Gnade sei mit euch und Friede von dem, der heute geboren wird, der schon lange bei uns ist und immer da bleibt.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von der Senatsverwaltung für Soziales ausging, dass alles Volk der Stadt, das kein Dach über dem Kopf hatte, geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah, als der Aufstieg Luke Skywalkers gerade in allen Kinos zu sehen war. Und niemand von denen, die kein Dach über dem Kopf hatten, machte sich auf den Weg. Keiner in seine Stadt und schon gar keiner in das Haus seiner Eltern, weil diese lange vergessen waren und meist auch bleiben sollten.
Also machte sich auch Mücke nicht auf den Weg. Früher war Mücke mit Elfi zusammen. Die war auch irgendwann einmal schwanger, gebar ein Kind und sie verloren sich wieder aus den Augen.Mücke hatte noch nichts von der Schätzung gehört und auch Luke Skywalker sagte ihm nichts. Mücke lebte nicht zwischen den Sternen, sondern zwischen Rathausnetto und Liebknechtkaufland. Aus welcher Stadt und aus welchem Haus Mücke stammt, das sagt er nicht. Vielleicht hat er es vergessen. Zu der Zeit, als alle immer alles schätzen wollten, hatte Mücke andere Sorgen. Er suchte nach Weihnachten , nicht in Nazareth und auch nicht in Bethlehem. Zwischen Rathausnetto und Liebknechtkaufland durchschlurften seine müden blauen Beine täglich den Hindernislauf des Alltags auf der Suche nach leeren Pullen, die, wenn man sie abgibt, wieder eine volle Pulle ergeben. Meistens ist er draußen. Manchmal bei einem Kumpel auf dem Sofa. In den Herbergen zwischen seinen beiden Fixsternen ist kein Platz für ihn. Da fliegt er raus, sobald er reinkommt. No offence, aber wenn Mücke neben Dir sitzt, ist das Flat White-Erlebnis passé.
Vor vier Wochen schlurfte Mücke hier in die Kirche. Er hatte in den Tagen vorher viele leere Flaschen gegen volle Flaschen eingetauscht und auch die waren schon wieder leer. Er wollte essen. Suppe und Stullen. Und sitzen mit den anderen. Es ging nicht. Ich sage zu ihm: „Mücke, wir haben heute keinen Platz in der Herberge für dich.“ „Aber die andern haben doch auch…,“ sagt er viel zu laut. „Haben sie vielleicht,“ sage ich. „Und sie haben sich besser im Griff. Du machst mir heute Angst, Mücke, und einigen anderen auch. Komm!“ Ein paar Worte – nicht die leisesten – und schon sind wir am Portal. „Mach’s gut Mücke, mit uns wird das heute nüscht.“ „Naja,“ sagt er und schlurft davon. „Beim nächsten Mal vier Stunden vorher keine Flasche anfassen.“ rufe ich ihm hinterher und komme mir schäbig vor. Mücke kennt das. Ich nicht.

Die Marienkantorei singt
Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesulein, mein Leben.  Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin, und lass dir’s wohl gefallen.

Mücke kennt das. Ich nicht. Zwei Wochen später steht Mücke wieder in der Kirche. Er sieht anders aus. Die Augen klarer. Die Stimme sanfter. „Darf ich mit Dir reden?“ „Klar!“ sage ich. Mücke schaut auf seine Füße, ich auf die dünnen Haare auf seinem Kopf. „Tut mir leid,“ nuschelt er dem Fußboden entgegen. „Tut mir leid,“ dann hebt er seinen Kopf und schaut mir in die Augen. In dem Moment gucke ich mir auf die Füße und er mir auf den Kopf. Uns in die Augen zu schauen, das schaffen wir nicht. Wir fühlen beide, dass uns unsere Rollen nicht behagen. Kurz bleibt es still und dann sagt Mücke weiter: „Darf ich wieder zurückkommen? Darf ich heute hierbleiben?“ Ich komme mir vor wie in der Weihnachtsgeschichte. Ich der Wirt, Mücke Maria und Josef in einer  Person mit leichter Fahne und ohne Kind im Bauch. „Heute ist doch Weihnachten, haben die andern gesagt.“ „Heute ist Weihnachtsfeier, Weihnachten kommt noch,“ sage ich und merke im selben Moment, dass ich lieber meinen Mund gehalten hätte. Mücke und ich schauen uns jetzt wirklich in die Augen und Mücke sagt nochmal: „Heute ist doch Weihnachten, haben die andern gesagt. Darf ich heute hier bleiben? Ich bin nicht so wie vor zwei Wochen, also nur ein bisschen, aber mehr geht wirklich nicht.“ Dabei schaut mir Mücke in die Augen. Seine Augen strahlen wie ein Stern in dunkler Nacht. „Heute ist doch Weihnachten.“ Und ich sage zu ihm: „Ja, heute ist Weihnachten. Warte noch eine halbe Stunde und dann fangen wir an.“

Und Mücke wartet und bleibt und ich schaue wieder auf meine Füße
und sehe ein Glitzersternchen auf dem Boden.
Das liegt da allein und leuchtet klar.
Ich hätt’s zertreten, nun hilft’s mir sogar.

Amen.