Relief „Die Anbetung der Heiligen Drei Könige“, ca. 1440, Herkunft: Klosterkirche, im Chorraum der St. Marienkirche.

(I. Kein Stern)

Ein Stern ist nicht zu sehen in dieser Szene.

Und doch haben die Weisen den Stall mit dem neugeborenen Kind wohl gefunden, sind durch die hügelige Landschaft gezogen mit ihren Pferden und ihrem Gefolge. Und treffen nun auf Maria und Joseph und auf ihr neugeborenes Baby. [Und sie] gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Kein Stern. Dafür Geschenke. Und drei heilige Könige.

„Die Anbetung der Heiligen Drei Könige“, heißt das Relief aus der Franziskaner-Klosterkirche, das auf der Südseite des Chorraums unserer Marienkirche hängt. (Sie finden es abgedruckt auf Ihrem Gottesdienstheft bzw. halten es als Postkarte in der Hand.) Das Relief bildet unsere althergebrachten Hör- und Sehgewohnheiten ab: Deutlich erkennbar sind die drei Könige mit ihren Kronen, einer davon mit schwarzer Hautfarbe. Ein Hauch des Exotischen an der Krippe. Caspar, Melchior und Balthasar – diese Namen hat ihnen die Legendenbildung gegeben.

Die Szene auf dem Relief ist liebevoll-idyllisch gestaltet. Wenig lässt sich darin erahnen von den politischen Hintergründen, vom epochalen Drama um Macht, Eifersucht und Mord. König Herodes, von dem die sechste Kantate des Weihnachtsoratoriums so ausführlich erzählt, der Falsche und Listige, durcheinander gebracht durch die Geburt des Kindes, scheint weit weg zu sein. Ebenso wie all die Feinde und Schrecken, die da noch lauern werden. Das Kind, das Maria auf dem Schoß hat und freundlich betrachtet, greift neugierig-tapsig nach dem Geschenk des einen Königs.

(II. Anmutige Schönheit)

Eine Szene von anmutiger Schönheit. Die Schönheit liegt für mich dabei hinter der figürlichen Oberfläche, hinter der Darstellung der Weisen als Könige. Denn in der Erzählung des Evangelisten Matthäus ist weder von dreien noch von Königen die Rede. Da Jesus geboren war, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem. Weise, Magier, Sternendeuter. Wahrscheinlich philosophisch Gebildete aus dem östlich gelegenen Perserreich, mit einem vom Judentum unterschiedenen religiösen Hintergrund, bewegt von der Sehnsucht nach Erkenntnis, nach Völkerverständigung über Grenzen hinweg. Sie folgen einem Stern – dem aufgehenden Stern des neugeborenen Königs der Juden. Die Weisen aus fremden Landen machen sich auf, Neugier bringt sie auf den Weg und gibt ihnen Hoffnung. Hoffnung, im König der Juden etwas zu finden, was ihnen in ihrem Leben bisher fehlt. Was sie nur in ihm zu finden hoffen, nirgends sonst. Vielleicht eine rationale Erkenntnis, vielleicht ein Gefühl, vielleicht eine konkrete Erfahrung, vielleicht Frieden, vielleicht Sinn. Der Journalist Ulrich Schnabel nennt als die wichtigste Antriebskraft des Lebens die „Generativität“, also das positive Gefühl der Einbindung in einen größeren, das eigene Leben überschreitenden Zusammenhang der Generationen (vgl. DIE ZEIT 1/2019).

(III. Hingabe)

Die anmutige Schönheit finde ich dann auch in der selbstüberschreitenden Hingabe der Weisen. Sie nehmen den weiten und beschwerlichen Weg auf sich, um niederzuknien. Niederzuknien vor etwas Größerem, das all ihre bisher gesammelte Weisheit übersteigt und das selbst doch so winzig und unscheinbar ist. Sie lassen zwar Geschenke da, aber ich glaube, die Weisen gehen als die eigentlich Beschenkten aus der Szene. Sie erfahren Bereicherung in einem aufgehenden Stern, für den sie religiöse und politische Grenzen und den Zusammenhang ihres eigenen Lebens überschritten haben. In einem neugeborenen König, von dessen Königsherrschaft etwas übergeht auf all die, die ihn anblicken und sich ihm hingeben, hinschenken.

Vielleicht wurden ja deshalb später Könige aus den Weisen gemacht. Das, was sie wurden, kommt, so erkläre ich es mir, eigentlich von dem, den sie besuchen: Dem königlichen Neugeborenen. Der über alle Grenzen hinweg strahlt. Der die beschenkt, die sich ihm hingeben. Der politische Machtstrukturen durcheinander bringt und so den Zorn des Herodes auf sich zieht.

(IV. Sternstunden)

Aber die Weisen lassen sich gar nicht beeindrucken von den politischen Strukturen. Das merkt man bei ihrem lässigen Umgang mit Herodes. Und darin, dass sie nach ihrem Besuch wieder von dannen ziehen, auf einem andern Weg wieder in ihr Land. Zurück in ihr altes Leben.

Was nehmen sie dorthin mit? Ich stelle mir vor, dass sie ihre Freude über die Begegnung mit sich tragen, denn bei Matthäus heißt es: Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. Ihre Freude wird Kreise gezogen haben. Die Freude darüber, den gefunden zu haben, dessen Strahlen auch sie erleuchtet hat.

Sie, die Schenkenden-Beschenkten, machen mir Mut, Gottes Stern zu folgen, über religiöse, kulturelle und politische Grenzen hinweg. Voller Neugier auf Entdeckungsreise zu gehen. Auch im Jahr 2019 auf Sternstunden zu hoffen. Und offen zu sein, offen für die Möglichkeit, von Gott beschenkt zu werden.

Ein Stern ist nicht zu sehen auf dem Relief. Ich glaube, die Weisen tragen ihn in ihrem Herzen.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.