Pfarrerin Corinna Zisselsberger
Ansprache zum Gedenken und zum Trost in der Trauerfeier für einsam Verstorbene
in St. Marien, Berlin-Mitte am 22. November 2019

Sag mir wo die Blumen sind,
Wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Blumen sind,
Was ist geschehen?
Wann wird man je verstehen,
Wann wird man je verstehen?
(Marlene Dietrich)

Ja, Blumen fehlen oft, bei Bestattungen der einsam Verstorbenen.
An Blumen fehlt es, wenn die Urnen still da stehen, in der leeren Friedhofskapelle,
und wenn sie dann anschließend in die nackte Erde gelassen werden.
Und nicht nur an Blumen fehlt es, oft auch an Worten und Musik, an Wissen über den Toten bzw. die Verstorbene, an begleitender Gemeinschaft, an einem würdigen Abschied.
Wo sind sie geblieben, die Blumen, und auch die Menschen, die die Blumen in ihren Händen halten, zur Bestattung bringen, ans Grab legen? Sag mir, wo!
Was ist geschehen?, so kann man fragen. Und die Antworten darauf sind vielfältig: Soziale Isolation, selbst gewählt oder unfreiwillig; Armut; Anonymität der Großstadt; eine höhere Lebenserwartung; fehlende religiöse und gemeinschaftliche Bindungen; auch gescheiterte Lebensentwürfe, Krankheiten, Kontaktabbrüche; knappe Finanzen, Bürokratie…
Wann wird man je verstehen?
Wir, die wir heute hierher gekommen sind, um den Toten zu gedenken, verstehen es vermutlich auch nicht vollkommen. Wir sind betroffen, berührt, traurig. Und vielleicht fragen Sie sich, so wie ich: Hätten wir nicht früher was tun sollen? Bevor die Einsamkeit so groß wurde, dass Menschen im Sterben und bei der Bestattung allein waren?
Das Versäumnis lässt sich nicht mehr aufholen. Es bleibt da ein Defizit, ein Mangel. Aber es ist gut, dass wir, dass Sie, heute hier sind! Dass wir heute den einsam Verstorbenen aus unserer Mitte gedenken.
Dass wir ihre Namen verlesen und für sie eine Kerze entzünden.
Dass wir Blumen mitgebracht haben.
Wir tun damit in alter Tradition ein Werk der Barmherzigkeit.
Denn alle dieser 54 Verstorbenen, jede und jeder einzelne von ihnen, ist ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen. Und seine Würde bleibt erhalten, über den Tod hinaus. Ein Mensch mit einem klopfenden Herzen, mit unverwechselbaren Augen. Mit Gedanken, Träumen, Wünschen und Hoffnungen, in allen Farben des Regenbogens. Jede und jeder von ihnen war Tochter oder Sohn, hatte vielleicht auch Geschwister und selbst Kinder, Freundinnen, Nachbarn, Angehörige, Bekannte. Und diese alle haben immer nur jeweils einen Teil, einen Ausschnitt, dieser Person sehen können und dürfen. Eine Farbschattierung.
Jede und jeder von ihnen hat eine einzigartige, eine vollkommene Lebensgeschichte, bei allen Defiziten und Enttäuschungen, und bei aller Freude, bei allen Erfolgen, in aller Liebe.
Jede und jeder von ihnen hat einen eigenen Namen.
Und in meinem Glauben, in der christlichen Tradition, ist jede und jeder der Verstorbenen Kind Gottes. Geschaffen, geliebt und angesehen von Gott. Beim Namen gerufen. Sein und ihr Name ist eingeschrieben in das Buch des Lebens.
Mir ist es Trost, die Verstorbenen in Gottes Hand, im Frieden, zu wissen. Und damit auch Gewissheit zu haben, dass all die Versäumnisse und Defizite des Lebens auf dieser Welt, all das, was ich getan und gelassen habe, nicht das Ende ist. Sondern ich glaube, dass Gott alles ins rechte Maß rückt. Und dass seine Weisheit alles übersteigt, was ich nicht verstehe. Wie es die Psalmworte, die wir vorhin gehört haben, ausdrücken: Gott, du bist unsere Zuflucht, für und für. (Psalm 90)
Aus diesem Glauben ziehe ich Trost und auch Kraft. Und mit dieser Kraft bin ich ausgestattet, um mich dem Anspruch ein Stück zu nähern, dass niemand unter uns alleine sein soll im Leben und Sterben. Es ist unsere Verantwortung, als Gemeinschaft, gleich welcher Religion oder Weltanschauung, zusammenzustehen und jedem und jeder unter uns zu ermöglichen, in Würde zu leben und zu sterben. Kein Mensch soll zum bloßen Objekt des Staates gemacht werden – dies widerspricht der Menschenwürde (so sagt es das Bundesverfassungsgericht).
Der einzelne Mensch als Subjekt, das heißt für mich: Wert, Achtung und Aufmerksamkeit. Für die Menschen, die mir begegnen. Für die Menschen in meiner Nähe. Ideen und Initiativen gibt es, und auch wir können mittun, es braucht ein bisschen Mut, einen Moment Zeit und einen Anstoß: Einen kleinen Plausch im Treppenhaus, eine Karte zum Geburtstag, ein Angebot zur Unterstützung, offene Türen und Wärme zum Austausch, auch die Nachfrage, wie sich der/die andere eigentlich die eigene Beerdigung wünscht. Es braucht den Blick auf mein Gegenüber als geliebtes Geschöpf mit Würde.
Dann verstehen wir vielleicht ein bisschen mehr, ein bisschen früher.
Dann erahnen wir vielleicht schon hier, auf Erden, ab und an den Schimmer eines bunten Regenbogens, auf den Gesichtern derer, die wir anblicken.
Dann sehen wir grüne Bäume und rote Rosen blühen.
Und die Blumen sind hier, mitten unter uns, wir bringen sie uns gegenseitig mit.

Lied: „Somewhere over the rainbow“ (Judy Garland)

Es gilt das gesprochene Wort!