„Offene Einladung“: Predigt_2. So.n.Tr._27. Juni 2019_Jesaja 55,1-5_Berliner Dom (Kanzeltausch der Citykirchen)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Amen.

(I. Kauft ohne Geld)
1Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser, und ihr, die ihr kein Geld habt!
Los, kauft und esst! Los, kauft ohne Geld und ohne Preis Wein und Milch!
Das letzte Mal, als ich ohne Geld und Preis eingekauft habe, war ein Fiasko.
Drei Jahre alt muss ich gewesen sein, so erzählen es die Mütter und Väter,
und dann lachen sie: Tja, Kinder halt, kann man nie alleine lassen!
Dann denken die sich nämlich Unsinn aus, so unbeobachtet, so wie wir es damals waren.
Auf der Straße vor dem Haus mit den Dreirädern unterwegs,
zwei Dreijährige: meine Freundin und ich.
Wir fuhren zu Tengelmann, dem Supermarkt die Straße runter,
auf, los, kauft ohne Geld und esst!
„Einkaufen“ wollten wir, also, was wir darunter verstanden.
Wir waren uns sicher:
Mit den Dreirädern in den Laden rein und dann Kinderriegel und Kaugummi eingesteckt.
An der Kasse mussten wir nichts bezahlen, denn wir fuhren einfach drunter durch,
unbemerkt von der Kassiererin.
Los, kauft ohne Geld und ohne Preis Wein und Milch!
Zurück zu Hause dann Aufruhr von den Erwachsenen:
Was habt Ihr getan? Nein, so geht das doch nicht!
Man darf nicht einfach Dinge mitnehmen, ohne zu bezahlen, das ist Diebstahl!
Also schnell zurück, mit den halb aufgegessenen Süßigkeiten, den Eltern im Schlepptau und dann entschuldigen und nachbezahlen. So fühlt sich Scham an.

1Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser, und ihr, die ihr kein Geld habt!
Los, kauft und esst! Los, kauft ohne Geld und ohne Preis Wein und Milch!
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Gott selbst lädt ein, in seinen himmlischen Supermarkt, in dem es alles umsonst gibt:
Das Überlebensnotwendige wie Wasser und die Genussmittel und Süßigkeiten: Wein und Milch.
Offene Einladung an alle,
an die Durstigen und die, die pleite sind.
An die Dreijährigen und die schimpfenden Erwachsenen.
Keiner muss dabei mit seinem Dreirad heimlich unter der Kasse durchwischen,
nein, hier bedient der Chef noch höchstpersönlich und auf dem Kassenbon steht am Ende 0 €.
Endlich Shopping und Genuss ohne Scham und Reue!

(II. Was brauche ich zum Leben?)
Warum macht Gott das, diese offene Einladung aussprechen,
ja ausrufen, mit den vielen Ausrufezeichen und den Imperativen?
Diese erfrischend andere Angebot – auf, los, kauft und esst ohne Geld!
Wo doch alles seinen Preis hat auf dieser Erde und wir es gewohnt sind, alles auf- und ab- und durchzurechnen und zu bezahlen.
2Warum zählt ihr Geld ab, ohne Brot zu bekommen, und euren Lohn, ohne satt zu werden?
Das fragt Gott zu recht, meine ich, denn bei ihm gibt es alles im Überfluss und umsonst.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und auch nicht von den Genüssen, die er und sie sich so gönnt.
Obwohl das doch alles ganz sehr lecker schmeckt und sich gut anfühlt.
Und andererseits können viele ja gar nicht anders als jeden Cent umzudrehen und am Ende bekommen sie immer noch nicht genug Lohn oder Brot.
In meinem Mund bleibt so ein schaler Nachgeschmack.
Und der Durst ist immer noch da, so wie heute bei 39 °C, jeder Schluck verlangt schon nach dem nächsten, man schüttet Trinken und Essen rein und trotzdem ist da immer ein Loch und die Sehnsucht im Bauch wird nie gestillt.
Das Ab- und Aufrechnen geben Kontrolle und Sicherheit, aber sie trügt.
Was brauche ich eigentlich zum Leben?
Was lässt sich mit Geld nicht bezahlen?
Worin suche ich Halt?
Was ist es, das mich umtreibt;
der Hunger, der mich nicht schlafen lässt, auch wenn ich satt bin,
dieser Durst nach Glück,
und der Zweifel: Das soll wirklich umsonst sein?

(III. …und ihr werdet leben!)
Hört mir gut zu, und ihr werdet Gutes essen und eure Kehle am Nahrhaften laben.
3Neigt eure Ohren und kommt her zu mir, hört, und ihr werdet leben!
Ich will mit euch einen dauerhaften Bund schließen, zuverlässige Zuwendung, die ich David erwies.
4Schau, als Zeugen für die Völker setze ich ihn ein,
als Fürsten und Gebieter über Völker.

Zuverlässige Zuwendung, Nahrung für Leib und Seele, Halt und Sicherheit.
Und das alles ohne Gegenleistungen, nicht einmal Buße will Gott.
Einzig Kommen und Zuhören ist angesagt.
Gottes Wort kauen, Gutes essen, leben.
Gott ruft uns an seinen Tisch, zu essen und zu trinken, aufzutanken.
„Kommt, denn es ist schon bereit!“ (Lk 14,17)
Jetzt, heute, hier.
Alles umsonst.
Keine Entschuldigungen, keine Ausflüchte, keine Absagen.
Gott versorgt mich mit allem, was ich brauche.
Und ich habe Zeit und Kraft, genährt, erfrischt und gestärkt in die Welt zu ziehen.
Wer gehalten ist, der hat keine Angst.
Wer sich versorgt weiß, der kann freigebig sein, offen, einladend.
Das Mahl ist nur der Anfang!
Also gut zuhören,
denn die Welt da draußen vor den Kirchentüren braucht unsere offene einladende Haltung umso dringender.
Hände, die sich Brot und Wein im Frieden reichen statt Hassbotschaften in die Tastaturen zu hämmern oder Pistolen auf Köpfe zu richten.
Augen, die sich liebevoll anblicken statt abschätzig auf die zu schauen, die bunt und vielfältig und anders sind.
Münder, die sich küssen, die sich gute Worte sagen statt niederzumachen und auszugrenzen.
Füße, die sich aufmachen, miteinander den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen statt die ausgetretenen Wege weiterzugehen wie immer.
Herzen, die im Takt der Menschlichkeit klopfen, die sich nicht damit abfinden, dass es illegal ist, anderen zu helfen.
Denn:

(IV. Offene Einladung)
5Schau, fremde Völker, die du noch nicht kennst, wirst du rufen, und fremde Völker, die dich nicht kannten, eilen zu dir,
um Gottes willen, deiner Gottheit, heilig in Israel ist sie, ja, dich schmückt sie.

Offene Einladung an alle, über alle Grenzen hinweg.
Fremde, die du noch nicht kennst, sind eingeladen.
Und die, die dich noch nicht kennen, eilen zu dir.
Israel ist reichhaltiges Leben und zuverlässige Zuwendung durch Gott zugesagt.
Und wir, die Völker, dürfen aus dem Überfluss der Gnade mitessen und mittrinken.
Dinner for One, one world, im House of One, beim gemeinsamen Mahl.
Auf, los, kommt, esst!
Alle sind zu Tisch geladen, nicht nur die besonders Frommen, die Getauften oder die auf dem Weg zur Taufe sind.
Nein, alle, die sich gerufen fühlen, über Religionen und Traditionen hinweg,
im Hier und Jetzt, vereint an Gottes Tisch.
Wir sind nicht die Gastgeber*innen, sondern Gott ist der Gastgebende.
Um Gottes willen, was haben wir da suchen bei der Einlasskontrolle?
Gott kassiert doch ab und auf jedem Bon steht 0 €.
Unterm Strich ist es gut gelaufen.
Keine Schulden mehr soweit.
Sondern Überfluss, mehr als du je zu träumen gewagt hast, ein weiter Horizont,
und Gott, der dich schmückt.

Was müssen wir tun? Hören, sonst nichts.
Uns einladen lassen von Gott.
Und uns freuen, dass auch die anderen eingeladen sind.
Die, die wir vielleicht lieber draußen sähen.
Also weniger berechnend sein.
Vermeintliche Sicherheiten wegwerfen.
Auch mal was runterschlucken, was uns nicht schmeckt.
Und Leib und Seele gleichermaßen pflegen.
Werden wie die Dreijährigen auf Dreirädern,
ohne Angst und Scham,
Einkaufen ohne Geld und Preis,
von Gott gehalten und versorgt.
Hören, Sehen und Schmecken ohne Bedingungen und Grenzen:
„Im Abendmahl versammelt sich die Gemeinschaft der Getauften auf die Einladung des Gekreuzigten und Auferstandenen hin. Diese Gemeinschaft ist eine offene. Sie folgt der Taufe. Umgekehrt vermag die Abendmahlsgemeinschaft zugleich Stärkung auf dem Weg zur Gemeinschaft mit Gott und auf dem Weg zur Taufe zu sein. Sie steht auf diese Weise unter der Verheißung des: „Kommt alle her zu mir…“ und wird damit auch zum Gastmahl einer Gemeinschaft, die über Zugehörigkeit zu einer Religion oder Tradition hinausreicht. Das lebenslange Ja Gottes und der Segen der Taufe werden für die Zeit der Abendmahlsfeier in der Gemeinschaft aller Menschen, die sich für den Moment gerufen fühlen, sicht-, hör- und schmeckbar.“
(These 8 der Abendmahlsthesen der Gemeinde St.Petri-St.Marien, Juni 2019, www.marienkirche-berlin.de/offene-einladung-thesen-des-gemeindekirchenrats-zum-abendmahl-in-st-petri-st-marien/).

Auf, los, kommt! Es ist alles bereit.
Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.