Gedenken zu 80 Jahren Novemberpogrome– Auszüge aus der Andacht am 9. November 2018 in St. Marien

 

Collage aus Psalm 74 und Psalm 130

Kehrvers „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott erhör mein Rufen“ (aus EG 299,1)

Gott, richte deine Schritte zu den ewigen Trümmern,

alles im Heiligtum hat der Feind verheert.

Sie werfen Möbel aus den Häusern.

Und Geschirr. Und Bücher. Und Menschen.

Kurze Stille

Kehrvers „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott erhör mein Rufen“

Deine Widersacher brüllten inmitten deiner heiligen Stätte,

stellten ihre Feldzeichen auf als Zeichen des Sieges.

Braune Horden bellen ihre Parolen.

Hakenkreuze. Überall.

An den Häusern. An den Synagogen.

Kurze Stille

Kehrvers „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott erhör mein Rufen“

Es war, wie wenn einer im dichten Gehölz die Axt schwingt,

so zerschlugen sie das ganze Schnitzwerk mit Hacke und Beil.

Sie schlagen Türen ein.

Fensterscheiben zersplittern.

Scherben. So viele Scherben.

Kurze Stille

Kehrvers „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott erhör mein Rufen“

An dein Heiligtum legten sie Feuer,

bis auf den Grund entweihten sie die Wohnstatt deines Namens.

Synagogen brennen.

Torarollen brennen.

Häuser brennen.

Kurze Stille

Kehrvers „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott erhör mein Rufen“

 

Gebet

Gott Israels,

erhör unser Rufen an diesem Abend,

in Erinnerung an die Nacht

und die Nächte und Tage,

in denen Jüdinnen und Juden Furchtbares angetan wurde.

 

Gott, erhör unser Rufen,

unser Erschrecken, wenn wir zurückdenken an Demütigungen, Unrecht, Gewalt;

an alles, was jüdischen Frauen, Männer und Kinder mitten in unserer Stadt erlitten haben und wieder erleiden.

– Stille –

Gott, erhör unser Rufen,

unsere Dankbarkeit über so viele Zeichen der Versöhnung zwischen Jüdinnen und Christen.

Wir sind dankbar, wo sich Menschen jüdischen, christlichen, muslimischen Glaubens und Menschen mit anderen Überzeugungen vertrauensvoll begegnen und friedvoll miteinander leben.

– Stille –

Gott, erhör unser Rufen,

unsere Sehnsucht nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde,

wo kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz und keine Tränen mehr sein werden, weil das Alte, auch das, was uns zu Recht bedrückt, für immer vergangen sein wird.

Erhör unser Rufen,

sei bei uns und bei allen, die dich suchen – jetzt und allezeit.

Amen.

 

Orgelmusik   Martina Kürschner: Aus tiefer Not schrei ich zu dir (Improvisation)

 

Erinnerungen

Einleitung

Die Novemberpogrome des Jahres 1938 stellen eine Zäsur dar. Sie markieren den Übergang von der seit 1933 verstärkt praktizierten Diskriminierung von Jüdinnen und Juden zur systematischen, gewalttätigen Verfolgung und Ermordung. Die Novemberpogrome sind nicht spontan entstanden, sondern wurden lange geplant und vorbereitet. Antisemitisches Gedankengut und praktische Folgerungen daraus finden sich in den Jahren davor in vielen Teilen der Gesellschaft, auch in unserer Kirchengemeinde.

Der Beginn

Im Gemeindeblatt der Parochialkirche (mit Namen „Parochialglocken“) heißt es im Januar 1937:

„Die Parochialgemeinde dürfte vielleicht die einzige, auf jeden Fall aber die erste Gemeinde sein, die klar erkannt hat, dass ohne den nationalen Umbruch im Jahr 1933 ein Weiterbestehen der Kirche nicht möglich gewesen wäre. Sie hat daher ihre gesamte Arbeit in den Gedanken und in den Dienst am Führer gestellt. Ein jeder Mitarbeiter ist stolz darauf, sich nicht nur als Christ, sondern auch als evangelischer Nationalsozialist bezeichnen zu dürfen.“

Ebenfalls im Gemeindeblatt der Parochialkirche findet sich im Juni 1938 ein Bericht von Pfarrer K., der schreibt: „Besondere Umstände haben es uns außerdem ermöglicht, über das Mieterschutzgesetz hinaus auf gütlichem Wege unsere nichtarischen Mieter zu entfernen, sodass in Zukunft endlich deutsche Namen an unserem Hause stehen. Diese Tatsache wird gewiss von allen Gemeindemitgliedern begrüßt werden.“

Orgel-Intermezzo I

Pogrome 9./10. November 1938

Die lange Zeit geläufigen Bezeichnungen „Reichspogrom- oder Reichskristallnacht“ erwecken den Eindruck, als seien die Novemberpogrome binnen einer Nacht geschehen. In Berlin zogen sie sich aber über drei, vier Tage hin. Wenn man „Reichspogrom- oder Kristallnacht“ hört, kann man zudem meinen, die Menschen seien aufgewacht und plötzlich waren alle jüdischen Geschäfte zerstört, ganz ohne ihr Zutun. Dabei haben sich viele am Plündern der Geschäfte beteiligt. Außerdem werden die Begriffe der Tatsache nicht gerecht, dass bei den Pogromen auch Synagogen zerstört wurden, sich Menschen im Schock das Leben nahmen oder auf der Straße gejagt und totgeschlagen wurden. (C. Kreutzmüller, leicht verändertes Zitat)

Die Augenzeugin Josepha von Koskull berichtet:

„Nahe von der Bank, in der ich arbeitete, war [rund um den Hausvogteiplatz] das Konfektionsviertel, der Sitz der „Haute Couture“ von Berlin, die vor dem Kriege sehr bedeutend war […]. Die Inhaber dieser Modehäuser waren meist Juden. Als ich um sechzehn Uhr aus dem Bankgebäude herauskam, hörte ich wüstes Schreien und Brüllen, man plünderte die Stofflager der Konfektionshäuser. [E]in Eindruck, der höllisch war. Aus den obersten Stockwerken warfen SA-Männer ganze Stoffballen herunter, die schönsten bunten Seiden wehten wie lange Fahnen an den Häuserfronten herab, unten stand die johlende Menge und riss sie an sich. Man sah Leute, die die Ballen in Autotaxen packten und mit ihrer Beute wegfuhren. Manchmal wurde ein Eimer Wasser herunter gegossen, um die Menge auseinander zu jagen, dann warfen die SA-Männer die Schreibmaschinen herunter, die in Stücke zersplitterten. Die Polizei stand untätig dabei. Ein Auto mit hohen SA-Führern fuhr ganz langsam durch das Menschengedränge, die Herren sahen sich um und lachten laut und herzlich. Ich war zutiefst angewidert. Ich dachte: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“. Eine auf der Straße liegende Scherbe Fensterglas hob ich auf, zum Gedenken an diesen Tag, da Berlins Straßen voller Glas lagen.“

(Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull (1898-1996) aus Berlin, (DHM-Bestand; Inv.-Nr.: Do2 98/501))

Orgel-Intermezzo II

Die Synagoge in der Kaiserstraße

In der Nähe des Alexanderplatzes stand die orthodoxe Synagoge Kaiserstraße, die 1.800 Menschen fasste. Sie befand sich zwischen Alexanderstraße und der heutigen Karl-Marx-Allee im Bereich der heutigen Jacobystraße. Zur Synagoge gehörte auch eine jüdische Mädchenschule.

Im Israelitischen Familienblatt ist 1925 zu lesen:

„In dem Bezirk, den die Synagoge Kaiserstraße beherrscht, ist die soziale Lage der Gemeindemitglieder gerade in diesen Zeiten keine besonders angenehme. Und dennoch muss man sagen, dass der Zusammenhalt hier unter den Mitgliedern ein besonders intensiv ist; dass der Wunsch, einander zu helfen, hier besonders stark ausgeprägt erscheint. Durch die religiös verschiedenartige Zusammensetzung des Publikums, in dem liberal gerichtete mit konservativ gestimmten Gemeindemitgliedern vereint sind, verlieren auch die religiösen Differenzen besonders an persönlicher Schärfe. So bildet die Synagoge Kaiserstraße mit ihrem würdigen Bau eine Perle in der Kette der Berliner Gotteshäuser. Von ihr darf gesagt werden, dass ihre Bänke an den Sabbaten und Feiertagen niemals leer stehen, dass sie vielmehr zu den besuchtesten Berliner Synagogen gehört.“

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird auch die Synagoge in der Kaiserstraße verwüstet. Rabbiner Pinchas Paul Biberfeld schreibt: „…heute wird nicht gebetet, die Kaiserstraße brennt.“ Die zerstörte Synagoge kann nicht mehr für Gottesdienste genutzt werden, eine Instandsetzung wird der jüdischen Gemeinde nicht erlaubt. 1942 schließt der Staat die jüdische Mädchenschule, 1943 geht das gesamte Grundstück durch Enteignung in Besitz des Staates über. Nach dem Krieg werden in den 1950er-Jahren die letzten Reste der Bebauung entfernt und eine neue Straßenführung angelegt. Auf dem ehemaligen Grundstück der Synagoge wird das Wohnhaus Alexanderstraße 19-23 gebaut. Die Synagoge gerät in Vergessenheit, jahrzehntelang ist sie spurlos aus dem Bewusstsein getilgt. Erst durch das Engagement Einzelner kann die Synagoge wieder lokalisiert werden. Seit einigen Jahren weist endlich ein Gedenkzeichen in der Alexanderstraße auf sie hin.

Vergessen ist auch die hebräische Inschrift über dem Portal der Parochialkirche. „Jhwh“ war dort 200 Jahre lang zu lesen – der Name Gottes in hebräischen Buchstaben. Am 22. Februar 1939 hat der Gemeindekirchenrat der Parochialkirche beschlossen, diese Inschrift in „eine zeitgemäße und künstlerisch angemessene Form“ zu bringen, d.h. sie zu entfernen. Sie ist bis heute nicht wieder angebracht.

Orgel-Intermezzo III

 

Lesung aus dem Ersten Testament: Sprüche Salomos 24,10-12:

10 Der ist nicht stark, der in der Not nicht fest ist.

11 Errette, die man zum Tode schleppt, und entzieh dich nicht denen, die zur Schlachtbank wanken.

12 Sprichst du: »Siehe, wir haben’s nicht gewusst!«, fürwahr, der die Herzen prüft, merkt es, und der auf deine Seele achthat, weiß es und vergilt dem Menschen nach seinem Tun.

 

Lesung aus dem Neuen Testament: Markus 14,66-72

66 Und Petrus war unten im Hof. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters;

67 und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth.

68 Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte.

69 Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Dieser ist einer von denen.

70 Und er leugnete abermals. Und nach einer kleinen Weile sprachen die, die dabeistanden, abermals zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer.

71 Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet.

72 Und alsbald krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen.

 

Stille

 

Lied: „Meine engen Grenzen“, Singt Jubilate 38

 

Fürbittengebet

Mit gesungenem Liedruf „Hevenu schalom alejchem“ (EG 433)

Gott Saras und Abrahams,

wir danken dir, dass du deinen unverbrüchlichen Bund mit Israel geschlossen hast,

und dass du uns durch Jesus Christus mit hinein rufst.

Halte uns die Erinnerung wach an die Pogrome vor 80 Jahren

und stärke uns, dafür einzutreten, dass Jüdinnen und Juden und Menschen jeglichen Glaubens in unserem Land sicher, respektiert und geachtet leben können.

Dies bitten wir und rufen zu dir: „Hevenu schalom alejchem!“

 

Gott Rebekkas und Isaaks,

wir bitten dich für die Begegnung und das Zusammenleben von Juden und Christinnen:

Dass Vorurteile abgebaut werden,

dass Schuld eingestanden und Schmerzen geheilt werden,

dass Unterschiede als Bereicherung verstanden werden,

dass gegenseitiger Respekt und Liebe füreinander wachsen.

Dies bitten wir und rufen zu dir: „Hevenu schalom alejchem!“

 

Gott Jakobs und Esaus,

wir bitten dich für die Überlebenden der Pogrome und Konzentrationslager,

die noch immer gezeichnet sind von dem erlittenen Grauen,

für die Nachkommen, die unter den Erinnerungen leiden,

dass sie Linderung finden in ihrem Schmerz,

dass sie auf ein Ende von Hass und Verachtung hoffen können.

Dies bitten wir und rufen zu dir: „Hevenu schalom alejchem!“

 

Gott Moses‘,

wir bitten dich für alle Flüchtlinge und Heimatlosen auf unserer Erde,

dass sie Aufnahme finden, ein neues Zuhause, oder heimkehren können in sichere Verhältnisse,

und für alle Minderheiten und Diskriminierten in der Welt,

dass sie Verbündete finden, die sich für ihr Lebensrecht und für gleichberechtige Umstände einsetzen,

dass Rassenhass und Verachtung ein Ende haben

und dass sich die Menschen einander als deine geliebten Kinder erkennen.

Dies bitten wir und rufen zu dir: „Hevenu schalom alejchem!“

 

Gott Noomis und Ruts,

wir bitten dich für alle, die antisemitische Vorurteile in sich tragen,

für alle, die andere aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer Sexualität hassen, verachten und verletzen,

für alle, die eine ausgrenzende Sprache propagieren,

für alle, die Opfer beschämen.

Lass sie ihr unrechtes Tun erkennen, leite sie auf dem Weg der Achtung und der Versöhnung.

Stärke du Gott, den Einsatz für Demokratie und Menschenrechte,

den interreligiösen Dialog und den Frieden.

Dies bitten wir und rufen zu dir: „Hevenu schalom alejchem!“

 

All das Ausgesprochene und das Unausgesprochene legen wir dir ans Herz.

Unseren Dank, unseren Schmerz und unsere Bitten.

Sei du bei allen, deren Namen wir dir nun in der Stille nennen:

Stille

Vaterunser

 Pfarrerin Corinna Zisselsberger