Predigt, Mariä Heimsuchung, 2.7.2018, St. Marien Berlin, Pfarrerin Corinna Zisselsberger

I. Maria
Maria schiebt den Kinderwagen über den Alexanderplatz.
Sie trägt eine graue Jogginghose und ein pinkfarbenes T-Shirt.
Erstmal Windeln holen bei dm und dann vielleicht noch ein bisschen shoppen, wenn es das Baby zulässt und weiter schläft.
In der Hand hält Maria ihr Handy, sie chattet mit ihrer Verwandten, die auch vor kurzem Mutter geworden ist. Später wollen sie sich zum Kuchenessen in Marias Zimmer treffen. Quatschen und stillen und vielleicht sogar ein bisschen Mathe zusammen üben. Damit Maria nächstes Jahr den Schulabschluss schafft. Ja, war echt ein bisschen früh für ein Kind, aber naja, ist halt so passiert. Einmal nicht aufgepasst. Maria tippt in ihr Smartphone: „Bis später, Süße!“ Sie summt den neuesten Popsong aus den Charts.

II. Elisabeth
Elisabeth sitzt im Café, vor sich einen Latte macchiato, neben ihr schläft ihr Sohn in der Tragetasche. Sie ist jetzt allein tagsüber, ihr Mann geht nach den obligatorischen zwei Monaten Elternzeit, die die meisten Väter nehmen, wieder arbeiten. Elisabeth hat Kopfschmerzen – die Nacht war kurz, das Kind hat schlecht geschlafen und sie auch. Sie ist halt nicht mehr die Jüngste, im Gegenteil, ihre Haare sind schon grau, die Falten um ihre Augen nicht mehr zu übersehen. Wie lange sie auf diese Schwangerschaft gewartet hatte! Jahre des vergeblichen Bemühens, Hormontherapie, schließlich mehrere Zyklen künstlicher Befruchtung. Jetzt ist das Kind endlich da und sie ist irgendwie ziemlich erschöpft. Elisabeth nippt an ihrem Kaffee.

III. Blutjung und steinalt
Maria und Elisabeth kennen die abschätzigen Blicke, das Getuschel und die mitleidigen Nachfragen. „So jung, noch selbst ein Kind, und schon Mutter?“
„So alt, fast schon eine Oma, und noch Mutter?“
Zwei Frauen, die die bohrenden Fragen, die Zerrissenheit und die Selbstzweifel kennen: „Wie soll es jetzt weitergehen?“ / „Wie soll ich das schaffen mit bzw. ohne Kind?“/ „Finde ich einen Partner, der mich unterstützt?“ / „Kind oder Karriere oder beides?“
Die eine: blutjung und ledig. Die andere: steinalt und verheiratet. Zwei Frauen, definiert durch ihren Körper. Maria und Elisabeth kennen das: Abschätzig angeschaut zu werden, die schmerzhaften Nachfragen: „War das geplant?“ / „Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht?“

IV. Groß ist die Geschichte der unsichtbaren Frauen
„Groß ist das Geheimnis des Glaubens“. Groß und lang ist auch die Geschichte der Frauen, die das kennen: Festgelegt zu sein auf die Fortpflanzungsrolle. Die abschätzigen Blicke, das Getuschel, die mitleidigen Nachfragen.
Kinderlos zu sein, das war das Allerschlimmste, was einem passieren konnte, damals.
Und das andere Allerschlimmste, was einem passieren konnte, war, ein uneheliches Kind zu bekommen.
Die Bibel erzählt uns von diesen Frauen, macht sie sichtbar, zumindest einige der unsichtbaren Frauen in der männlich dominierten Gesellschaft.
Sara ist da, Abrahams Frau. Auch sie hat ein Kind zur Unzeit bekommen, nach vielen Jahren des Wartens. Weiße Haare, ein faltiges Gesicht und ein schwangerer Bauch.
Hanna ist da, auch sie lange kinderlos, mit ihren Tränen und inständigen Gebeten und dem Gesicht voller Scham und Schmerz, die Mutter des Propheten Samuel.
Und Ruth ist da, die junge Frau nach Israel gekommen als Asylsuchende ohne eine Zukunft und später durch ein Kind eingeschrieben in den Stammbaum des großen Königs David.
„Groß ist das Geheimnis des Glaubens.“
Gott hat zwei Frauen erwählt, die das kennen: Die Fragen, die Selbstzweifel, die Zerrissenheit. Zwei Frauen, die sich begegnen und erkennen – verbunden in Solidarität.
Solche Marias und solche Elisabeths, solche Saras, Hannas und Ruths, das sind die Menschen, mit denen Gott seine Geschichte schreibt. Die Frauen, die er begleitet.

V. Maria, die Unsichtbare
Man kann sie leicht übersehen, die Maria, hinter all den Schleiern, die die Zeit und die Kirchengeschichte um sie gewoben und gelegt hat.
Maria sieht nicht mehr aus wie eine, die das Allerschlimmste kennt, das blutjunge Mädchen aus der jüdischen Unterschicht. Stattdessen ist sie in unseren Kirchen oft prächtig gekleidet in blau-goldenen Gewändern. Verzuckert: Selig-verträumter Blick. Das Gesicht glatt und makellos. Selbst ihr Schmerz über den Tod ihres Sohnes ist zum Kunstwerk geworden, in Bildern und Figuren, in der Musik.
Aber eigentlich sieht sie anders aus, die Maria. Ungewaschene Haare, dreckige Hose, Augenringe. Stolpert mit ihrem dicken Bauch durch die Berge Palästinas, schleppt sich durch die Trümmer zerbombter Städte, wartet in einem Flüchtlingsboot, schiebt ihren Kinderwagen über den Alexanderplatz, sitzt in Cafés und stillen Wohnungen in der Peripherie…

VI. Befreiungssong
„Groß ist das Geheimnis des Glaubens.“
Und auch Marias Lied, das Magnificat, klingt so harmlos und schön in all seinen eingängigen Vertonungen, so verzuckert. Dabei ist es eigentlich ein echter Knaller. Ein Revoluzzer-Lied, ein Befreiungssong, poetischer Widerstand, rotzfrech und kraftvoll.
Gott übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut,
die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Gott stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt Gott mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Maria singt mit der Kraft all der unsichtbaren Frauen, die Gottes Begleitung erfahren haben.
Sie singt mit der dünnen alten Stimme Saras. Sie singt mit den Worten der gedemütigten Hanna und sie singt mit der Hoffnung der Asylsuchenden Ruth auf eine neue Heimat.
Maria singt mit den Stimmen derer, die ohne Ansehen sind. Sie singt für die Elisabeths und die Marias unserer Zeit. Denn die kennen noch ein anderes Allerschlimmstes: Gar nicht mehr gesehen und wahrgenommen zu werden – unsichtbar, unwichtig zu sein. Abgeschoben, an den Rand. Zerrieben zwischen den Anforderungen des Lebens.
„Groß ist das Geheimnis des Glaubens.“
Gott hat sich zwei Frauen ausgesucht, die das kennen: Die Demütigungen, die Erschöpfung. Durch Maria kommt Gott auf die Welt. Durch sie entfaltet sich Gottes Geschichte mit uns Menschen, eine Geschichte der Befreiung:
„Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.“

VII. Gesegnet bist du, Schwester!
Maria und Elisabeth begegnen sich. Auf dem Alexanderplatz schieben sie ihre Kinderwagen aneinander vorbei. Sie schauen sich an und sie erkennen sich: „Gesegnet bist du unter den Frauen, Schwester! Und gesegnet ist das Kind in deinem Bauch!“
Zwei Frauen, die das kennen: die Blicke, das Getuschel und die Nachfragen, das Hoffen und Bangen.
Zwei Frauen, die zueinander halten.
Zwei Frauen, die Gottes Begleitung in ihrem Leben erfahren.
Sie summen gemeinsam ein Lied.

Amen.