Predigt zur Einführung_2. Sonntag vor der Passionszeit_16. Februar 2020_Hesekiel 2,1-10; 3,1-3

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft der Heiligen Geistkraft sei mit euch allen. Amen.

(I. Liebe geht durch den Magen)
Liebe geht durch den Magen. Vom Beginn des Lebens an, vom ersten Saugen des Neugeborenen, gierig nach Nahrung und Wärme. Liebe geht durch den Magen. Als Schmetterlinge flattert die Liebe im Bauch und die Liebenden ernähren sich bekanntlich nur von Luft und ihrer Zuneigung zueinander.
Liebe geht durch den Magen. Denn neben der geistigen Nähe zeichnet Liebe sich auch durch den Drang nach sinnlicher Verbundenheit aus. Durch Blicke, Berührungen, Gerüche und durch Geschmack. Gemeinsames Essen, geteilte Körperlichkeit: So warm die Haut, so kühl der Wein, so unverwechselbar-vertraut der Duft, so schnell das Herzklopfen, so süß das Tiramisu, so bitterlich die Tränen. Wenn die Liebe ausbleibt oder sich verändert, dann geht sie auch durch den Magen, ja, sie schlägt sogar volle Kanne drauf. Bäm! Appetitlosigkeit, Heißhunger, Bauchweh sind die Folgen… Wer liebt, der tut dies mit der ganzen Existenz:
Liebe, der gastro-enterologischste aller emotionalen Zustände.

(II. Auf die Füße gestellt)
Nicht nur Liebe geht durch den Magen, sondern auch die Berufung zur Verkündigung von Gottes Wort. Da wird einer ganz schön durchgeschüttelt. Gott beruft Ezechiel und fährt ihm damit durch Magen, Mark und Bein. Von Gottes Glanz überwältigt, fällt Ezechiel auf sein Angesicht. Und nun folgt der erste Schritt der Berufung: Gott stellt ihn wieder auf die Füße.
Gott sagte zu mir: Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, dann will ich mit dir reden. Als er zu mir redete, kam Geistkraft in mich – sie richtete mich auf meine Füße. Da hörte ich, was Gott zu mir sagte.
Durch Geistkraft wird Ezechiel aufgerichtet – um zu hören. Im Gottvertrauen lässt er sich auf die Füße stellen und seine Füße auf weiten Raum. Wer Ohren hat, der höre! Gott sagt: Komm hoch, Freund:in! Du Menschenkind. Bleib aufrecht. Du Kind Gottes, du eine*einer unter vielen, berufen und gesegnet.

(III. Ins Offene)
Ja, wer Ohren hat, der höre auf Ezechiel:
Gott sprach zu mir: Menschenkind, ich sende dich zu [denen], die sich misstrauisch gegen mich auflehnen. Bis heute haben sie und ihre Väter und Mütter immer wieder mit mir gebrochen. Die Töchter und Söhne haben erstarrte Gesichter und verhärtete Herzen. Ich sende dich zu ihnen, dass du zu ihnen sagst: »So spricht der Lebendige, mächtig über allen«. Sie aber – ob sie hören oder es lassen, denn sie sind verschlossen wie ein verschlossenes Haus – werden merken, dass mitten unter ihnen prophetisch geredet wurde.
Ohren auf! Gott sagt: Komm ins Offene, Freund*Freundin! Sei nicht verschlossen wie das verschlossene Haus! Sondern offen und bereit, Gottes Wort zu reden!
Auf die Füße gestellt im Vertrauen auf Gottes Geistkraft, das war der erste Schritt. Und nun folgt der zweite Schritt der Berufung: Hin zu den Verschlossenen, Verhärteten, Erstarrten wird Ezechiel gesandt. Dort, wo Misstrauen und Abkehr von Gottes Weisung wachsen, wo die Zweifel überwiegen und dunkles Gedankengut sich wie ein schleichendes Gift ausbreitet. Wo der Bauch nicht mit Liebe, sondern mit Wut und Angst gefüllt ist.
Gott sagt: Ja, Menschenkind, dahin bist du gesandt. Wo es in deiner Magengrube zieht und dir dein Gesicht einfriert. Die harten engen Herzen haben ja nicht nur die anderen, auch du selbst. Wovon lebst du? Und was nährt dich?

(IV. Gottes Wort kauen)
Gottes Liebe, die geht durch deinen Magen, Menschenkind!
Gott sagte: Öffne deinen Mund und iss, was ich dir gebe! Ich schaute: Da – eine Hand streckte sich mir entgegen, und in ihr war eine Schriftrolle. Vorder- und Rückseite waren beschrieben. Es stand dort: ›tiefstes Wehklagen‹ und ›Ach‹ und ›Wehe‹. Gott sprach zu mir: Menschenkind, was du da vor dir hast, iss! Iss diese Rolle, und dann geh, rede zum Haus Israel! Da öffnete ich meinen Mund, und Gott gab mir diese Rolle zu essen und sagte zu mir: Menschenkind, gib deinem Bauch Nahrung und fülle deinen Magen mit dieser Rolle, die ich dir gebe! Da aß ich sie, und sie war in meinem Mund süß wie Honig.
Mund auf: Schwere Worte, Ach und Weh, voller Bitterkeit hat Ezechiel zu schlucken. Was für eine Speise! Das Wunder ist: Süß wie Honig werden sie, wenn er darauf herumkaut, sie bekommen einen neuen Geschmack. Der dritte Schritt der Berufung also: Das zu kauen, schlucken und verdauen, was Gott aufgibt. Auch wenn es schwer und bitter ist. Die Worte verinnerlichen, in sich aufnehmen, durch den Magen lassen, gut verdauen. Wie Liebe: Bittersüß.
Ruminatio („Wiederkäuen“) wird die Methode der sinnlichen Erschließung von Gottes Wort genannt. Ziel ist es, den Weg vom Wort zum Herzen zu finden. Dort kann Gottes Wort sein volles Aroma entfalten. Nach jüdischer Auslegung soll ein Mensch, bevor er im Namen Gottes redet, zunächst einmal das Wort Gottes in sich aufnehmen: Deine Weisung ist in meinem Innersten, heißt es in Psalm 40.
Und ich frage mich? Bin ich Wiederkäuerin wie Ezechiel? Habe ich Gottes Wort voll und ganz durchdrungen, mir sinnlich erschlossen? Ich kaue daran, jeden Tag, immer wieder. Ich kaue. Und schlucke. Und verdaue. Manchmal stößt mir auch etwas auf oder kommt wieder hoch.
Das Unverdauliche: Zum Beispiel die systematische Frauenverachtung, eingewoben in das Ezechiel-Buch wie in andere biblische Bücher. Israels Versagen wird mehrmals mit dem Bild einer promiskuitiven Frau dargestellt, die die Beine für jeden breit machen würde, der vorbeiginge. Tja, wo ist hier die Süße der Buchstaben? Da bleibt leider der bittere Nachgeschmack der jahrtausendelangen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Menschenskinder!

(V. Im Bitteren das Süße finden)
Liebe geht durch den Magen. Und Gottes Wort geht durch Kopf und Herzen und bis an die Nieren. Wir kauen ja auch die Klagen, das Weh und Ach unserer Mütter und Väter, unserer Vorfahren und Vorgänger:innen. Schlucken die Schuld und das Versagen. Schmecken den bitteren Verrat, die schale Trauer des Verlusts und die süße Hoffnung. Und nähren uns von der fruchtbringenden Verheißung.
Wir bekommen all das serviert, was auf die Schriftrollen geschrieben und in unsere Geschichte eingewoben ist. In diesen Tagen steht mir das Tetragramm über der Parochialkirche vor Augen. Vor fast 81 Jahren hat der Gemeindekirchenrat entschieden, den hebräischen Gottesnamen entfernen zu lassen. Dahinter steckte die falsche Überzeugung, dass der jüdische Gott nicht an eine „deutsch-christliche“ Kirche gehöre. Sie kam nicht vom Mond, sondern aus den verhärteten Herzen mitten in der Gemeinde, schleichend eingesickert durch dunkles Gedankengut, das immer mehr zur Normalität wurde. Für dieses Versagen Verantwortung zu übernehmen, ohne bei Schuldzuweisungen stehen zu bleiben, sondern aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen und das Bittere, wenn nicht süß, zumindest weniger bitter werden zu lassen – darin sehe ich unsere Aufgabe.
Einverleibt in Gottes Wort, mit der ganzen Existenz, geistig und körperlich-sinnlich. Das Wort Gottes ist nichts Abstraktes, was über unseren Köpfen schwebt. Nein, es durchdringt uns messerscharf. Und fordert uns, uns ganz in seinen Dienst zu stellen, gebrauchen und verändern zu lassen.

(VI. Prophetische Nahrung für 2020-22)
Gottes heilsames Wort geht nicht nur durch den Magen, sondern durch die ganze Person. Es löst die erstarrten und verhärteten Stellen und macht sie süß und fluide. Leider gibt es keine Erfolgsgarantie, dass es bei den Menschen, auf die wir treffen, auch so ist. Ob sich die Verschlossenen öffnen oder die Misstrauischen Vertrauen fassen, liegt in Gottes Geistkraft. Sie ist es, die uns sendet!
Ja, ihr Menschenkinder. In diesem Vertrauen, von Gottes Geist auf die Füße gestellt, aufrecht in die Welt gehend, einige (hoffentlich) nahrhafte Gedanken für die nächsten drei Jahre:
– Prophetische Botschaft, wie ich sie heute von Ezechiel vernehme, ist im Rückgriff auf das Gewesene auf Zukunft auslegt. Und sie ist politisch, weil sie das Reden und das Tun gleichermaßen in den Blick nimmt, also das Zusammenleben der Menschen gestalten möchte. Gesandt, um den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, Freiheit und Gnade zu verkündigen, Trauernde zu trösten. Gottes Wort geht durch Kopf und Herz und Hand. Wie gut, dass prophetisches Wirken in Berlins Mitte heute keine einsame One-Man-Show mit performativem Schriftrollenverzehr mehr sein muss! Wir alle, men and women and queer people, gemeinsam als „Team der Wiederkäuenden“ sind aufgerufen, an verschlossene Häuser zu klopfen, verhärtete Herzen weich und lebendig zu machen und Bitteres zu Honig werden zu lassen, um im Bild zu bleiben.
– Gottes Wort hat wie die Liebe viele Geschmacksrichtungen. Süß und salzig, sauer und bitter. Und Umami. Diese Nuancen im Sprechen und Handeln auch erfahrbar zu machen, finde ich wichtig. Also scharfe Positionierung gegen alle Abwertungen und Ausgrenzungen aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität oder Religion. Und volles Auskosten aller bunten Vielfalt, die unsere Tradition und ihre behutsame Weiterentwicklung mitbringen. In einer Sprache der Versöhnung, die erfrischend-anregend, fließend und integrativ-offen ist.
– Gottes Gegenwart durchdringt die ganze menschliche Existenz. Erfahrbar wird dies mit allen Sinnen, mit Augen, Ohren, Nase, Mund und Haut: in den Farben des Kirchenjahres, durch den Geschmack von Brot und Wein, berührenden Segen und flackerndes Kerzenlicht, in den Tönen der Orgel und im Zusammenwirken der vielen Stimmen.
– Gottes Wort hat viele Gesichter: In Berlins Mitte lassen sich Menschen guten Willens finden, Netzwerkpartner:innen, alte Allianzen und neue Solidaritäten, quer durch vermeintliche Grenzen und Gräben. Wenn wir nicht verschlossen wie ein verschlossenes Haus, sondern offen, neugierig und unverstellt sind. Die Hoffnung ist, dass dieses Wirken weiterhin Frucht bringt, dass Gottes Wort sich sozusagen füllt und anreichert mit all den Anliegen der Menschen, mit denen wir verbunden sind. Dass wir das mitkauen, woran andere zu knabbern haben. Und es im Lichte von Gottes Wort honigsüß werden lassen.
– Lasst uns die vielfältigen Geschmäcker voll auskosten! Weiterhin so positive Visionen und wahrgewordene Gemeinschaft vom friedlichen und bunten Zusammenleben in der Mitte der Stadt miteinander teilen als nahrhafte Kost.
Liebe und Gottes Wort gehen durch den Magen. Und machen unseren Körper und unseren Geist zum fruchtbaren Land. Aufrecht auf die Füße gestellt, beauftragt zur Offenheit, gestärkt mit dem nahrhaften Wort Gottes, das alle Sinne berührt.
Heute, morgen, die kommenden drei Jahre und darüber hinaus.
Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!