans Holz und wird zum Säulenheiligen. Und wir erklären die Freiheit zum obersten Dogma, meißeln sie in Impulspapiere und Gedenkschriften, wollen sie festhalten, denn wir meinen sie zu kennen, meinen zu wissen, wie sie auszusehen hat, wie sie sich anfühlen soll, die Freiheit. Und wir sprechen sie dadurch anderen ab, die sie für sich anders definieren und ausleben. Zur Freiheit hat uns Christus befreit, schreibt Paulus, das Gesetz gilt nicht mehr. Laut kräht er es hinaus, in Richtung des Petrus. Zwei Schreihähne übertönen sich gegenseitig und einer gibt die Richtung vor. Männersache: Richtungskampf. Beschneidung. Frauensache: Stumm sein. Kopftuch. Alles fein geordnet in Schubladen einsortiert, zugeschoben, fertig! Lebendige Freiheit wird zu ausgrenzender Versteinerung. Kikeriki!

Zuuuum zweiten…!

„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

Freiheit ohne Boden und festen Halt ist wie ein Boot, dem Wasser enthoben, frei schwebend. Es kann nicht mehr fahren, sondern treibt taumelnd in der Luft. Unser Bezugspunkt, unser Halt, ist nicht tot, sondern lebendig. Er liegt scheinbar erfolglos am Boden, durchbohrt, gefallen. Und bleibt doch Sieger. Wir gewinnen mit ihm unser Leben, nicht durch eigene Leistung, sondern durch Gottes Gnade. Und werden dadurch frei, für die Freiheit der Anderen einzutreten.

 

Zuuuum dritten…!

„Aus dem allem ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und seinem Nächsten. In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott. Aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und in göttlicher Liebe.“

Zuuuum dritten…!

Wieviel bist du bereit zu geben für deine Freiheit?

Sie ist unbezahlbar und hat doch einen hohen Preis. Sie kostet dich dein altes Leben. Aber sie gehört dir nicht. Wer in die Freiheit will, muss alles hinter sich lassen: Sicherheit, Orientierung, Hierarchien und Autoritäten, dein altes Ich. Nach vorne, zur Sonne, hinein ins Licht, bevor der Hammer fällt. Bevor du deine Freiheit wieder verkaufst. Lass dich nicht locken von falschen Angeboten, von der angeblichen Verknappung der Freiheit. Sie ist für alle da.

Gib dich nicht in die Gefangenschaft des Steins! Ruf nicht nach neuen Führern und Schubladen! Bleib lebendig! Deine Freiheit ist kostbar. Halte sie aus. Pass gut auf sie auf! Sie kostet dich Anstrengung und Mühe und Auseinandersetzung. Sie muss immer wieder errungen und anderen zugestanden werden. Auch wenn deren Freiheit anders aussieht als deine.

Mach dich nicht abhängig von Zeit, Geld und Leistung. Verlass dich allein auf Gottes Gnade. Du hast deinen Kompass. Du weißt, was Liebe ist. Teil sie aus, freigiebig. Du bist frei.

Wer bietet mehr?

Zum ersten, zum zweiten, zum dritten…. GESCHENKT!

Amen.