Grundlage der Predigt – Evangelium nach Johannes 6,47-51

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Was glaubst du? Was nährt dich?

Nachdem tausende Menschen keinen Hunger mehr hatten und nach vielen Diskussionen über den Glauben schließt Jesus die Augen und murmelt leise, aber nicht zu überhören, folgende Worte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Dann holt er tief Luft, schaut den anderen in die Augen, holt nochmal Luft und sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt. Und sie diskutieren weiter.

Was glaubst Du? Was nährt Dich?

Ich bin in der gemäßigten christlichen Klimazone aufgewachsen. Niemand verlangte von mir übergroße Bekenntnisse. Ein paar Sachen auswendig lernen, die mir damals nichts sagten, dafür heute umso mehr zu mir sprechen. Kein familiärer Kirchenkampf der Urgroßeltern und auch keine jugendbewegten Eltern mit Gitarre, frommen Sprüchen und sauren Gebeten für jede Lebenslage.
Ich bin in der gemäßigten christlichen Klimazone aufgewachsen. Für sichtbare Überzeugungen – für’s Zur-Kirche-Gehen – drohte mir kein Ungemach. Um 8.30 Uhr schliefen eh noch alle in diesem Dorf und sonst war ja da auch der Hund begraben. Brot gab es dreimal in der Woche vom Bäckerauto Bernstein mit der grässlichen Hupe und das ewige Leben begann nicht mit Glauben, sondern beim Bestattungshaus Carmen Kunze im Nachbarort.
In der gemäßigt christlichen Klimazone gehörte ich dazu, naja, das Elternhaus stand neben der Kirche. Ist doch logisch, oder?!
In meiner gemäßigten christlichen Klimazone fühlte sich vieles irgendwie nett an, passte zu meiner Persönlichkeitsentwicklung. Ich hatte weiten Raum, um mich zu entwickeln. Schöne Musik, beindruckende Architektur, verlässlich engagierte Menschen. Jesus war auch da, aber immer nur dann, wenn irgendjemand seine Gitarre rausholte oder zu seltsam unverständlichen Predigten ansetzte, die außerhalb meiner Wohlfühlzone lagen und ich gebe zu – die mir auch irgendwie peinlich waren.
Ob ich peinlich berührt war, weil das Geglaubte nicht auf die Wetterkarte meine Vorstellungskraft passte, oder ob es wirklich einfach peinlich war – soll es ja auch geben in der Kirche – das weiß ich nicht mehr.
Ich konnte meine Zone einfach verlassen und mir fehlte nichts. Zumindest nicht so, dass ich es gewusst hätte. Und ich habe sie gerne verlassen, weil ich die anderen Zonen, in denen ich lebte, mit der gemäßigten christlichen Klimazone einfach nicht in Deckung bringen konnte. Ich dachte immer, dass ich mich einpassen muss, dass es dieses Bild gibt, in das man passen musste, um zur Gemeinde zu gehören. Der Blick der anderen machte mir deutlich, dass das bestimmt auch einige dachten. Am meisten dachte ich es aber selbst, dass ich mit Kirche – und Kirche war für mich das gleiche wie christlicher Glauben – einen Fertigteilkasten von Meinungen, Lieblingssportarten, seltsamen Liedern, noch seltsamerer Begeisterung junggebliebener Erwachsener, schwarz angezogener Menschen und einmal wöchentlich sehr kalten Füßen im Winter als Lifestyle einkaufe, um dazuzugehören. Da ich in der gemäßigt christlichen Zone aufgewachsen bin, spielte die sogenannte christliche Moral und dieses ganze Getue um diese, keine große Rolle. Das habe ich erst später kennengelernt von Menschen, die in anderen christlichen Klimazonen aufgewachsen sind, aber das können diese selbst besser erzählen. Bei mir war es lau und schön, aber solche Orte gibt es viele.

Was glaubts du? Was nährt dich?

Wer glaubt, der hat das ewige Leben! Ich bin das Brot des Lebens!

In meiner gemäßigt christlichen Zone von damals, habe ich solche Worte auch gehört. Schön hat er das gesagt, der Jesus, und dann ging es auch schon weiter. Wie gesagt, Brot gibt es am Bäckerauto Bernstein mit der grässlichen Hupe und das ewige Leben beginnt beim Bestattungshaus Carmen Kunze im Nachbarort. Und ich gönne es jedem Menschen, der in dieser Zone aufgehoben, getröstet und geborgen ist. Ich bin aus ihr herausgefallen und das ist noch gar nicht so lange her. Diese Zone hat mich lange vor üblen Stürmen und staubigen Dürren bewahrt. Nur wurde ich eines Tages nicht mehr satt davon. Diese Zone mit ihren angenehm leicht hügeligen Feldern konnte mich nicht mehr nähren. Ich bin seelisch abgemagert, auch wenn man mir das natürlich körperlich nicht ansah und ich das lange gar nicht merkte. Essen hatte ich genug, aber keine Nahrung, keine himmlischen Kalorien, nicht mal evangelisches Fast Food, was doch auch für fünf Minuten glückselig macht.
Was ist dann passiert? Erstmal nichts. Es gibt ja genug Ablenkung. Dachte ich. Und im Prozess des Denkens, dass hier gar nichts passierte, passierte doch etwas sehr Entscheidendes. Meine Mangelernährung hat in mir eine Art Defragmentierung ausgelöst. Bei alten Windowscomputern konnte man früher zuschauen, wie der gesamte Speicher in Kleinsteinheiten virtuell zerlegt wurde. Die kleinen Bausteine des gesamten Erinnerungsspeichers hatten unterschiedliche Farben. Ganz unsichtbar und wie von Geisterhand wurden diese neu kombiniert und angeordnet, ohne dass die Performance oder die Funktionalität des Computers eingeschränkt wurde. Am Ende sah alles aus wie vorher und zugleich war alles neugeordnet. Neukombination und Verschiebungen im persönlichen seelischen Klimazonensystem und im religiösen Koordinatensystem sind Begleiterscheinungen auf dem ewigen Weg, auf den wir schon längst gestellt worden sind. Doch wie orientiere ich mich auf diesem Wege, wenn der Magen leer und flau ist, wenn die Muskeln nicht mehr zucken und sich bewegen wollen, wenn jede Anfrage zur Anfechtung wird und jede Nachfrage zum Zweifel? Wenn das passiert, braucht es zwei Fragen. Zwei Fragen, die Jesus, der Mensch aus Nazareth, jedem und jeder mit auf den Weg gibt. Quasi das Geschenk zum Klimazonenwechsel im Glauben.

Was glaubst du? Was nährt dich?

Zwei Hilfen für eine Antwort: Wie findest du heraus, was du wirklich glaubst? Stell dir vor, du diskutierst mit anderen über deine Überzeugungen, deinen Glauben, deine Religion. Ihr redet, ihr streitet, ihr lacht.  Mit einmal geratet ihr an den Punkt, wo für dich der Spaß aufhört. Du gerätst an die eine Grenze, an die Grenze zu dem, was dein Glaube ist. Mit einmal beginnst du wahrhaft zu verteidigen, was dir wichtig ist. Mit einmal überschreitest du den Punkt, an dem du siehst und verstehst, was du glaubst, was dir heilig ist, was dir niemand nehmen kann. Gehe noch ein Stück weiter und vergiss nicht, was es war. Das ist dein Glaube.
Wie findest du heraus, was dich nährt? Gehe einen Moment in dich. Erinnere dich an eine tiefe Krise in deinem Leben. Stelle sie dir kurz vor, aber steige nicht hinein. Schaue sie einfach an. Diese Krise liegt hinter dir. Was hat dir geholfen, diese Krise zu durchleben, sie zu überleben, sie hinter dir zu lassen? Sage es dir selbst leise oder laut. Nun weißt du, was dich nährst. Gehe ein Stück weiter und vergiss nicht, was es war.
Die Fragen bleiben gleich zu jeder Zeit. Die Antworten wandern, verschieben sich, setzten sich neu zusammen. Wenn Du glaubensklimatisch gerade gut aufgehoben bist, danke Gott dafür und zieh fröhlich deiner Wege. Wenn ein Klimazonenwechsel bevorsteht, nimm diese Fragen danach, was du glaubst und was dich nährt, herbei. Stelle sie dir selbst, suche deine Antwort und danke Gott, dass er dir dabei beisteht.
Dann glaube, iss und lebe!
Amen