Predigt über Johannes 14,15-19.23b-27 im Gottesdienst zu Pfingsten in der St. Marienkirche Berlin gemeinsam mit Mitarbeitenden der Berliner Feuerwehr und des Rettungsdienstes, 9. Juni 2019

Liebe Pfingstgemeinde, liebe Mitarbeitende der Feuerwehr, liebe Rettungskräfte,

eine Drehleiter ist schon etwas besonders Faszinierendes. Je nach Anlage geht das Ding gut zwanzig Meter in die Luft, also Nennrettungshöhe bei bestimmter Nennausladung, so wohl die Fachsprache. Die erste Drehleiter maschineller Art stammt von Gustav Witte, dem zweiten Branddirektor der Berliner Feuerwehr. Seit 1879, also 140 Jahre gibt es nun diese maschinellen Drehleitern, die man in einer Metropole wie Berlin, wo die Menschen ja nicht nur Parterre wohnen, öfter braucht. Also die Drehleiter ausgefahren und dann den Wasseraufsatz angeschlossen, mit dem Löschwasser so direkt durchs Fenster, fünfter, sechster Stock. Wasser wird es brauchen, oft genug, das halte ich mal vorweg fest heute, wo so viel von Feuer die Rede ist. Wasser braucht es. Und gute Worte sicher oft genug auch auf der Drehleiter, die ja dazu da ist, Menschen rauszuholen, aus Brandherden, oder aus Verwirrung, aus Angst, bisweilen aus dem Irrsinn, einen Schlussstrich ziehen zu wollen, zu müssen, jetzt sofort. Die Drehleiter ist der gute Geist gegen die bösen Geister, wenn ich das so sagen darf, aber natürlich nicht die Drehleiter selbst, die Menschen darauf. Menschen, wie wir sie gerade hier gehört haben – was ihnen Kraft gibt und was sie für eine Kraft haben, auf so einer Drehleiter, ich sage Ihnen: damit können Sie nicht nur in der Kita angeben, damit können Sie auch bei mir angeben, weil – meins wäre es nicht. Ist so hoch, wird einem schnell schwindelig, braucht es nüchterne Geister, ja, überhaupt: es braucht nüchterne Geister beim Retten. Welche, die mit Wasser umgehen können. Und mit einfach mal Festhalten, einfach mal Festhalten die gute Seele, den guten Geist.

Liebe Pfingstgemeinde, der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren, und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Sagt Jesus, vor Ostern, vor Pfingsten, vor dem Gang in Schmerz und Trauer und Abschied zu seinen Freunden, seinen Jüngern. Ihr kennt ihn, diesen Geist, diesen Tröster, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein, sagt Jesus. Liebe Gemeinde, es hat etwas durchaus Nüchternes, diese Rede, das Pfingstevangelium in diesen Worten bei Johannes. Keine Zungen wie Feuer, kein brausender Wind, keine spirituell Verzückten, die wir aus der Pfingstgeschichte in der Apostelgeschichte kennen und die auf andere den Eindruck machen, nicht ganz nüchtern zu sein. Das alles nicht. Beim Hören des Evangeliums kann man eher den Eindruck gewinnen: ah, hier wird ein wenig gelöscht. Wo die Pfingstbegeisterung allzu feurig werden könnte, wo uns die Assoziationen und Metaphern mit was alles brennt und wofür wir so brennen, wo die womöglich mit mir durchgehen und wir die nüchternen Frauen und Männer aus dem Dienst hier heute brauchen, die uns erinnern: brennen, das ist auch dieser Schrecken, der sich da gerade eine Woche lang über 800 Hektar im Nuthe-Urstrom-Tal bei Jüterbog ausgebreitet hat. Brennen, bevor mir das in feuriger Pfingstbegeisterung aus dem Blick gerät, da kommen die Worte Jesu aus dem Johannes-Evangelium gerade recht und löschen so, auf ihre Weise. Ich könnte auch sagen, sie sind eine Art Drehleiter – sie bewahren uns einen klaren Blick, lassen uns nüchtern auf den Geist schauen. Und ich will und kann daraus auch nicht eine Soße machen: Gottes Geist und der gute Geist der Feuerwehr und Rettungskräfte, das ist noch mal verschieden, gut so, hier wird heute nicht einfach eingemeindet und in eins gekippt, lieber nüchtern die Geister getrennt. So, gerade so lässt sich viel füreinander und voneinander sagen, begeisternd viel. Und also: die Drehleiter innerlich hochfahren – vor meinem, vor Ihrem Auge. Dass wir den Geist dieses Tages in den Blick nehmen.

Liebe Gemeinde, so eine Drehleiter kann viel: Löschangriff, wenn ich die Fachsprache nicht missverstehe, Beleuchtung sichern, Belüftung ermöglichen, na klar, das alles, aber als erstes natürlich: Menschen retten. Aus misslichster Lage, womöglich liegend, schwankend, bewusstlos, retten in jedem Fall vor dem Fall. Die Drehleiter, überhaupt diese Leitern auf den Feuerwehrwagen, die bei keiner Spielzeugvariante fehlen durften, sie sind für mich das Sinnbild von: nicht allein lassen, praktischer Rettungskorb, immer ist einer da und bringt dich sicher zurück. – Nicht allein lassen. Nüchtern betrachtet ist das die erste Botschaft der Gabe des Geistes heute im Evangelium. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, sagt Jesus, ich sende euch meinen Geist. Abschied steht im Hintergrund, Jesus bereitet die Freunde auf die Zeit nach seinem Tod vor, nach Ostern auch. So schön alles war, das Miteinander von Jüngern und Jesus, so schön alles war und ist, es wäre zu Ende, irgendwann wäre es zu Ende, früher oder später. Jesus sieht das nüchtern voraus. Irgendwann wären die Menschen allein mit der Erinnerung, die dann noch so schön sein kann. Ohne Geist, liebe Pfingstgemeinde, ohne Heiligen Geist bliebe der Glaube an Jesus ein historischer Merkposten, ein hübsch oder auch überholt anmutendes Historienspiel. Ja, ich spitze es noch zu: Ohne Geist bliebe Jesus allein zurück, bliebe Gott am Ende mit Jesus allein, also mit sich allein, wie sollte er uns gegenwärtig werden, wie sollte die Ewige für uns spürbar werden, ohne Geist? Ziemlich einsam die Drehleitern des Glaubens dann, selbst, wenn sie in den Himmel reichen. Nüchtern betrachtet ist das die Notwendigkeit von Pfingsten: wie sollte Gott, der eine und einzige, wie sollte Gott Gegenwart werden ohne diese Geistkraft? Naja, Sie merken schon, Predigtworte können sich auch ziemlich hochschrauben und in schwindelnde Höhen vorstoßen und man weiß nicht, ob man von da wirklich wieder runterkommt. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, sagt Jesus. Ohne Geist könnt ihr euch drehen und wenden, es wird alles leer und einsam, allein und unwirtlich.

Aber ist es das nicht in der Welt? Einsam und leer oft? Ist es das, liebe Pfingstgemeinde, oder ist es etwas anderes, dass Menschen heute oft nicht mehr wissen, wie sie mit Rettern und mit Rettungen umgehen. Vor lauter Um-sich-selbst-Drehen und -Kreiseln verlieren sie den Verstand. Ich fahre im Stau und denke, oje, wieder ein Unfall. Bis ich merke: der Unfall war auf der Gegenseite. Auf meiner Seite wird langsam gefahren und geglotzt. Und fotografiert und gepostet. Ich möchte im Boden versinken vor Scham, wo ist die Drehleiter in die Erde. Menschen beschimpfen, bepöbeln, bedrängen, behindern die Rettungskräfte, ein Wahnsinn, ich habe keine Erklärung dafür. Stelle mir allenfalls vor, dass Menschen so leer, so voller Angst vor dem Tod sind, dass sie das in Aggression übertragen, die hässliche Fratze auf der eigenen Seele wird nach außen gekippt. Wenn ich das sage, soll das nicht einen Minideut nach Rechtfertigung oder gar Entschuldigung klingen, wie gesagt: die um sich und nur um sich kreisenden Egos verlieren den Verstand. Und die, die retten, müssen das auch noch aushalten. Ein bisschen so, wenn ich das sagen darf, ist es auch mit Christus: er fährt den Rettungskorb für uns aus und wird bespuckt, bepöbelt, Menschen, die ihm nachfolgen, kriegen immer wieder zu hören: eure christliche Liebe ist doch Unfug, töricht, schwach, nur die Starken setzen sich durch, so ein Unsinn halt – unwirtliche Welt. Herr, schmeiß Hirn vom Himmel, rufen wir ja manchmal, und was passiert: er schickt den Geist. Besser? Ja, weil: Hirn und Herz in eins, Verstand und Liebe und Kraft in aller Schwäche. Drehleiter und Sprungtuch und Rettungswagen, three in one. Und dann auch noch die freundliche Feuerwehrfrau, die sich einfach dazusetzt, nachdem alles überstanden ist. Dann geht es ja manchmal erst los, nach dem Alptraum das Trauma.

Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Pfingsten ist die Gabe der guten Erinnerung. Liebe Gemeinde, die Drehleiter – Rettungsweg durch luftige Höhen. Manchmal wird es einem ja erst hinterher schwindelig, steht man da unten und denkt: oh, da war ich oben. Kippt dann womöglich fast um. Ist gut, wenn da jemand festhält, fest erinnert. Du hast das überstanden. Ja, Du warst sogar total stark da auf der Leiter. Sagt die Retterin. Sagt die Gerettete: ehrlich, ich weiß gar nicht mehr. Sagt die Rettende: doch, wirklich, hast dabei selbst von dem erzählt, was Dich trägt. Und von dem Himmel, dem du gerne so nahe bist und dann doch wieder nicht. Und von den Menschen, die da sind, wenn es Dir schlecht geht. Und von den Sonnenblumen, die Du so gern hast, dass Du Dir sie schon Pfingsten kaufst, obwohl sie in den Herbst gehören. Erinnerst Du Dich? Und die Worte, die Dir helfen, wenn sich alles dreht und Du nicht weiter weißt, Worte vom Halten und vom Wort Halten. Und so. Sagt die Gerettete: echt? Gut, dass Du mich erinnerst. Und in die Augen kommt wieder leben, die Schweinwerfer der Drehleiter geben Verstärkung.

Die Gabe der guten Erinnerung – Ressourcen-Aktivierung sagen wir dazu heute deutlich weniger poetisch, Resilienzpotentiale stärken, na das klingt doch schön nüchtern, so können wir Pfingsten auch nennen: Resilienzpotentialerinnerungszusammenkunft. Ach nee, lieber nicht. Und wäre ja auch nicht alles: Der Geist der guten Erinnerung lässt uns anderen in den nächsten Tag schauen, hoffen, dass wir die Drehleiter gar nicht so oft brauchen. Und wenn, dann schnell bei der Hand haben. Ich habe mal auf der Homepage geguckt, Berliner Feuerwehr. Für den 7.6. bis 14 Uhr, also mittags, vorgestern, für den halben Tag stehen da als Zahlen für Einsätze: Brandbekämpfung 17mal, technische Hilfeleistung 74mal, Rettungsdienst 616mal. Ich sage: 707mal guter Geist, 707mal Nicht-allein-lassen-Geist in dieser Stadt, 707mal Aktualisieren von etwas, das gut zu erinnern ist: Sie sind da, geben sich, setzen Ihr Leben ein. Danke!

Wie sähe das auf einer Homepage der Kirchen aus? Wie viele Einsätze von Gottes Geist heute? Wie viele Sprungtücher für fragende Seelen im Gebet, wie viele Drehleitern für Trauernde in der Fürbitte, dass eine Tür aufgeht, wie viel belebender Geist, wo Herz und Sinn leer geworden sind, Erinnerung mit Posaunen oder mit Oblaten oder mit Orgelpfeifen oder mit einem Wort oder einem Gedanken nur. Wie viele? Wer will das zählen?

Wir retten Berlin. Seit 1851 – das ist der Slogan der Berliner Feuerwehr. Dazu mit Drehleiter seit 140 Jahren. Man möchte sich für eine Sekunde daneben stellen und sagen: Gottes Geist – rettet seit Pfingsten allüberall. Das war wohl so um das Jahr 30 nach Christi Geburt – also vor 1989 Jahren? 1989 – auch eine schöne Zahl in diesem Jahr, 1989, Geist der Veränderung, wind of change. Neues Thema, nee, jetzt nicht mehr in dieser Predigt. Bin ja sowieso nicht so nüchtern geblieben, wie ich gedacht und versprochen hatte. Und das, obwohl ich Pfingsten so von der ernsten Seite angeguckt habe. Quasi über den Löschwasserschlauch. Und nicht von den feurigen Zungen her, von den verzückten Geistern, wie wäre es dann erst? Wie tanzende Drehleitern womöglich, rund durch die Stadt? Gibt es das, liebe Feuerwehrkräfte: den Drehleitermove? Ich stelle mir vor, Sie machen den vielleicht sogar manchmal. Nach gelungenem Einsatz, nicht mit den Geräten, aber mit den Kolleginnen und Kollegen, den Move der geglückten Rettung, ein Tänzchen im Geist der Gemeinschaft. Resilienzpotentialerinnerungstanz. Pfingsten: Gottes Geist tanzt mit. Mit uns. Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!

Weitere Predigten des Propstes sind zu finden unter www.ekbo.de/wir/propst/predigtenandachten