Vorher gelesen – Evangelium nach Matthäus Kapitel 1, Verse 18-25

„Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte zu einem neuen Jesuskind.
…Und in die Herzen traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.“

Wunderweiß ist die heilige Nacht bei Rilke. Sie berührt die Tiefe der Herzen.
Ihre Düfte, Bilder und Melodien spülen Erinnerungen und altes Sehnen ans Licht.
In den Augen der Kinder will es wieder entdeckt werden, das Wunderweiße, das wir selbst als Kinder einst fühlten. In ihrer Freude will sie entstaubt, in ihrem Strahlen erweckt werden, die überbordende Seligkeit dieser Heiligen Nacht.
Und doch. Wie viel Traurigkeit und Enttäuschung ist auch in diesen Tagen, weil es sich nicht einstellen will, nicht eingestellt hat, das wunderweiße Gefühl. Weil Erwartungen unerfüllt bleiben. Weil Viele allein sind. Oder unversöhnt. Weil die unheilbare Diagnose bleischwer mit unter dem Baum liegt. Oder die Trauer. Weil sie vergeblich gewartet haben, dass jemand kommt. Weil sie die falschen Geschenke bekommen haben. Weil sie mit den falschen Menschen am falschen Ort sind und von Menschen träumen, mit denen sie nicht sein dürfen. An Orten, die es nicht gibt. Wunderweiß sind diese Tage und Nächte für Viele nicht. Wunderweiße Tage und Nächte lassen sich nicht selber machen.
Eben deshalb zieht es uns Jahr für Jahr hin zur Krippe. Hin zu dem Ort, der davon zeugt, dass es ein Herz der Welt gibt und das Leben nicht über finsteren Abgründen hängt. Und dann steht dort an der Krippe mindestens einer, dessen Nacht auch nicht wunderweiß ist. Wir hören von seiner tiefen Nacht, die angesichts eigener Erfahrungen in diesen Tagen so glaubhaft ist. Er hat wegrennen und seine Frau verlassen wollen. Er hätte sie – rein rechtlich – sogar verklagen können. Aber dazu ist Josef zu gottesfürchtig und gütig. Er will sie lieber heimlich verlassen, anstatt mit ihr vor einen Richter zu ziehen und sie bloß zu stellen. Josef nimmt die Schuld stattdessen auf sich. Auch das ist ihm lieber, als ein Kind aufzuziehen, das nicht sein eigen ist und das nicht in seinen Stammbaum gehört.
Der Engel in Josefs tiefer Nacht rückt alles ins rechte Licht: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“
Josef, der auf den Krippenbildern immer etwas abseits steht, hat einzig diese Stimme, die im Traum zu ihm spricht. Ansonsten nichts. Keine Engelschöre, keinen Stern. Keine wundersamen Geschehnisse. Nur die nächtliche Erzählung von der Gnade, die da in dem Kind liegen soll, das nicht von ihm ist.
Er hätte wegrennen und seine Frau verlassen können. Stattdessen ist er der Erste, der glaubt. Er verzichtet auf alles Selbertun und Selber-zeugen und beschließt, etwas zu behüten, das er nicht erschaffen hat. Er gibt sich ganz hin, so wie Maria sich in etwas ergab, das größer war als sie selbst. Das ist das Wunderweiße der Heiligen Nacht. Nicht mit der Vaterschaft eines Josef, nicht mit einem Heiland, der der Sohn von dem und dem ist beginnt die Heilung.
Die Heilung liegt nicht in mir und dir. Sie kommt in Jesus Christus, der aus dem Geist gezeugt und geboren ist. Auch wenn niemand erklären kann, wie das ging. Nur so kann Gottes Geschichte unter uns beginnen. Indem Gott der Schöpfer ist und bleibt. Er braucht niemanden, um die Bahn zu ebnen, auf der der Retter kommt. Gott macht das selbst.
Auch uns, die wir so viel getan haben, um einander ein paar gute Stunden zu schenken, die wir so viel gekauft, gekocht, besorgt und verpackt haben, um Freude zu verbreiten, ist gesagt, dass es zur Erlösung nur die leeren Hände Josefs braucht, die zupacken und behüten und annehmen, was Gott schenkt. Heilung will adoptiert, angenommen sein. Sich dieser Leere auszusetzen braucht den Mut zur Umkehr. Denn, in einer Zeit, in der wir stolz sind auf das, was wir können und schaffen, ist Josef ein Antiheld. In einer Gesellschaft, die alles erforscht ist Marias Schwangerschaft ein Unding. Für alle aber, die daran glauben, dass die Heilung von den Mächten, die von der Liebe Gottes trennen nicht von uns selbst herkommen kann, ist es Erlösung. Das Ende der Werkgerechtigkeit. Und stattdessen ein Leben, das auf der Liebe Gottes baut und nicht auf eigenem Dazutun. Es braucht dunkle, wunderweiße Nächte, um von der Wunde und Begrenztheit des eigenen Tuns einmal loszukommen. Es braucht Licht, das in unsere Nacht leuchtet.

Josef ist der Erste, der an Jesus glaubt.
Und das noch vor seiner Geburt.
Nichts sehen und doch hoffen.
In tiefer Nacht das Wunderweiße erahnen.

Glauben, dass es möglich ist, dieselben Wurzeln zu haben, ohne dasselbe Blut zu teilen.
Josef war der Erste, der das tat. Lange vor den drei Weisen und lange vor den Hirten.
Die auf den Herren harren werden strahlen vor Freude. Du und ich – wir sind mehr als Zuschauerinnen. Wir sind Hüter. Hüterinnen einer Schöpfung, die wir nicht selbst gemacht haben. Wir wissen, was das ist: Adoption. Etwas als eine gute Möglichkeit annehmen, damit wachsen und sich selbst entdecken können als eine, als einen, deren Glück ein Anderer schafft.

Nun ist es da.
Das lang ersehnte Kind.
Die offenen Hände.
Die Liebe. Wunderweiß.
Nun sind wir da.
Mit leeren Händen und mit einem Gebet:
Nimm mich an. Heb mich aus dem Staub. Achte auf mich. Einfach so.
Amen

Später gebetet

Gott,
Geträumt haben wir,
dass du Frieden bringst.
Und du bist da
mit dem Frieden, wie ihn die Welt noch nicht kennt.
Zart. Wunderweiß. Übersehbar.

Wir bitten für die Träumer dieser Tage.
Für alle, die sich dir entgegenstrecken,
mit leeren Händen, mit gelähmten Gliedern,
mit müden Gemütern,
mit blutenden Wunden.

Wir bitten für die Hirtinnen dieser Tage.
Für alle, die in Gefangenschaft sind,
die sich verirrt haben
für alle, die in Gefahr sind.

Wir bitten für Weisen dieser Tage.
Für alle, die Licht und Orientierung schenken,
aus dem Vertrauten aufzubrechen.
Für alle, die bei der Wahrheit bleiben oder nach ihr suchen.
Für alle aufrechten Herzen und Gemüter in unserer Stadt, in unserem Land, in den Kirchen, Synagogen und Moscheen, auf den Märkten, in den Ratsstuben, Schulen, Straßen und Häusern.
Wir bitten für die Engel dieser Tage,
für alle, die trösten und schlichten,
für alle, die glauben und vertrauen,
die singen und sagen und hoffen,
die diese Welt mit ihrem Lachen heiligen,
die keinen verloren geben
und in jedem Gesicht dein Angesicht erkennen.

Von dir haben unsere Mütter und Väter geträumt.
Von dir hat deine Gemeinde geträumt.
Von Dir träumen alle Kinder,
Und wir stehen an deiner Krippe und sehen dich an:
Wir lachen. Wir weinen. Wir tanzen. Wir hinken.
Wir teilen Brot und Wein.
Wir beten dich an und singen vor dir:
Hilf uns aus allem Leide,
rette von Sünd‘ und Tod.
Amen