Predigt von Pfarrerin Corinna Zisselsberger am 3. Sonntag nach Epiphanias im Rahmen des „Gender in den Religionen“-Workshops des House of One

Predigttext: Apostelgeschichte 10,21-35

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft der Heiligen Geistkraft sei mit euch allen. Amen.

(I. Sehen lernen)
Zuerst musste ich zweimal hinschauen. Denn so hatte ich das Ganze noch nie gesehen, also diese typische Weihnachtsszene: Maria und Joseph im Stall mit dem kleinen Jesuskind und nebendran Ochs und Esel. Ein beliebtes Motiv in der christlichen Malerei, wir haben allein hier in der St. Marienkirche drei Bilder dieser Szene hängen. Aber so wie auf der französischen Buchmalerei festhalten, die Ihr vorne auf dem Gottesdienstheft abgedruckt finden, ist es mir noch nicht untergekommen.
Maria ist dort zu sehen, wie sie zugedeckt mit einer großen roten Decke in einem Buch liest, während Joseph zu ihren Füßen sitzend, eingehüllt in einen blauen Mantel, das Baby hält. Eine ungewohnte und ungewöhnliche Darstellung für Augen, die von der üblichen mittelalterlichen Bildsprache christlicher Kunst geprägt sind. Da trägt nämlich Maria in der Regel den blauen Mantel, als Zeichen dafür, dass sie die Himmelskönigin ist, also Vermittlerin zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen. Joseph steht da meistens etwas abseits. Und wenn eine das Kind hält, mit mütterlich-entrücktem Blick, dann ist es Maria. So zumindest der häufige, herkömmliche Blickwinkel.
Aber heute lerne ich sehen! Ich sehe: Maria studiert die Tora, liest also das Wort Gottes. Das Baby weiß sie gut umsorgt von Joseph. Der scheint alle Bedenken gegen sein nicht-biologisches-eigenes Kind über Bord geworfen zu haben und ist einfach nur anrührend versunken in seine frisch gebackene soziale Elternschaft.

(II. Ein verkürztes Bild)
Sehen lernen! Weihnachten im Stall jedenfalls mit anderen Augen. Erstaunlich, dass diese so modern anmutende Szene aus dem 15. Jahrhundert stammt. Also muss es schon vor über 500 Jahren eine Vielfalt gegeben haben, was die Vorstellung und Interpretation dieser Weihnachtsszene angeht. Und nochmal 1.500 Jahre vorher hat Maria, die junge jüdische Frau, ihr kraftvolles „Magnificat“ gesungen, ihr Lied, das von Befreiung, vom Angesehen-Sein von Gott tönt. Leider wurde das Empowernde-Revolutionäre darin und Marias Rolle als Empfängerin Gottes im Laufe der Kirchengeschichte immer mehr verklärt und glatt geschliffen: Heilige Jungfrau, fügsame Mutter. Passt ja so gut ins Bild…
Ein Glück, dass uns u.a. die Engagierten der Initiative „Maria 2.0“ einen anderen Blick auf Maria zeigen, einen differenzierten. Sehen lernen! Die Perspektive weiten. Denn das, was wir als ‚normal‘ empfinden, ist doch leider oft das Produkt einer sozialen und kulturellen Prägung und damit auch einer Verengung und Vereinfachung. Bei den ersten Christinnen und Christen gab es z.B. wohl noch eine große Vielfalt in den Aufgaben und Ämtern. Gestern im Gender-Workshop hörten wir von Thekla, einer Schülerin des Apostels Paulus, die – so berichten es die Paulusakten – als Frau getauft und gepredigt habe. Da dies aber nicht allen in den Kram passte, wurden die Paulusakten und damit die Geschichte von Thekla später als erfunden dargestellt. Und im Islam, so wurde uns berichtet, gab es in der Anfangszeit in unmittelbarer Nähe des Propheten Mohammed eine Vielfalt in den Frauenrollen: Geschäftsfrau, Politikerin, Ehefrau und Mutter. Doch nicht alle Rollen wurden in gleicher Weise weitertradiert.

Augen zu und durch. Durch die Jahrhunderte, Jahrtausende mit Scheuklappen und engem Blick. Es ist unbestritten, dass die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam in vorwiegend patriarchalen Systemen herausgebildet wurden. Aber im Ursprung der Überlieferung, in den Heiligen Schriften, da steckt in ihnen ein egalitärer Kern: Gott hat die Menschen gleich geschaffen, männlich und weiblich und in vielerlei Geschlecht. Und alle Einschränkungen und Eingrenzungen dieses ‚Gleichseins‘ aller Geschlechter vor Gott sind menschliche Setzungen, Verkürzungen, Vereinfachungen. In diesem Lob der Einheit in Vielfalt ist befreiende Kraft enthalten.

(III. Weiter Horizont)
Am Anfang des Christentums steht ein weiter Blick. Ein Blick, der Grenzen überschreitet und überwindet, der den eigenen Horizont ausdehnt. So berichtet es auch die Apostelgeschichte von Petrus. Von einer augenöffnenden Begegnung sozusagen. Petrus, ein enger Vertrauter von Jesus, lernt durch sie neu sehen. Zum Hauptmann Kornelius, einem römischen Offizier, wird er auf wundersame, engelsgleiche Weise gerufen. „Bisher dachte ich, ich muss mich an meine Regeln halten. Ein frommer Jude kehrt nicht bei einem Fremden ein“, sagt Petrus. Aber er sieht Kornelius, sieht dessen aufrichtige Gottessuche. Und Petrus zeigt sich lernbereit. Seine Augen sind seinem Rabbi Jesus gefolgt. Sein Herz ist offen für Gottes horizonterweiternde und grenzüberschreitende Botschaft, die er im Traum empfängt. „Mir hat Gott zeigt, dass man niemanden vor Gott als abscheulich oder unrein ansehen darf.“ Gott schaut nicht nach menschlichen Regeln und Kategorien, ist nicht parteilich wie wir Menschen das verstehen und praktizieren. Sondern, so sagt es Petrus, „sind Gott überall diejenigen recht, die Gott achten und rechtschaffen handeln.“ Gott schaut, wer die vielfältige Schönheit des Lebens in den Augen der anderen erkennt. Gottes Kinder sind vereint, über Grenzen der Tradition und Religion hinweg.

(IV. Neue Perspektive)
Aus diesem weiten Horizont und dem liebevollen Blick auf mein Gegenüber heraus ordnen sich die Dinge vielleicht auch anders. Das, was ich bisher an Überzeugungen mit mir getragen habe, wird in der Begegnung mit Gott und in der Begegnung mit Menschen, zu denen Gott mich schickt, fluide. So wie ich es bisher gesehen habe, bleibt es nicht. Denn Gott zeigt mir eine neue Perspektive. Weg mit den verkürzten Bildern! Mit den eingeschränkten Sichtweisen! Mit den engen Rollen! In der Begegnung, im Gespräch mit Menschen, die anders glauben als ich, liegt so viel, was ich lernen und erfahren kann. Dort, wo Gottes Geist wirkt, werden menschliche Grenzen überwunden und lösen sich auf, wird Versöhnung und Frieden gelebt. Einheit in Vielfalt. Dazu braucht es Mut und auch Kraft. Denn jeder Lernprozess geht auch mit Irritationen, mit Erschütterungen und mit Abschieden einher. Es schmerzt, liebgewonnene Gewissheiten loszulassen. Oder das eigene Selbstbild zu hinterfragen und neu zusammengesetzt zu betrachten. Es irritiert, wenn nicht in gewohnter Weise von Gott geredet wird und meine Augen nicht das zu sehen bekommen, was sie gewohnt sind. Gut so!

(V. Bunte Bilder der Hoffnung)
75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und in Zeiten, in denen jeden Tag neue Grenzen aufgezogen und die Grenzen des Sagbaren und Tunbaren immer weiter verschoben werden in das Abgrundtiefdunkle, macht mir das Bild von Petrus und Kornelius Hoffnung. Gastfreundschaft, Mut zur heilsam-erschütternden Lernbereitschaft, gemeinsame Suche nach dem, was Gottes Kinder verbindet, ein respektvolles Gespräch auf Augenhöhe. Ein buntes Gegenbild zu all den Vorurteilen, Anfeindungen, Bedrohungen und Angriffen. Und wichtig erscheint es mir heute, am Vortag des Holocaust-Gedenktages, die Geschichte von Petrus und Kornelius und auch das Evangelium in Matthäus 8 (selbst-)kritisch auf anti-jüdische Gedanken hin zu lesen. Die Erweiterung des Glaubens durch Jesus Christus über Israel hinaus, die in den beiden Texten erzählt wird, verstehe ich als einen zweiten Weg der Heilszusage durch Gott. Der erste Weg, die Heilszusage an sein geliebtes Volk Israel, bleibt in ewiggleicher Weise ohne Einschränkungen bestehen.

Petrus und Kornelius. Zwei Menschen im ehrlichen und offenen Gespräch über Gott und die Welt – ohne Berührungsängste. Denn vor Gott ist niemand abscheulich oder unrein!

Neun Menschen lassen uns an ihren Gedanken und Erfahrungen von „Gender und Religion“ teilhaben. Perspektiven aus verschiedenen religiösen Traditionen. Augenöffnend, mutmachend, verbindend. Gott sind in jedem Volk diejenigen recht, die Gott achten und rechtschaffen handeln.

Du und ich und er und sie und ‚they‘: Wir schauen uns an, mit anderen Augen. Erzählen uns von dem, was uns bewegt. Lassen uns durch einander und durch Gottes Geistkraft verändern. Sind eins in Vielfalt, bunt und glitzernd. Handeln unsere Rollen und Identitäten miteinander aus. Sind Politikerin, Geschäftsmann, Schriftgelehrte, Vater, Kantorin, Philosoph. Lesen die Heilige Schrift, hüten das Kind, arbeiten, füttern die Tiere, kochen und predigen, studieren und tanzen. Sind eins und das andere und was dazwischen und noch viel mehr. Wir sind Gottes Kinder.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!