Gott im Hafen
Predigt zu Jesaja 55,1-5 am 30. Juni 2019 in St. Marien, Berlin

Auf der Getränkekarte: Wasser feinperlig, Wasser medium, Wasser still, Wasser sehr exklusiv in der kleinen Glasflasche. Es gibt da ja wirklich Unterschiede, sogar bei Mineralwasser. Ein interessantes Thema für den Smalltalk mit den Leuten, die sich an den Tisch zu einem gesetzt haben.
Die Weinkarte empfiehlt abends zu jedem Gang die passende Weinbegleitung, rot, weiß, rosé, Frankreich, Italien, Südafrika, je nach Geschmack, von trocken bis eher lieblich. Und morgens am Frühstücksbuffet gibt es Vollmilch, fettarme Milch, laktosefreie Milch, Sojamilch, kalte, warme, geschäumte Milch für den Kaffee.
Das ist ja schon Standard. Das gehört dazu. Darauf möchte man nicht mehr verzichten. Schon wenn man Essen geht, am Buffet im Urlaubshotel und auf dem Kreuzfahrtschiff.
Am schönsten ist es ja, wenn die Tischgetränke inklusive sind. Oder gleich alle Getränke, auch alkoholische und Cocktails, all inclusive 24/7. Denn ein Wort für „nicht mehr durstig“ gibt es nicht in unserer Sprache. Anders als beim Essen kann man das deswegen auch nie werden. Wasser, Wein, Milch, Cola, Fanta, Sprite, Kaffee, Cappucino, Espresso, Aperol Spritz, Hugo, Rhabarberschorle, Bionade, Fassbrause, Pils, Hefeweizen, alkoholfreies Hefeweizen…

Ich höre auf. Ich höre auf Jesaja:
Wohlan, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser. Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch. Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben (Jes 55, 1f.)

Warum gebt ihr euer Geld aus für All-inclusive Urlaub möglichst zweimal im Jahr und für All-inclusive-Pakete auf den beliebten Kreuzfahrtschiffen inklusive aller Tischgetränke und Trinkgelder?
Und kreuzt auf der beliebten Route „Mediterrane Schätze 2“ haarscharf die Route der Sea Watch 3 mit gut vierzig vor dem Ertrinken geretteten Menschen an Bord, die anders als euch kein organisierter Landgang in Italiens Küstenstädten erwartet, außer in Venedig, denn da wird es nun wirklich langsam zu voll und das ist ja schade, denn das hätten wir ja auch noch gerne gesehen…
Es gibt kein Wort für „nicht mehr durstig“ in unserer Sprache. Und es gibt offenbar auch kein Wort und kein Gefühl dafür, dass es irgendwann genug ist.

Ich liebe Schiffsreisen und ich bin mir sicher, ich würde auch Kreuzfahrten sehr lieben. Aber ich kann das nicht. Denn es ist genug. Ich halte das nicht mehr aus. Der Lebensstandard sehr vieler Menschen in Deutschland und in Europa steigt immer weiter. Ein Sinnbild dafür ist für mich die ganze Kreuzfahrerei. Gefühlt kann sich fast jeder oder zumindest immer mehr eine Kreuzfahrt leisten und behaglich an Deck am Pool liegen.
Während zur genau gleichen Zeit wenige Seemeilen entfernt Menschen in offenen Schlauchbooten unter brennender Sonne und ohne Trinkwasser in einem Gemisch aus Salzwasser, Diesel und ihren eigenen Exkrementen sitzen. Und Ausschau halten nach einem Punkt am Horizont, der vielleicht, hoffentlich, ein Schiff sein könnte.

Ich höre die, die sagen: Sie sind ja schließlich selbst in die Boote gestiegen. Und: Die Seenotretter nehmen den Schlepperbanden bloß die Arbeit ab und sichern ihnen ihr Geschäft. Das stimmt beides. Aber das ist beides kein Grund, diese Menschen in den Schlauchbooten einfach ertrinken zu lassen. Ihr Leben zu retten, hat Vorrang vor allem anderen. „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“
Heute vor einer Woche, auf dem Kirchentag in Dortmund, ist dieser Satz in der Predigt des Abschlussgottesdienstes gesagt worden. Gestern ist die Kapitänin der Sea Watch 3 in Italien festgenommen worden. Der italienische Präsident Salvini hat sie persönlich attackiert: Sie würde nur ihr Gewissen beruhigen wollen, weil sie privilegiert aufgewachsen sei, eine weiße Hautfarbe habe und aus dem reichen Deutschland komme.
Ich sage: Wenn alle, auf die das zutrifft, sich mit dem gleichen Mut und der gleichen Entschlossenheit wie diese junge Frau für die zivile Seenotrettung einsetzen würden, dann würden keine Menschen mehr ertrinken müssen. Aber noch sind nicht genug Gewissen beunruhigt.
Ich bin deswegen sehr dankbar, dass sich unsere evangelische Kirche viel stärker als bisher in der zivilen Seenotrettung engagieren will. Der Rat der EKD überlegt, ein weiteres Rettungsschiff zu kaufen. Ich hoffe und bete, dass er das auch tut. Denn das wäre eine gute Investition, eine Investition in Menschenleben.

Investiert doch nicht immer an der falschen Stelle, sagt Jesaja. Mit Geld lässt sich nicht alles kaufen. Und die Fülle des Lebens ist nicht das Buffet auf der AIDA. Wasser, Wein, Milch, die Quelle, die Freude, die Nahrung für unser Leben gibt es woanders, bei Gott. In seinem Licht sehen wir das Licht. Und sehen auch, in welcher Dunkelheit unsere Welt ist.

Kommt her zu mir. Hört auf mich, so werdet ihr leben. Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes. (Jes 55, 3-5)

Jesaja erinnert sein Volk an das, was Gott versprochen hat. Israel war in einer schwierigen politischen Situation damals, seiner staatlichen Souveränität beraubt, einer ungewissen Zukunft entgegensehend, klein und verloren in der großen Geschichte. Gott hat sich für seinen Bund mit den Menschen schon immer eigenwillige Repräsentanten ausgesucht. Wider Erwarten wurde ja in Israel nicht der Älteste oder der Größte, sondern der Kleinste der König. Der, der ganz zuletzt an der Reihe war im Feld der Bewerber. Der kleine Hirtenjunge David mit den schmutzigen Füßen und der Steinschleuder.

Die beständigen Gnaden Davids. Diese traumwandlerische Sicherheit, mit der Gott sich die Kleinen, Schwachen, die am Rand auswählt, um mit ihnen einen Bund zu schließen. Dieser Bund ist kein Exklusivvertrag. Er schließt auch die Menschen aus anderen Völkern ein, uns zum Beispiel, die wir nicht von Geburt an zu Gottes Volk gehören. Wer die Quelle sucht und die Freude, die Nahrung für sein Leben, wer Wasser möchte und Wein und Milch, ist Gott willkommen. Bei ihm ist die Quelle des Lebens und in seinem Lichte sehen wir das Licht (Psalm 36,10).

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. (Mt 11, 28) Das hat Jesus gesagt, auch so einer vom Rand, aus der galiläischen Provinz, auch mit schmutzigen Füßen vom Wandern. Der uns in Gottes Liebe zu Israel mit hineingenommen hat und uns die gleiche bedingungslose Liebe gelehrt, die Hingabe an die Armen und Schwachen. Jesus sagt: Kommt her zu mir, kommt auf meine Seite, wo Macht und Einfluss einfach mal nichts bedeuten.
Jesus sagt: Was ihr getan habt einem von diesem meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan (Mt 25,40). Und Jesus sagt: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich (Mt 5,10)
Steht doch endlich auf von euren vollen Tischen, mit feinperligem Wasser, trockenem Chardonnay und Latte Macchiato. Denn das alles wird euch niemals nicht mehr durstig sein lassen. Kommt runter von den Kreuzfahrtschiffen und kauft von eurem Geld, was wirklich satt macht. Kauft Rettung und Leben für andere Menschen.

Und hört auf mit der ängstlichen Fragerei, wie das alles werden soll und dass wir nicht alle aufnehmen können. Ich war gestern bei der Abiturfeier meiner Tochter, in einem ganz normalen Gymnasium in Sachsen-Anhalt. Und mit ihr vorne stand Abdullah, vor drei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen als unbegleiteter Flüchtling, kein Wort Deutsch sprechend. Er stand da mit seinem Abiturzeugnis in der Hand, so strahlend und stolz. Und diese Schulaula mitten in Sachsen-Anhalt war einen Moment lang ein Ort voller Hoffnung.

Der ewige Bund Gottes mit den Menschen ist der ewige Bund mit den Armen und Schwachen. Unter uns vertreten durch den Hirtenjungen David in Israel und den Wanderprediger in Galiläa und bis heute durch alle, die sich die Füße schmutzig machen und die Hände. Die wie die Kapitänin der Sea Watch 3, wie David dem Goliath entgegen in einen italienischen Hafen einfahren mit 40 Menschen an Bord, die sonst alle einfach ertrunken wären im Meer. Und sich gefangen nehmen lassen von den italienischen Behörden.
Wenn ihr ihn sucht, wenn ihr die Quelle wollt, die Freude und Nahrung für euer Leben:
Da im Hafen von Lampedusa ist Gott.

Amen.