Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus

Liebe Gemeinde,
der Predigttest für die Christnacht dieses Jahres steht im Buch des Propheten Sacharja im 2. Kapitel. Gott selbst spricht:

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr. Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum Herrn wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der Herr Zebaoth zu dir gesandt hat. – Und der Herr wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. Alles Fleisch sei stille vor dem Herrn; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!

Liebe Gemeinde,
unser Predigttext wiederholt zweimal Gottes Aussage „Ich will bei dir wohnen“. Da Gott nach Zeugnis des Neuen Testamentes die Liebe ist, kann ich sagen: Die Liebe spricht: ich will bei Dir wohnen. Ich will bei dir wohnen bezeichnet erst einmal eine Absicht. Die Liebe zieht nicht gegen unseren Willen bei uns ein. Unsere Freiheit, mit der uns Gott ausgestattet hat, bleibt erhalten. Deswegen steht nur da: Ich will bei dir wohnen, aber nicht: Ich werde bei dir wohnen oder ich ziehe bei dir ein.
Was heißt nun: Die Liebe will bei mir wohnen. Denn der Adressat des Textes sind wir alle. Die Liebe hat ja in dieser Nacht die Gestalt eines kleinen Kindes angenommen. Diese Liebe will bei uns wohnen. Liebe ist konkret, ein angst- und straffreier Raum, den ich betreten kann. Ein Raum, in dem ich sein kann wie ich wirklich bin, ohne das ich fürchten müsste, dass etwas über mich bekannt werden darf, was ich an mir oder über mich ablehne. Ein Raum, in dem eine Energie ist, die es nur gut mit mir meint und mir wohltun möchte.
Woran erkenne ich, dass ich den Raum der Liebe noch nicht betreten habe und daher die Liebe vor der Tür wartet: Dazu würde ich gern Kriterien nennen, an denen sie das erkennen können:

  1. Ich bin besser zu anderen als zu mir selbst.
  2. Ich schaue nicht hin, sondern rede oder erträume mir alles schön. Dann habe ich viele Lebensweisheiten an den Wänden hängen oder in Büchern stehen, befolge aber keine.
  3. Ich will immer Harmonie. Nur keinen Streit.
  4. Ich versuche so zu sein, wie ich denke, dass andere mich gut finden und vieles mehr.
  5. Ich höre beim Sex nicht auf zu denken.

Aus Zeitgründen erläutere ich nur das erste Kriterium, dass ich zu anderen besser bin als zu mir selbst. Die Liebe wohnt dann nicht bei mir, denn ich bin zu anderen besser als zu mir selbst, weil ich mir selbst weniger Wert zumesse als anderen. Dahinter steht die Furcht vor dem Bekanntwerden alles dessen, was mich ausmacht. Ich fürchte, irgendetwas an mir, ist nicht gut. Daher betäube ich mit dem besser zu anderen als zu mir selbst zu sein Fragen über mich und das was mich wirklich antreibt. Meist ist das ein Defizit. Und das soll nicht bekannt werden.
Aber die Liebe kennt doch kein Defizit. Wenn sie bei mir einzieht, dann füllt der angst- und straffreie Raum mich vollständig aus und lässt mich mich selbst annehmen mit dem, was mich ausmacht und antreibt. Und bei anderen erkenne ich in ihren Worten und Taten auch ihre Verletzlichkeit, Trauer und Sehnsucht. Denn was mich an deren ärgert, ist mein eigener Schattenbereich. Da will nicht hinsehen. Aber wenn die Liebe bei mir wohnen darf,

  1. dann bin ich zu anderen so gut wie zu mir selbst.
  2. dann Schaue ich hin und lebe in der Realität.
  3. dann streite ich in dieser Liebe und erzeuge echte Harmonie ohne Gewalt und Moral. Sie stellt sich einfach ein.
  4. dann bin ich, wie ich bin.
  5. dann höre ich beim Sex auf zu denken.

Gewaltige Veränderungen. Solch viele Veränderungen möchten nicht viele. Warum ist denn kein Raum in der Herberge für das Kind in der Krippe, die Liebe selbst? Weil doch die Veränderungen so gewaltig sind, die die Liebe herbeiführt. Das ist leiden leichter als lösen. Da ist die Verdrängung in den Stall besser als die Liebe bei mir wohnen zu lassen.
Liebe Gemeinde, Weihnachten ruft zur Entscheidung, ob ich die Liebe bei mir wohnen lasse.
Amen