Dialogische Predigt zu Mariä Heimsuchung am 2. Juli 2019 in St. Marien: Anne Borucki-Voß, katholische Theologin, und Pfarrerin Corinna Zisselsberger, evangelische Theologin

Corinna Zisselsberger:
Wo soll ich anfangen? Und wo aufhören?
Schon immer haben Frauen ihre Lieder gesungen,
ihre Lieder, die von Lob und Dank, Freude und Schmerz,
Protest und Widerstand handeln.
Mirjam und Debora und Hanna in der Hebräischen Bibel.
Und Maria im Evangelium nach Lukas.
Wann fing es an? Wahrscheinlich wurden die Lieder schon immer gesungen,
schon im Paradies hatte Eva ihr Lied auf den Lippen, stelle ich mir vor,
summten Sara und Rebekka und Rahel ihre Lieder im kargen Land.
Schon immer haben Frauen ihre Lieder gesungen,
nur scheint es, als drangen sie damit lange nicht so richtig durch,
als passte nicht, was sie da sangen und sagten,
wie sie sich verhielten,
unberechenbar und komplex und fordernd.
Da war es wohl leichter, sie wegzusortieren in Schubladen,
Hure oder Heilige, wenig dazwischen.
So war es auch bei Maria.
Ihr Leben, ihr Lebenslied, wurde geglättet und aufgehübscht.
Blauer Mantel, makellos und rein: Maria, die Himmelskönigin.

Anne Borucki-Voß:
Maria, die Mutter Jesu. Das muss man dazu sagen, denn der Name Maria war in biblischen Zeiten häufig und auch heute heißen viele Frauen und Mädchen Maria. Es ist also erforderlich zu sagen, welche Maria gemeint ist. Auf der anderen Seite ist die Mutter Jesu einfach die Maria.
In jeder katholischen Kirche ist eine Darstellung von ihr zu finden und auch evangelische Kirchen sind nach ihr benannt, wie zum Beispiel diese große Kirche hier auf dem Alexanderplatz, die evangelische Bischofskirche von Berlin.
Wer in den Kirchen ein Bild von Maria sucht, findet sie meist mild lächelnd, mit sanfter Miene und mit ihrem Sohn Jesus auf dem Arm.
Dabei war doch alles ganz anders.
Als ihr der Engel Maria gesagt hatte, dass sie ein Kind bekommen werde, konnte sie das zunächst gar nicht glauben. Und ihre Cousine Elisabet sollte auch ein Kind erwarten? Elisabet hatte sich mit ihrem Mann Zacharias sehnsüchtig Kinder gewünscht, aber inzwischen schien ihre Zeit vorbei zu sein und sie mussten sich wohl damit abfinden, dass sie kinderlos bleiben würden.
Maria musste hin, sie musste Elisabet sehen und mit ihr sprechen. Der Weg von Nazareth ins judäische Bergland war nicht gerade kurz, aber Marias Wunsch, Elisabet zu sehen, war so dringend, dass sie übers Gebirge eilte, wie es im Lukas-Evangelium steht.
Und der Evangelist erzählt, dass sofort eine innige Verbundenheit da war zwischen Maria und Elisabet. Elisabet nahm intuitiv wahr, dass das Kind, das in Marias Bauch wuchs, ein besonderes Kind ist. Sie segnete Maria, der das sicherlich gut getan hat. Segnen, gut sprechen über jemanden, das ist eine Wohltat.
Maria hat ein Lied auf den Lippen, ein Lied, das so ähnlich schon viele Frauen vor ihr gesungen haben. Magnificat wird dieses Lied genannt, nach dem lateinischen Anfang des Liedes (es preist …).
Maria hat es laut gesungen für sich und Elisabet.
Das Magnificat ist ein bekanntes Gebet geworden. In der katholischen Kirche wird es jeden Abend in der Vesper gebetet. Doch das Revolutionäre an diesem Lied wird gar nicht mehr so recht wahrgenommen. Ich denke, Maria hatte wirklich das Gefühl, dass sie gemeint ist, wenn es heißt: „Gott hat die Erniedrigung ihrer Sklavin geschaut. Seht, von nun werden mich alle Generationen glücklich preisen.“
Und wenn es in diesem Lied heißt „Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt und Erniedrigte erhöht“, dann frage ich mich, wer denn heute die Mächtigen sind. Politiker, die Schiffen mit geflüchteten Menschen das Einlaufen in die Häfen des Landes verbieten? Unternehmer*innen, die ein Gesetz verhindern wollen, das Großunternehmen mit Sitz in Deutschland verpflichtet, bei der Produktion im Ausland die Einhaltung der Menschenrechte und den Schutz der Umwelt zu beachten? Priester und Bischöfe in der katholischen Kirche, die zu wissen meinen, was die Bestimmung „der Frau“ ist und welche Aufgaben und Ämter in der katholischen Kirche für Frauen in Frage kommen?
Die Erniedrigten, die erhöht werden, das können die Menschen sein, die in Schlauchbooten übers Mittelmeer fliehen oder die Kapitänin, die gefangen genommen wurde? Die Textilarbeiterinnen in Mittelamerika oder Asien, die für einen Hungerlohn arbeiten, damit die neueste Mode für uns zu Dumping-Preisen erhältlich ist?

Corinna Zisselsberger:
Wo fängt es an? Und wann hört es endlich auf?
Bis heute ist keine volle Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen erwirkt,
obwohl im Grundgesetz bei den Freiheitsrechten festgehalten wird:
2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. (Artikel 3 Grundgesetz)
Aber die Realität sieht leider immer noch anders aus.
Und nicht nur Frauen kämpfen um Gleichberechtigung, auch Menschen mit Identitäten in Vielfalt und Buntheit wünschen sich Anerkennung und Ansehen.
Sie singen ihr Lied, zusammen mit den Marias und Hannas.
Männer und Frauen und Menschen in vielfältigen Geschlechtern sind gleichberechtigt. Auf die Beseitigung bestehender Nachteile ist hinzuwirken. Die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung ist zu fördern.

Lange, viel zu lange hat es gedauert, bis die evangelische Kirche den Weg ins Pfarramt für Frauen geöffnet hat. Und dass diese grundsätzliche menschliche Einsicht und Wahrheit im Jahr 2019 noch nicht in den Führungsebenen der katholischen Kirche angekommen ist, verletzt katholische Frauen, die ihre Gaben und Fähigkeiten umfassend in die Kirche einbringen möchten. Und es schmerzt auch alle, die mit ihnen solidarisch sind.
Was würde Maria wohl heute singen in ihrem Magnificat?
Vielleicht:
Meine Seele erhebt die EWIGE
Und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter,
der kein Geschlecht hat,
obwohl ihm die Kirche gerne das eines Mannes gibt.
Gott deckt auf den Mantel des Schweigens über Missbrauch und Gewalt,
Gott zieht die zur Verantwortung, die sich schuldig gemacht haben.
Den Opfern gibt Gott Würde und eine Stimme,
Gott wirbt um ihr Vertrauen, das die Priester und Pfarrer verloren haben.
Gott lässt endlich all die ins Leere laufen, die Frauen und Menschen in vielerlei Geschlecht unterdrücken,
die sich in Gottes Namen aufspielen und ermächtigen.

Anne Borucki-Voß:
Frauen in der katholischen Kirche machen mit ihrer Aktion Maria 2.0 darauf aufmerksam, dass die Kirche bzw. die Kirchen oft ein einseitiges Marienbild haben. Sie wollen nicht länger eine duldsame, demütige Maria als Vorbild vorgehalten bekommen, sondern orientieren sich am Magnificat. Und sie erleben, dass die Verbunden mit anderen Frauen stark macht, so wie es Maria und Elisabet erging.
Auch in der evangelischen Kirche ist es nicht selbstverständlich, dass Frauen alle Ämter ausfüllen dürfen. Ende April wurde in dieser Kirche der „Vorgängerinnen“ gedacht – Frauen, die das Pfarramt in der evangelischen Kirche auf dem Gebiet der EKBO erkämpft haben, die zunächst nur eingesegnet, aber nicht ordiniert wurden, die bei Heirat bis 1974 den Pfarrdienst quittieren mussten.
Es ist traurig und schade, dass evangelische und katholische Frauen heute noch nicht gleichberechtigt am Altar stehen dürfen.
Es gibt noch viel zu tun, um das Magnificat Wirklichkeit werden zu lassen. Frauensolidarität kann dabei helfen.

Corinna Zisselsberger:
Hier fängt es an. Und hier es hört noch lange nicht auf.
Solange wir nicht aufhören, unser Lied zu singen,
mit Marias Text,
mit dem Text aller Frauen, aller Gedemütigten, aller Verachteten, aller Unterdrückten.
Und wir laden ein und werben und hoffen inständig, dass sich uns nicht nur Frauen anschließen,
sondern auch Männer, alle Menschen guten Willens,
weil wir es nur gemeinsam schaffen können.
Unsere Lieder verbinden sich und werden ein großer Chor,
der über die ganze Welt tönt.
Gott stößt die Mächtigen von den Thronen und erhöht die Erniedrigten.
Bis den Mächtigen die Ohren klingeln und endlich alle Menschen gleichberechtigt sind.
Amen.