Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der kommt!

Berlin-Mitte, 22. Dezember 2019, Sonnenaufgang um 8.15 Uhr, Sonnenuntergang um 15.54 Uhr. Sonnenscheindauer 7,66 Stunden. Gefühlt vielleicht die Hälfte, wenn überhaupt. Dunkler geht’s nimmer. Morgen und übermorgen bleibt es dann bei 7,66 Stunden. Am 25. Dezember 2019 dann ein erster Lichtblick: 7,67 Stunden. Mehr Nacht als Tag, die Gesichtshaut weiß wie Ziegenkäse, der Silberstreif am Horizont ein schmales Vergnügen kurz vor Sonnenaufgang. Nein, es schläft sich besser in diesen Tagen, als mit einem freudestrahlenden Ja aus dem Bett aufzuerstehen.

Dunkel wie in einem Schiffsbauch ist es auch im Mutterleib, kurz vor der Geburt. Die Bauchdecke bis zum Äußersten angespannt. Es ist eng. Es gluckst und gluckert um einen herum. Immerhin stimmt die Temperatur. Quasi wie in der Badewanne. Prognostizierter Geburtstermin in gut 48 Stunden. Die Beine sind geschwollen, das Gefühl in der Magengrube flau. Die Seele erhebt sich schon lange nicht mehr. Alles strebt eher in die Waagerechte und des Geistes Freude über den Heiland muss bis nach der Entbindung warten. Das „Ja, mir geschehe wie du gesagt hast,“ sagt sich einfacher, wenn alles noch Ankündigung ist und nicht zwei Tage vor‘m vorausgesagten Schwangerschaftsende. Nein, aller Voraussicht nach wird keine Sonne scheinen.

Auf der anderen Seite des großen Meeres in Korinth scheint die Sonne ohne Unterlass und auch mehr als 7,66 Stunden am Tag. Aber auch dort beginnt alles mit einem Nein. Nein, Paulus ist wieder abgereist, verlängerter Besuch storniert: Keine höhere Gewalt, kein Unwetter, kein Transportausfall und nein, auch kein Beinbruch. Einfach Abbruch. Ich bin dann mal weg. Macht euren Dreck alleene. Schluss, Aus, Punkt. Mir langts. Ein klares Nein, bei der Treue Gottes. Wie das Leben halt spielt: Paulus sagt das eine, alle anderen hören das andere. Dann hören alle das eine, das der andere aber gar nicht gesagt haben will. Ist auch egal. Wir verstehen uns jetzt nicht. Macht’s gut, mir wird das hier zu bunt und Ruhe im Karton.
Nicht ganz. Ja, Paulus schreibt nochmal ein paar Worte hinterher, um zu sagen, was er eigentlich meinte. Eigentlich – genau, das, was er sagen wollte, es aber irgendwie nicht hinbekommen hat, weil er es nicht sagen konnte, wie er sollte, und jeder nur hörte, was er wollte. Schlagfertigkeit ist, wenn einem fünf Stunden später einfällt, was man hätte antworten sollen. Sei es drum. Zwischen Paulus und Korinth ist die Stimmung zappenduster und Paulus rafft sich auf zu ein paar lichten Zeilen. Hört selbst:

Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, ist unter euch durch uns gepredigt worden, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre. Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.

Als Paulus abreiste, ist die Situation verfahren: Gesprächsabbruch. Ein klares „Nein, meine Lieben!“ Das mag heilsam sein, aber als Dauerzustand mehr als unerträglich. Und noch einen draufpacken, auch wenn er wohl recht hat, bringt nicht viel. Was hilft es mir schon, wenn mir jemand mehrmals sagt, dass ich es vergeigt habe, mit mir, mit dir, mit uns? Um das Beziehungsschiff wieder zum Laufen zu bringen, schiebt Paulus erst einmal die Wolken vom Himmel setzt seinem eigenen Nein ein Ja entgegen.
Ein Ja für die, die seinen Brief lesen, ein Ja für ihn selbst, ein Ja für dich, und ein Ja für mich. Er nennt es: Das Ja von Christus. Nicht sofort ein Ja und Amen, sondern erst einmal ein einfaches Ja, ein Yes, ein Oui, ein Da, ein Tak, Na’am, Ken, Si und Igen. Du kommst früh nicht hoch. Christus sagt Ja. Dir ist das Lachen vergangen. Christus sagt Ja. Deine Beine sind geschwollen und Du bist des Aufraffens müde. Christus sagt Ja. Du verstehst den Dir liebsten Menschen auf der Welt nicht mehr. Christus sagt Ja. Für mich liegt in diesem Ja eine tiefe Erkenntnis, die mich ganz zu mir selbst hinbringt – zu meiner eigenen Haltung – und zu den anderen. Es ist so verlockend, immer erst einmal Ja zu sagen und dann mit Aber weiterzumachen. Christus sagt aber nicht Ja-Aber. Er sagt einfach nur Ja. Was heißt das dann für mich, wenn ich auf dieses Ja mit Amen antworte. Dreimal Amen als Antwort auf das Ja:
Das erste Amen: Vom Ja-Aber zum Ja-Und
Ja-Aber ist ein Impuls des Zauderns und des Widerspruchs. Ja, es gibt Dinge, die sollten nicht unwidersprochen stehen bleiben. Die Frage geht jedoch tiefer. Ist meine Grundhaltung, die des Ja-Abers oder schaffe ich es, mich selbst und mein Leben als Ja-Und zu sehen und zu verstehen. Ich meine kein schulterzuckendes fatalistisches Ja-Und. Ich meine das Ja-Und, das annimmt, das weiterführt, das mich öffnet. Ersetze jedes Ja-Aber, dass Du denken und sagen willst durch ein Ja-Und und schaue was passiert. Ist nicht immer einfach, aber schön.
Das zweite Amen auf das einfache Ja ist wahrhaftig sein. Wahrhaftig ist nichts anderes als echt sein. Sei die, die Du bist. Sei der, der Du bist. Nicht der Mensch, zu dem Du gemacht wurdest und auch nicht der Mensch, der du wünschst, den die anderen sehen wollen/sollen/müssen. Du! Ja, Du! Wer bist Du? Nimm alle Antworten her, die Du finden kannst, auch diejenigen, die Du nicht magst und sag Dir selbst, wer du bist. Sag Dir diese Antworten her und antworte darauf mit: Ja, das bin ich, ohne wenn und ohne aber. Du wirst mehr und mehr von dir selbst entdecken und dich finden. Dabei schaust Du in die Abgründe aber auch in das Rosenbeet Deiner Seele. Du sagst, wer Du bist, und Christus sagt am Ende Ja!
Das dritte Amen ist die Bewegung in Dir. Es ist wie ein Tanz. Stell Dir vor, Du tanzt mit dir selbst und in Dir wächst die Tanzfläche mit jedem Schritt an. In Dir dehnt sich da Ja aus. Welcher Tanz ist Dir der liebste? Ein Walzer – Eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs. Ein Tango – weite Räume mit großen Schritten. Ein Freestyle – alle Richtungen mit allen möglichen Schritten. Ein wippendes Knie – das Dich langsam vorwärts bringt und den Raum weitet. Ein zuckender Finger – der mit kleinen Gesten mehr Platz in Dir schafft, bis das Ja in Dir langsam Deine inneren Grenzen in die Freiheit hinein weitet. Das dritte Amen ist die Bewegung in Dir, die in Dir selbst unendliche Weite schafft:
Eine Weite, der die Anzahl der Sonnenstunden pro Tag egal ist, weil sie lichtdurchflutet ist. Eine Weite, die Deine Bauchdecke nicht anspannen lässt, deine Beine nicht anschwellen lässt und keinen flauen Magen verursacht. Ein Weite, in der genug Raum für jedes Missverständnis ist, ohne dass es zum Kontaktabbruch mit Dir selbst und den anderen kommt. Eine Weite in Dir, die das unendliche Ja Gottes zu Dir umschließt, bis Du selbst zum Ja wirst und kein Nein mehr ist, komme was wolle.
Ja, noch zwei Tage, dann weitet sich das Licht!
Amen.