Predigttext: Jeremia 29,1.4-7.10-14

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

(I. Ausnahmezustand)

Bei mir Zuhause herrscht gerade Ausnahmezustand. Braune Kisten, halb gefüllt mit Habseligkeiten, stehen kreuz und quer in der Wohnung, Bücher liegen stapelweise auf dem Boden, Regalbretter lehnen abgebaut an der Wand, Müllsäcke türmen sich in einer Ecke. Mein Leben verschwindet in Kisten und wird an einen anderen Ort verfrachtet und ich sitze auf gepackten Koffern. Ein merkwürdiges Gefühl. Bald wird es mein bisheriges Zuhause so nicht mehr geben.

Ausnahmezustand. Die Post bleibt erstmal ungeöffnet, das Geschirr ist schon eingepackt, Putzen lohnt sich jetzt auch nicht mehr, der Alltag dreht sich hauptsächlich um die lange Liste, auf der steht, was auch noch zu erledigen ist. Die Zeit steht still und gleichzeitig rast sie. Was nicht hochdringlich ist, wird erstmal verschoben – auf später. Mich nerven die Unordnung und das eigentümliche Dazwischen dieser Situation. Ist ja nicht mehr lange, dieser Ausnahmezustand, sage ich mir. Bald ist es vorbei. Und dann kommt endlich die Normalität zurück, dann beginnt wieder mein richtiges Leben.

(II. 70 Jahre)

Ähnliche Wünsche und Gedanken werden vielleicht auch die Menschen gehabt haben, die im 6. Jahrhundert vor Christus in der Stadt Babel landeten. Sie befanden sich allerdings in einem Ausnahmezustand, gegen den mein freiwilliger Umzug ein Spaziergang ist. Unfreiwillig und gewalttätig waren sie deportiert worden, aus Jerusalem in die Hauptstadt des Babylonischen Reiches. Über 1000 km hatten sie ziehen müssen, wahrscheinlich nur mit wenigen oder gar keinen ihrer Habseligkeiten, und nun saßen sie in einem fremden Land, in einer ihnen feindlichen Umgebung und fragten sich, wo Gott geblieben sei und wann dieser Zustand endlich wieder aufhören werde. Die Antwort, die sie bekamen, lesen wir im Buch Jeremia im 29. Kapitel:

1Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte: 4So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl. 10Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.

70 Jahre also wird der Ausnahmezustand für Israel dauern. Eine lange Zeit…Ein ganzes Menschenleben. Kinder werden geboren, Alte sterben, Kindeskinder kommen auf die Welt. Lang wie Kaugummi zieht sich die Zeit, ziehen sich die Stunden, Tage, Monate, Jahre, Jahrzehnte.

Das Leben im Ausnahmezustand ist kein vorübergehendes Provisorium, sondern die Normalität, so die Botschaft Jeremias. Es gibt kein Zurück in die alte Heimat, nur ein besseres oder schlechteres Arrangieren mit der Situation, mit den äußeren Bedingungen. Schlimm wäre es wohl, den Kopf in den Sand zu stecken und die Hände in den Schoß zu legen. Zu verharren in einer Gelähmtheit, die einem alten Zustand nachtrauert. Abwartend, verzweifelnd…

(III. Das richtige Leben im falschen)

Stattdessen zeichnet der Prophet anregende Hoffnungsbilder und steckt sie in Imperative: Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Gärten und esst die Früchte! Findet Partnerinnen und Partner und gründet Familien! Gestaltet eure Umgebung mit und betet für sie – so fremd und lebensfeindlich sie euch auch erscheinen mag! Wenn ihr so handelt, dann lebt ihr Gottes Auftrag.

Ich höre darin eine anrührende Aufforderung, den ungeliebten Ausnahmezustand selbst so bewohnbar wie möglich zu gestalten. Wer Häuser baut, Gärten pflanzt, Familien gründet, in der Gesellschaft mitwirkt, der beteiligt sich schöpferisch und kon-struktiv, also aufbauend im wahrsten Sinne des Wortes an der eigenen Umgebung, am eigenen Schicksal. Vielleicht ist dadurch – in Abwandlung eines Zitats – sogar ein richtiges Leben im eigentlich falschen möglich.

(IV. Provisorische Daseinshaltung)

Im falschen Leben, im Ausnahmezustand, haben sich ja nicht nur die nach Babel Verschleppten gefühlt. Der Soziologe Hartmut Rosa, tätig in Jena, schreibt:

„Fragen Sie sich selber, fragen Sie Ihre Bekannten, Verwandten, Kinder, wer immer es sein mag, wie es denen geht. Ich bin ganz sicher, neun von zehn Antworten lauten: ‚Ja, eigentlich ist alles optimal, es geht mir gut, es ist nur gerade alles so [stressig], im Moment habe ich so wenig Zeit, ich bin augenblicklich so unter Druck.‘  Das sagt so gut wie [jede und] jeder zu jeder Zeit. Ich empfehle dann immer, das ‚im Moment‘ zu streichen. ‚Im Moment ist alles so [stressig]‘ – genau auf diese Illusion hin betreiben wir unser Leben. Wir denken offenbar, dass es schon irgendwann einmal besser wird. Dies ist aber nicht der Fall.“ (in: Dimensionen der Zeit 39) Soweit Hartmut Rosa.

Der Ausnahmezustand als Dauereinrichtung. Die Illusion, von der Rosa spricht, lässt sich als „provisorische Daseinshaltung“ verstehen, als eine Einstellung, bei der immer auf die vermeintlich besseren Zeiten gewartet wird, weil alles Bisherige und Gegenwärtige nur Provisorium ist. Man ist sozusagen gefangen im Jetzt. À là: Wenn ich erstmal das Studium beendet habe, umgezogen bin, den Job gewechselt habe, einen neuen Partner habe, die Kinder größer sind, die Eltern nicht mehr zu pflegen sind, der Ruhestand da ist… dann, ja dann wird es gut! (Bitte nicht missverstehen – ich will Lebenskrisen nicht klein reden. Und ich glaube, es gibt für alles Aufgezählte hinderliche Umstände und daher auch gute Gründe sich nach Durststrecken auf eine Veränderung zu freuen.)

(V. Bei Gott zuhause)

Die befreiende Botschaft Jeremias ist, dass Leben jetzt und hier stattfindet und sich nicht auf später verschieben lässt. Wir sollten nicht darauf warten, dass sich die äußeren, auch widrigen Umstände bessern und das eigentliche Leben beginnt, sondern selber aktiv gestalten innerhalb des Rahmens an Möglichkeiten, die wir haben. Also: Den Ausnahmezustand bewohnbar machen. Das richtige Leben im eigentlich falschen suchen und in die Hand nehmen. Und dabei auf Gottes Verheißung vertrauen, dass es gut wird.

Gott hat den nach Babel Verschleppten die Kraft gegeben, ihren Ausnahmezustand bewohnbar zu machen. Und Gott gibt auch uns die Kraft dafür. Gott, bei dem unser Zuhause ist.

Wie es weiter bei Jeremia heißt:

11Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. 12Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören. 13Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Gott wird den Ausnahmezustand überwinden. Ohne Ausnahmen! Mag er 70 Jahre dauern. Bis dahin sind wir aufgerufen, ihn uns bewohnbar machen. Zu bauen, pflanzen, essen, Beziehungen zu führen und Familien zu gründen, uns einzusetzen für ein friedliches Miteinander. Und nicht zuletzt: Für die Stadt und die Umstände, in den wir leben, im Gebet einzutreten – mögen sie uns noch so lebensfeindlich erscheinen. Das ist unsere Stärke!

So schaffen wir es vielleicht, uns zwischen halb ausgepackten Kisten und Koffern, im Ausnahmezustand unseres Daseins, ein Zuhause zu bauen.

Und dann können wir auf die Frage, die Hartmut Rosa aufwirft, auf „Wie geht es dir?“ antworten:

„Danke, mir geht es ausnehmend gut.“

Amen.