VORHER GELESEN

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Staub erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze. Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er? Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden. Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest! Meinst du, einer stirbt und kann wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt. Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Hiob, Kapitel 14, Verse 1-17

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Gott, stell Dir vor, Du wärst der ganze Sinn meines Lebens,
nicht weniger und nicht mehr.
Wärst Du bereit, für mich die Zelte abzureisen?
Wie Bonny und Clyde die Straßen entlang zu kreisen,
und mich nie mehr mit „Du bist schuld“ abzuspeisen?

Das Ziel wäre mir egal, ankommen, irgendwohin,
ohne Angst wie die Adler und Freiheit wär unser Sinn!

Gott, stell dir vor, Wut, Raserei und Zorn würde ich dir lassen,
nicht weniger und nicht mehr,
wärst Du bereit, mich dennoch nicht zu hassen,
Dir die Stimme heiser und wund schreien,
dass deine Liebe – unsre Liebe – uns heilt,
und die Dämonen meiner Angst zerteilt?

In wieviel Teile, das wäre mir egal, weg soll’n sie sein,
und niemand soll mich mehr nennen – unrein.

Gott, stell Dir vor, ich bliebe ehrlich,
alles Schimpfen, aller Frust, sie wären entbehrlich.
Gott, stell dir vor, ich bliebe ehrlich,
mit dir, mit mir, mit uns und all den andern,
die den Weg des Todes mit uns wandern.

Wir wären wie die Bäume, im November fast tot,
doch im Sommer blühen grün die Träume.
Immer wieder, ohne Ende – bleiben hier unvollendet –
dort aber, wo sich alles wendet,
dort wirst du warten auf mich.

Gott, stell‘ Dir vor ich bliebe bei Dir,
hieltest Du es aus mit mir?
Mein Schwert ist scharf und nicht nur dein’s.
Hältst Du es aus mit mir an deiner Seite?
Oder liege ich verlassen inmitten aller Weite?
Verlassen für kurze Zeit, voll Unruhe die Schatten,
wie wasserlose Blumen ermatten, so will ich nicht sein – so soll es nicht sein.
Bestimmt, ja bestimmt sind meine Tage, aber sie kriegen mich nicht auf die Trage.
Trag Du mich, schöner Gott, geliebter, versteckter, seltsamer Gott.

Ich bin kein See, der endlos Wasser führt,
das weiß ich, Herr, das weiß ich,
doch wünschte ich, es wäre so,
ein Leben wie im Ponyzoo.

Nein, nein, nein.
Du singst das Lied und ich summe mit.
Schräg und selten nur mit Harmonie,
doch aufgeben werde ich nie, nie, nie.

„Halleluja“ schreien sie und tanzen auf dem Vulkan,
und ich krieg kaum noch Luft auf dem sinkenden Kahn.

Hiob hat’s mir vorgemacht,
von vielen danach geglättet und zurechtgebracht.
Ich kann ihn versteh’n,
ich kann ihn seh’n und lass ihn geh’n.
Hat er Frieden gefunden?
Sie sagen ja und doppelt wurde er dafür entlohnt.

Hab ich die Kraft, den Frieden,
– wie er –
heute das Leid und die Hoffnung auf morgen verschieben?
Wer weiß schon was morgen ist, was gestern war,
für manche ist’s ein Vogelschiss, für mich bleibt’s wahr.

Auch Vogelschisse können ätzend sein,
tief sinken sie in die Fugen unserer Häuser ein.
Dort schlummern sie auf Jahr und Tag
und blüh’n mit einmal ungefragt.
Eisblumen gleich verführen sie für einen Moment,
am Ende verwelken sie und mit ihnen der ganze Zement.

Dann bleiben die Steine locker zurück,
und alle fragen entzückt:
Wie konnte werden, was jetzt ist,
wir haben vergessen, was uns zerfrisst.

Hiob – ich kann ihn versteh’n,
ich kann ihn seh’n und lass ihn geh’n.
Hat er Frieden gefunden?
Gewettet soll’n sie haben,
Gott, Teufel und die ganzen Höllenknaben.
Ich glaub‘ das nicht,
bleibt am Ende wirklich nur Gericht?
Nicht zugericht, nicht angericht, einfach nur Gericht.

Ist damit aller Schmerz schon wegerklärt,
dass Jesus mal ordentlich vor der Weltentüre kehrt?
Ich glaub‘ das nicht,
und sehe mich und uns und diese Welt so zugericht.

Ist das die Geschichte, die wir erzähl’n?
Dass Mensch und Gott und Mensch sich immer nur verfehln‘?
Dass nichts verwahrt und nichts verborgen bleibt,
dass Krankheit, Blut und Schauer uns und dieser Welt ohn‘ Ende dräut.
Ich glaub das nicht und lass‘ sie tünchen.

Ach, könnte ich nur, wie ich wollte,
es wäre keine Revolte,
ein sanfter Wind im Wasserglas –
ja, den wünscht‘ ich mir.
Kein Sturm, der alles verweht, was eh vergeht.
Wie sanfter Wind im Wasserglas,
der unmerklich zart die Narben kühlt,
die Hoffnung schürt,
den Traum aus der Asche holt,
in der so viel Leben verkohlt.

Es ist ein weites Feld. Da haben sie alle recht,
doch ist dieser Trost für mich nicht echt.
Ein weites Feld, dort liegen sie.
Ein weites Feld ist auch das Bett, aus dem keiner der andern mehr helfen kann.
Ein weites Feld ist dieses Leben mit all den großen und kleinen Beben.

Ach Gott, die kleinen und die großen weiten Felder,
schön sind sie anzuseh’n,
doch lassen sie uns verloren geh’n.
Sie geben keinen Halt und machen die Gedanken stumm.

Meine Schritte kann keiner mehr zählen,
darum brauche ich Dich,
nicht zum Versiegeln oder Übertünchen,
nicht zum Vertrösten oder Abdecken der Sünden.
Ich brauche Dich, Du Sinn des Lebens.
Ich brauche Dich, Du Zelt der Zeit.
Ich brauche Dich und Deine Wahrhaftigkeit.
Ich brauche Dich.
Ich brauche Dich.

Kommst Du?

Amen

NACHHER GESUNGEN

Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin.
Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.
Stets will ich euch tragen recht nach Retterart.
Wer sah mich versagen, wo gebetet ward?
Denkt der vor‘gen Zeiten, wie, der Väter Schar
voller Huld zu leiten, ich am Werke war.
Denkt der frühern Jahre, wie auf eurem Pfad
euch das Wunderbare immer noch genaht.
Lasst nun euer Fragen, Hilfe ist genug.
Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.

ZUM WEITERHÖREN

Black Sea Dahu – In case I fall for you