Predigt von Pfarrerin Corinna Zisselsberger im Gottesdienst mit Salbung am Altjahresabend, 31. Dezember 2018, Predigttext: Jesaja 51,1-6.

Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den HERRN sucht: Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren. Ja, der HERR tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des HERRN, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang. Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

(I. Hört mir zu, die ihr den HERRN sucht)

Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den HERRN sucht.

Ja, hört mir zu: Ihr, die ihr Gott sucht. Die ihr nach Gott sucht, heute an diesem Abend, an der Schwelle zum neuen Jahr. Die ihr Gott sucht, in eurem Leben, immer schon oder wieder oder zum ersten Mal.

Hört mir zu, die ihr Gott sucht, und dort gefunden habt, in der Krippe von Bethlehem. Wisst ihr noch, wie es geschehen?

Hört mir zu, ihr Weihnachtsfreudigen, ihr Festtagssatten, ihr Erholten und Entspannten, ihr Urlauberinnen.

Hört mir zu, ihr Strahlenden, ihr Verliebten, ihr Glitzerbestäubten, die ihr Gott sucht und das Glück und die Freude und Dankbarkeit gefunden habt.

Hört mir zu, ihr Ruhelosen und Engagierten, die ihr nah dran seid an der Gerechtigkeit, voller Einsatz, pausenlos.

Hört mir zu, ihr Gottessucherinnen, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, oder aufgegeben habt, weil die Jagd auf die Gerechtigkeit irgendwann müde macht.

Hört mir zu, ihr Müden, ihr Frustrierten, ihr Familiengeschädigten, ihr Einsamen, die ihr Gott sucht und nicht findet.

Hört mir zu, ihr Kranken und Sterbenden, die ihr Gott sucht, die ihr euch nach Gerechtigkeit sehnt, am Ende des Jahres, am Ende eures Lebens.

Hört mir zu, alle, die ihr den HERRN sucht.

(II. Schaut euch an!)

Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid.

Ja, Ihr Gottessucher, schaut an den Fels, aus dem ihr gehauen seid. Von Gott seid ihr geschaffen, wohlgeformt und wunderbar.

Seht auf euren Körper, der euch durch das vergangene Jahr getragen hat: Betrachtet eure Hände, eure Werkzeuge zum Arbeiten und zum Streicheln; eure Hände, die Gemüse klein geschnippelt und Kaffee gekocht, die geschrieben, in der Nase gebohrt, auf Tastaturen gehämmert, die zum ersten Mal ein Kind gehalten, die Tränen weggewischt, die auf Wiedersehen gewunken haben.

Spürt eure Füße, die auf alten und neuen Wegen unterwegs waren, die Umzugskisten geschleppt, ungeduldig gewartet, im warmen Wasser gebadet, die vor Freude gehüpft, vor Angst gezittert, die ausgelassen getanzt haben. Eure Füße, die in Sandalen steckten, in Turnschuhen, Bergstiefeln und Festtagsschuhen.

Fühlt euer Gesicht: Euren Mund, der gelacht, geschrien, geküsst hat; Eure Augen, die die Schönheit der Welt und das Elend gesehen haben.

Ihr Gottessucherinnen, aus Fels seid ihr gehauen, aus Generationen hervorgekommen. Einen Dickschädel habt ihr manchmal, aber immer ein weiches Herz.

Schaut an des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid.

Die lebendige Quelle eures Lebens und den Fluss der Geschichte, der euch geformt hat und an Land gespült.

Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid.

Seht euch an, in welcher Tradition ihr lebt, mit welcher Zusage: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“, sagt Gott zu Abraham. (Genesis 12,2) Aus Abraham und Sara seid ihr geboren und wie sie von Gott dazu beauftragt, Segen zu empfangen und ihn weiterzugeben. Ihr Gesegnete!

(III. Gott tröstet die Trümmer)

Ja, der HERR tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des HERRN, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.

Ja, Ihr Gottessucherinnen, schaut auch auf eure Trümmer, seht euch an eure Wüsten und euer dürres Land.  Das Kaputte und Abgebrochene, das Ausgetrockenete und Unfruchtbare in eurem Leben – bei Gott wird es verwandelt werden.

Schaut ehrlich auf eure Trümmer, auf das, was euch in diesem Jahr belastet hat, auf eure Durststrecken, auf eure Irrwege.

Schaut auf die Tränen, die ihr geweint habt, schaut auf die Schuld, die ihr auf euch geladen habt, schaut auf die Fragen und Zweifel, die sich nicht aufgelöst haben, schaut denen nach, die ihr vermisst.

Legt alles Gott hin. Lasst los.

Und schaut auch auf eure Wonne und Freude, euren Dank und Lobgesang. Auf die Lachanfälle, die Jubelmomente, das unfassbare Sekundenglück: „Und du denkst, dein Herz schwappt dir über…“ Schaut auf all die Wonnestunden und Freudenmomente. Schaut sie euch an – voller Dank und Lobgesang.

(IV. Weisung und Licht)

Und dann merkt auf Gott, hört auf ihn, Leute!

Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm.

Ja, Ihr Gottessucher, nahe ist euch der, den ihr sucht. Seine Gerechtigkeit ist nahe, sein Heil tritt hervor. Er war nie weg, er braucht kein Comeback, denn er ist im Gange, er ist in der Welt, er ist in eurem Leben, und fühlt es sich auch so an, als säßet ihr auf einer einsamen Insel. Bleibend nah ist der, den ihr sucht, euer Licht. Er leuchtet euch den Weg, wenn ihr nicht weiterwisst, er gibt sich euch zu erkennen, wenn ihr nichts mehr von ihm erwartet, er war und ist immer bei euch.

(V. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde)

Also: Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben.

Das ist Silvester, das ist Altjahresabend, Ihr Gottessucherinnen: Aufstieg und Fall der Raketen. Erinnerung an Vergänglichkeit. Auch ich vergehe und will es doch nicht wahrhaben. Ich vergehe und sterbe wie eine Mücke.  Das ist ein Schmerz, den ich aushalten muss, den mir niemand nehmen kann, aber ich kann ihn Gott hinhalten. Aufstieg und Fall des Lebens: Vergehen wird das, was mir vor Augen steht.

Ihr Gottessucher: Hebt eure Augen auf gen Himmel, blickt den Raketen nach, wie sie aufsteigen, Highlights, wie sie sich im Glitzertaumel farbentrunken in die Nacht ergießen. Sie vergehen im Rauch, fallen zurück auf den Boden.

Schaut unten auf die Erde! Dort liegen sie im Staub, die explosiven Gaukeleien, die abgebrannten Ablenkungen, die Zündeleien, die Munition. Es wird nicht so bleiben, wie es ist. Denn der, den ihr sucht, ist nah. Es vergeht, damit entsteht. Vergehen werden die Sachzwänge und die vermeintlich unveränderlichen Strukturen; vergehen werden unsere Ängste, das Zögern, die halbherzigen Entschuldigungen; vergehen werden die harten Herzen, die brutale Gewalt, der Hohn; vergehen wird das, was euch gefangen hält. Es zerfällt, damit besteht.

(VI. Mein Heil bleibt ewiglich)

Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

Bestehen wird der, den ihr sucht, der sich von euch hat finden lassen. Der immer schon bestand und auch jetzt besteht. Sein Heil bleibt ewiglich und seine Gerechtigkeit hat Bestand. Ihr Gottessucherinnen: Hört nicht auf, Gottes Gerechtigkeit nachzujagen und seinem Frieden! Das ist Silvester, das ist Neujahr: Über die Schwelle der Nacht hinein in die Weite des noch unangetasteten Jahres.

Ihr Gottessucher: Was erhofft ihr euch von ihm in dieser Nacht, in der letzten Nacht des fast vergangenen Jahres? Nicht weniger als Wunder dürft ihr euch erhoffen! Dass eure Trümmer getröstet, dass aus euren Wüsten Gärten werden, dass ihr Wonne und Freude findet. Dass seine Gerechtigkeit sich durchsetzt und denen dient, die sich nach ihr sehnen.

Er, der Ewige, er erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen. (Dietrich Bonhoeffer) Er verheißt uns: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“. Hört mir zu, Ihr Gottessucherinnen: Gott will euch segnen und ihr werdet ein Segen sein! Jetzt und im neuen Jahr und für immer.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!