Buch des Propheten Jesaja im 65. Kapitel:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe. ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.

Die Liebe Gottes, der Trost Jesu und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Wacht auf ruft uns die Stimme“. – Gottes Stimme.

Sehr hoch, sehr laut, voll Jauchzen und Freude. Fast aufdringlich! Überschwänglich. Sie weht über mich in meiner Trauer hinweg wie der Herbstwind. – Und zu all dem zeichnet Gott bei Jesaja auch noch ein großes Bild voller Licht und Wärme; von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, auf der Weinen und Klagen verstummt sind; es keinen frühen Tod mehr gibt; Menschen von ihrer Hände Arbeit genussvoll leben und alt werden können. Und selbst der Überlebenskampf der Natur eingestellt und paradiesischem Frieden gewichen ist: Mit weidenden Wölfen, lieben Löwen. Ein Trostgemälde (bunt und schön).

Und eine Fata Morgana, die leuchtet und schimmert und lockt. – Ich wünsche mir eine solche Welt, gerade dann, wenn ein Mensch gestorben ist, einer meiner Lieben, ein Freund. Ich suche solchen Trost. Gerade dann, wenn ein Verlust so weh tut, wenn ich weine, um meine Mutter, meinen Mann, mein Kind.

Ich höre diesen viel zu großen Trost, doch er tröstet nicht. Denn wenn ich dort bin, wenn ich die Fata Morgana erreicht habe, wenn ich in  meiner Trauer, im Schweigen Gottes angekommen bin, dann flackert und verschwimmt das trostreiche Bild vom neuen Himmel. Ja, es löst sich auf. – Wie die bunten Blätter. Gerade noch haben sie die Sonne eingefangen und nun liegen sie erdenschwer zu unseren Füßen. –  Die Nacht weitet sich aus. Es ist kalt an den Gräbern. Und einsam. – Seelenwinter.

Wenn ein Mensch stirbt, den ich liebe, dann zerbricht unsere Welt, die, welche wir miteinander geteilt haben. Dann erlebe ich  mich für Wochen und Monate so, als liefe ich neben dem Leben her. Die Zeit dehnt sich, der Himmel ist verhangen.

Aufstehen? – Essen? – Wozu?

Verwirrende Gedanken und Wünsche erfassen mich. Ich sehne mich zurück in die Zeit, als der noch da war, der jetzt tot ist.

Wo ist sie? – Was bleibt von ihm? – Werden wir uns wiedersehen?

Ich versuche, mich in der veränderten Situation zurechtzufinden.

So ergeht es der Tochter, die im Hospiz ihre Mutter begleitet hat.

So ergeht es dem Ehepaar. – Jahrzehntelang haben sie Seite an Seite gelebt und dann stirbt einer von ihnen. – Und die, die zurückbleiben, sie weinen. Das tun auch die Menschen, die auf der Flucht ihre Freunde verlieren, denn wenn ein Mensch stirbt, dann steht die Welt still! – Unabhängig davon, ob dies hier in Berlin, in einem Hospiz, im Krankenhaus oder auf der Straße geschieht oder im Mittelmeer. – Zurück bleiben Menschen in Trauer. – Trauernde, die Trost suchen.

Der Blick durch ihre Tränen lässt Gottes Trostgemälde verschwimmen. Schämen Sie sich ihrer Tränen nicht! Jede Trauer kennt Momente des untröstlichen Seins. Jeder Glaube kennt das Gefühl, verlassen und Gott los zu sein. Das macht meinen Glauben nicht unheilig, sondern tief.

Eine Frau erzählte mir, dass sie untröstlich war nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Sohnes. Sich nicht verabschiedet zu haben, nicht mehr mit ihm reden zu können. Eine andere Frau sagte, wie fremd ihr Gott in der Trauer geworden ist, wie unsichtbar er blieb und wie sehr sie ihn zugleich vermisste und wie sie nicht aufhören konnte, zu ihm zu beten. – Beide Frauen verbindet der Wunsch, in der Trauer dennoch Gott zu sehen. Trost zu finden. Der Wunsch, dass ihre Tränen nicht umsonst geflossen sind, dass aus ihnen Neues erwächst.

Aufgewühlt in der Trauer, spüre ich den Riss in meinem Leben, einen Riss, der sich auch durch meinen Glauben zieht. Meine aufgepflügte Zerrissenheit sehnt sich nach Saatgut, nach Liebe und Geborgenheit. – Und dann erlebe ich dort, wo ich Gott schmerzlich vermisse, dort ist er mir am stärksten gegenwärtig.  – Das ist kaum in Worte zu fassen.

Gott. Ich hoffe auf Trost, so sehr; hilf mir in meinem Untröstlichsein!

Trostlosigkeit kann eine Spur sein, die uns zu Gott führt. –  Am Karfreitag erzählen wir genau das als Gottes Geschichte. – Und das heißt auch: Wenn ich verzweifelt bin und in Trauer, dann wandere ich auf den Spuren Gottes; auf den Spuren der Karfreitagsgeschichte. – Auch Jesus kannte die Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde, wo kein Leid mehr sein wird. – Und doch hat er geflüstert: Warum? Warum, mein Gott, hast du mich verlassen? Warum? Im Zentrum unseres Glaubens steht diese Frage: Warum?

Mit dieser Frage sind wir nicht allein. Diese Frage geht mit uns ganz hinunter – dorthin, wo es trostlos und einsam ist, wo Verlassenheitsgefühle schrecklichster Art warten. – Warum er? – Warum sie? – Warum nur? – Warum so früh? – Warum so ein langes Leiden? – Warum spüre ich deinen Trost nicht?

Aber das gleiche Wort kann uns auch wieder heraufführen, zurück ins Leben – hin zu Momenten des Getröstetseins. – Mein Gott, warum sollte es dich nicht geben? – Warum keinen neuen Himmel? – Warum sollte ich nicht darauf hoffen, meine Lieben wiederzusehen? – Es spricht mindestens so viel dafür wie dagegen. – Kein Auge hat je gesehen, was uns erwartet. – Warum nicht die empfundene Liebe weitertragen? – „Warum sollte ich mich grämen?“ – Warum das Leben nicht wieder genießen? – „Wer will mir den Himmel rauben?“

Unglaube und das Gefühl, nicht getröstet zu sein, das ist nicht das Ende des Trostes oder des Glaubens. – Sie sind Teil unseres Lebens. – Es ist gut zu wissen, dass es Trost gibt. – Die großen Trostgeschichten: Von der Auferstehung und vom Himmel – Geschichten, die so groß sind wie Gott unser Schöpfer; – die unsere Erde und alle Lebewesen in den Blick nehmen. Und die kleinen Trostmomente: Die so klein sind wie Gott bei seiner Geburt. Der Arm zum Unterhaken. Der Anruf oder die SMS am Abend. Die Suppe, die die Nachbarin bringt und die wir zusammen essen, ohne  reden zu müssen. Ein Quantum Trost. Die Musik, das Gebet, etwas, das dich berührt, im Inneren streichelt. Und die Gemeinschaft. Es ist tröstlich, dass Menschen hier sind, die das Gefühl des Getröstetseins kennen. Die mit dir beten und Brot und Wein teilen. Du bist nicht allein. Wir sind nicht allein.

Auch andere Religionen kennen Trostgeschichten und bewahren sie auf. Sie wissen z.B. wie tröstlich es ist, das Gute und die Kraft von unseren Ahnen zu nehmen und das Schwere bei ihnen zu lassen.

Ich glaube; also bin ich unfertig, weiß Vieles nicht, suche weiter, hoffe. –
Ich glaube: Und so erlebe ich auch Zeiten, da mich Trost nicht erreicht und ich mich ungetröstet fühle. Das lässt sich nicht auflösen, nicht aufklären, nicht wegwissen.

Glaube ist Wagnis und Gnade.

Und es kann sein, dass ich wirkliche Geborgenheit und tiefen Trost in der Trostlosigkeit finde. – Es kann so sein, denn die Geschichte Gottes endet nicht am Karfreitag. Unser Glaube ist geheimnisvoll. Seine Trostgeschichten sind unglaublich verwegen – fast aufdringlich hoffnungsvoll. Und eindringlich bist Du, Gott, unser Freund. Noch in dunkelste, traurigste Tiefen dringst Du vor, um uns liebevoll zu halten. Ach, wir hören deinen Trost, Gott. Hilf uns, ihn zu glauben. Ja, Gott komm und tröste uns!

Amen.