Lesung Deuteronomium 6,4-9 in deutsch und hebräisch:

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

שְׁמַ֖ע יִשְׂרָאֵ֑ל יְהוָ֥ה אֱלֹהֵ֖ינוּ יְהוָ֥ה׀ אֶחָֽד׃
וְאָ֣הַבְתָּ֔ אֵ֖ת יְהוָ֣ה אֱלֹהֶ֑יךָ בְּכָל־לְבָבְךָ֥ וּבְכָל־נַפְשְׁךָ֖ וּבְכָל־מְאֹדֶֽךָ׃
וְהָי֞וּ הַדְּבָרִ֣ים הָאֵ֗לֶּה אֲשֶׁ֨ר אָנֹכִ֧י מְצַוְּךָ֛
הַיֹּ֖ום עַל־לְבָבֶֽךָ׃
וְשִׁנַּנְתָּ֣ם לְבָנֶ֔יךָ וְדִבַּרְתָּ֖ בָּ֑ם
בְּשִׁבְתְּךָ֤ בְּבֵיתֶ֨ךָ֙ וּבְלֶכְתְּךָ֣ בַדֶּ֔רֶךְ
וּֽבְשָׁכְבְּךָ֖ וּבְקוּמֶֽךָ׃
וּקְשַׁרְתָּ֥ם לְאֹ֖ות עַל־יָדֶ֑ךָ
וְהָי֥וּ לְטֹטָפֹ֖ת בֵּ֥ין עֵינֶֽיךָ׃
וּכְתַבְתָּ֛ם עַל־מְזוּזֹ֥ת בֵּיתֶ֖ךָ וּבִשְׁעָרֶֽיךָ׃

Predigt

Oratorische Szenen inmitten der Installation „KREUZ WEG“ von Mia Florentine Weiss:

I. Aufgang
Wie viel Uhr ist es eigentlich?
Ich kann nicht mehr stehen.
Ich kann nicht mehr sitzen!
Die Zeit der Geduld Gottes ist längst vorbei
und auch ich will endlich da rein oder zumindest einmal da durch oder auch einfach nur raus,
damit ich weiß, wie es sich anfühlt.
Oder mich wieder erinnern kann, dunkel…
Die durchwachten Nächte, Anfechtung, Zweifel, Schmerz.
Auch Krieg und Zerstreuung.
Das Kreuz zu durchschreiten dauert ewig, ein Leben lang und länger,
ein 7-minütiger Kreuz-Quickie bleibt in gewisser Weise Kunst.
Noch schauen wir von außen drauf, seitlich,
und sind doch längst mittendrin.
Der Aufgang, der Stamm, ist gelegt und geöffnet:
Reingespült werden wir durch die Taufe,
reingespült durch die Liebe unseres Gottes,
sein Rückenwind heißer Worte schiebt uns vorwärts,
hinauf auf die Erden unserer Vorfahren,
die wir mit Vorsicht hinter uns lassen.
Ihre Erinnerung schweigt.
Ihre Erinnerung schreit:
Sch’ma Israel, Adonai elohenu, Adonai echad.
Aufwärts geht es, entlang des Lichts,
im Gepäck meine Erfahrungen.
Höher, immer höher,
Gott entgegen und mit beiden Füßen in diesem Leben.

II. Querverbindung – Seitenblicke
Auf einmal öffnet sich neuer Raum.
Rechts und links von mir ist noch was.
Begegnungszone. Seitenblicke. Kreuzungen.
Ungeahnte Weite. Und gleichzeitig wird es verworrener.
Immer komplizierter. Wo bin ich? Wohin? Woher?
Und die Luft wird ganz schön dünn hier.
Alles so verkopft im Protestantismus und dann diese vielen Wörter:
Gesetz, Gerechtigkeit, Sünde, Verdienst, Gnade.
Das versteht doch kein Mensch!
Diese Worte sollst du zu Herzen nehmen. Sie deinen Kindern einschärfen.
Von ihnen reden zu Hause und unterwegs.
Unser Gott ist der Herr und er ist einer.
Was hörst Du, wenn Du hinhörst?
Am höchsten Punkt droht es zu kippen.
Richte ich auf oder falle ich um?
Ärgernis, Torheit, Siegeszeichen oder einfach egal.
Wohin drehe ich mich?
Nun aber ist die Gerechtigkeit offenbart.
Jetzt, in diesem Augenblick.
Stunde 0.
502 danach.
Mehr als 2000 Jahre nach seiner Geburt.
Alles auf Anfang, mitten im Prozess.
Wie viel Zeit haben wir noch?
Im Kreuz kommt alles zusammen und wir kommen nicht drum herum:
Himmel und Erde,
die Schatten der Vergangenheit und die leuchtende Verheißung der Zukunft,
und all die Widersprüche und die drängenden Fragen.
Dabei ist es doch sehr klar und deutlich.
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
Ein vertrauensvolles Herz. Das genügt. Ja, das genügt.

III. Abgang
Das reicht jetzt auch.
Dieses Kreuz ist oben offen.
Es atmet den Geist der Nikolaikirche.
Es lebt durch die Menschen, die durch es hindurchschreiten.
Die ihre Richtung, ihren Sinn ändern,
für die eine neue Zeitrechnung beginnt.
Die Zeit der Gnade.
Offene Hände, die Brot und Wein empfangen und teilen, was Gott schenkt und was er auflädt.
Wer durchs Kreuz geht, landet wieder auf dem Boden der Tatsachen.
Eine Treppe mitten in den Chor, ins Herzstück.
Zwar Abgrund, ja, aber mit Geländer:
Sozusagen reformatorische Essenz.
Gott liebt dich, obwohl du bist, wie du bist.
Also keine Angst vor den Tiefen des Lebens!
Gott liebt dich, obwohl du bist, wie du bist.
Nicht nur dich.
Auch den und die, die du nicht lieben kannst,
nicht lieben willst, nicht lieben sollst.
Gott liebt dich, obwohl du bist, wie du bist.
Dies eine Wort sie sollen lassen stahn.
Dein Glaube – ein Vertrauen – ist dein Geländer.
Schön festhalten.
Du hast die Worte im Herzen als Zeichen.
Und dann loslassen!
Alles in Einzelteile zerlegen und gleichzeitig alles in eins sehen.
Gott, dein Leben, die anderen.
Alles in Einzelteile zerlegen und anschauen, anfassen, begreifen.
Höre Israel, der Herr ist unser Gott und der Herr ist einer.
Amen.

 

Es gilt das gesprochene Wort!