Willkommen am 12. Sonntag nach Trinitatis.

Gnade sei mit euch und Friede von dem , der da war und der da ist und der da kommt.

Wir hören aus der Apostelgeschichte im 3. Kapitel:

Eines Tages geschah Folgendes: Gegen drei Uhr, zur Zeit des Nachmittagsgebets, gingen Petrus und Johannes zum Tempel hinauf.

2 ´Um dieselbe Zeit` brachte man einen Mann, der von Geburt an gelähmt war, zu dem Tor des Tempels, das die »Schöne Pforte« genannt wurde. Wie jeden Tag ließ der Gelähmte sich dort hinsetzen, um von den Tempelbesuchern eine Gabe zu erbitten. 3 Als er nun Petrus und Johannes sah, die eben durch das Tor gehen wollten, bat er sie, ihm etwas zu geben. 4 Die beiden blickten ihn aufmerksam an, und Petrus sagte: »Sieh uns an!« 5 Der Mann sah erwartungsvoll zu ihnen auf; er hoffte, etwas von ihnen zu bekommen. 6 Da sagte Petrus zu ihm: »Silber habe ich nicht, und Gold habe ich nicht; doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen von Jesus Christus aus Nazaret – steh auf und geh umher!« 7 Mit diesen Worten fasste er ihn bei der rechten Hand und half ihm, sich aufzurichten. Im selben Augenblick kam Kraft in die Füße des Gelähmten, und seine Gelenke wurden fest. 8 Er sprang auf, und tatsächlich: Seine Beine trugen ihn; er konnte gehen! Der Mann folgte Petrus und Johannes in den inneren Tempelvorhof, und immerfort lief er hin und her, hüpfte vor Freude und pries Gott. 9-10 Die ganze Menschenmenge, dort, wurde auf ihn aufmerksam. Als die Leute begriffen, dass der, der da hin- und hersprang und Gott lobte, niemand anders war als der Bettler, der sonst immer an der Schönen Pforte des Tempels gesessen hatte, waren sie außer sich vor Staunen über das, was mit ihm geschehen war.  Gott segne sein Wort an uns, schenke uns erleuchtete Herzen, sein Wort zu hören und zu tun.

Liebe Schwestern und Brüder,

Berlin im August 2018. Morgen beginnen die Para-Leichtathletik-EM hier in der Stadt. Hashtag: unbelievableparaem. Also, im Internet kann man unter dieser Adresse: unglaublichparaEM alle Informationen über die Wettkämpfe und die Kämpfer finden. Wenn man sich ein bisschen für Sport interessiert. Da kann man auch nachlesen beispielsweise über Lindy Ave; sie ist über die kurzen Strecken ein Nachwuchstalent. Ihre Behinderung eine Spastik. Oder Irmgard Bensusan hat das große Ziel der Paralympics in Rio 2020. Sie ist ebenfalls eine spitzen-Sprinterin. Ihre Behinderung: eine Teillähmung des Unterschenkels rechts. Und Marianne Buggenhagen, Jahrgang 1953, querschnittsgelähmt, wird wieder starten beim Kugelstoßen vom Rollstuhl aus. Die gebürtige Ueckermünderin hat schon viele Paralympics-Erfahrungen. Syndey, Atlanta, London. Unbelieveable – unglaublich! Diese deutsche paralympische Mannschaft. Und nicht nur sie. Aus vielen Nationen kommen sie ab morgen zusammen, begegnen sich, kämpfen, weinen – am Ende  vielleicht vor Glück – oder auch nicht. Und: sie verstecken sich nicht. Sie bringen ihre Geschichten mit – vom Aufstehen, vom standfest bleiben, kämpfen, vom Nichtaufgeben. Auf den Rängen werden die Zuschauer mitfiebern, sie werden staunen über die Kraft, den enormen Willen; sie werden rufen: Ist das denn die Möglichkeit? Und vielleicht sagt auch der eine oder andere: Geht das noch mit rechten Dingen zu? Was wir sehen, ist oft nur der geringste Ausschnitt von dem, was war und was hinter dem Gesehenen geschehen ist. Und wir sagen dann: UNbelieveable, unglaublich, wie Menschen es immer wieder schaffen aufzustehen. UNbelieveable, unglaublich, was ein mutiges Wort zur richtigen Zeit gesagt, eine helfende Hand zur richtigen Zeit ausgestreckt und aufgelegt, eine Hilfestellung im günstigen Augenblick, alles bewirken kann! Unglaublich!

Von wegen.

Unglaublich schwer kann es sein, nochmal aufzustehn, wenn schon fast alles verloren ist. Ich denke an den Mittfünfziger – heftig und intensiv gelebt, geliebt, Häuser und eine Firma gebaut, die Welt gesehen, und plötzlich zum Tode krank. Aber die Kraft aufzustehn, die wichtigsten Dinge im Leben ordnen, um Versöhnung mit denen, die von ihm verletzt wurden, bitten, die berühmten sogenannten Verhältnisse klären, Entscheidungen treffen – keine Kraft mehr dazu. Aufstehen geht nicht mehr, selbst wenn der physische Zustand es noch erlauben sollte. Der Mut fehlt. So sieht es von außen aus. Ja, unglaublich traurig. Sagen die einen. Wer sieht schon dahinter, sagen die anderen.

Warum kommen die einen wieder ins Aufstehen – und die anderen nicht?

Zurück im Stadion, dem Tempel des Sports:

„Steh auf, wenn du ein Schalker bist, steh auf..“ so singen dort die Fans auf einer schlichten Melodiefolge. Und sie stehen dabei selbst schon längst, machen mit der einfachen Melodie und den wenigen Worten Mut, geben Energie für die Sportler in der Stadionmitte. Steh auf, wenn du am Boden liegst. So singen andere weiter: „Steh auf, es wird schon irgendwie weitergehn‘!“

Jerusalem vor dem Tempel:

Für den unbekannten Gelähmten geht es gerade nicht irgendwie weiter. Irgendwie schlägt er sich durch. Tag für Tag wird er vor die Tür am Tempel gesetzt. Wahrscheinlich erwartet die Nachbarschaft dafür auch eine Beteiligung an den Bettelgaben, die er tagsüber einnimmt. Sein fester Platz auf den Stufen: Die Schöne heißt die Tür hinter ihm! Ihm wie zum Hohn.  Mit Herzen voller Wünsche und Hoffnungen ozeanweit gehen die Menschen durch diese Tür hinein in den Tempel; er bleibt davor; für ihn geht es nicht weiter. Ob es die Tür mit diesem Namen je gab? Ist das wichtig?. Entscheidend ist doch, dass es für einen Mann die Erfüllung, das Paradies wäre, das Schönste überhaupt, barrierefreie in ein Haus einzugehen, ein Haus der Gemeinschaft, der Beziehung – auch mit Gott – ein Haus, in das so viele selbstverständlich hinein und wieder hinausgehen. Jedes Tor, durch das er hätte gehen können, wäre für ihn schön gewesen. Barrieren – nicht nur in baulicher, auch in religiöser, in gesellschaftlicher Hinsicht. Das war seine Realität. Da braucht es nicht viele historische Studien zu. Das ganze Leben eine einzige Barriere. Und die anderen – entweder glotzen sie, wie er so voran robbt, oder er hält sich irgendwie auf einer Trage, Schamgrenzen hin oder her.  Was man da noch hofft, wer weiß. Hat man da noch was zu wollen? Wenn man so angewiesen ist?  „ Steh auf, wenn du am Boden bist, steh auf, auch wenn du unten liegst.“

Ein Augenblick verändert alles – ein Blickkontakt. Keine Ärzte. Sondern zwei mit einer Mission. Sie gehen zum Gebet in den Tempel. Sie leben aus dem Gebet und aus der Kraft, die sie mit ihrem Auftrag und mit Jesus selbst verbindet. Sie wollen innehalten, kommen im Rhythmus der Zeit zum Tempel, weil sie wissen, der Auftrag kann noch so groß sein – es braucht auch Auszeiten, Augenblicke der Einkehr, Gespräch mit Gott.  Und dennoch machen sie halt auf der Sufe. Sie wissen doch für den Moment abzuwägen zwischen eigenen Bedürfnissen und dem, was unmittelbar nötig sein kann.

Petrus und Johannes sprechen den lahmen Hockenden an: Sieh` uns an: Der Gelähmte schaut in vier Augen. Sonst vermeidet er, sonst vermeiden die anderen den Blickkontakt. Jetzt geht es um Kontakt. Kommt jetzt Geld, eine kleine Ersatzleistung für all das zu erduldende Leid? Aber Brücke, die sich im Augenblick baut, ist nicht aus Stein, Holz oder Seilen. Sie ist von anderer Kraft: Nähe, Interesse, Begegnung. Eine Hand wird gereicht. Davon wissen wir, davon haben wir in der Geschichte gehört. Das sehen wir in unserer Vorstellung. Sonst wissen wir nicht viel – und vorstellen kann man sich alles und nichts. Was wissen wir schon, wenn wir Dinge sehen, die wir uns nicht erklären können, die uns in sprachloses Staunen bringen, die uns zu hoch sind. Was wissen wir schon, wenn aus hoffnungslosen Fällen mit einem Mal tanzende Menschen werden, aus behinderten Kindern lebensfrohe Sportlerinnen mit großen und ehrgeizigen Zielen …

Was wissen wir schon? So hat es sich auch der Dokumentarfilmer Joachim Faulstich gefragt, der dem Wunder der Heilung mit seinen ARD-Reportagen und Filmen dicht auf der Spur ist. Unglaublich, so beschreibt er es: Ein Kind kommt zur Welt, das nach medizinischem Wissen keine Chance hatte. Es überlebt, weil der Arzt dem Gefühl der Mutter vertraute.  Ein gelähmter Cellist kehrt zurück auf die Konzertbühne, auch wenn das nach vier Hirnoperationen ausgeschlossen schien. Er braucht keinen Rollstuhl mehr. Ein Mediziner ergänzt seine Praxis durch Handauflegung und beginnt damit Wunden zu heilen, die sich seit 11 Monaten nicht geschlossen haben. Zum Staunen. UNbelieveable. Unerklärlich? Je mehr man weiß über Hirnforschung und Neurobiologie , desto deutlicher wird, dass Körper und Geist viel enger miteinander verwoben sind, als die meisten Mediziner bis heute vermuten: Innere Bilder, Beziehungen, nehmen Einfluss auf Krankheit, Heilung, auf das was lähmt und das, was neu in Bewegung setzt. Das berichten die über sechzig offiziell aus Lourdes anerkannten betroffenen Geheilten, das berichten Menschen, die Unglaubliches, nicht nur in Krankenhäusern erlebt haben. Faulstichs Dokumentarfilmer beschreibt neues Wissen am Beispiel außergewöhnlicher Patientengeschichten. Und macht klar: wir Menschen sind keine biologischen Maschinen, deren Einzelteile ein komplett erklärbares Ganzes ergeben. Wir balancieren mit unserer puzzligen Erkenntnis an den Tiefen der Schöpfung. Es ist nicht nur einfach eine Frage des Wollens bei Patienten und es ist nicht einfach nur so, dass wer heilt, recht hat. Was hilft das unserem Mann am Tempel? Seine Begegnung mit Petrus und Johannes. Ums Rechthaben geht es ihnen nicht. Aber sie haben eine Mission: Begegnung heilt. Und nun spürt ein starr gewordener eingesunkener Mann die Hand, wie sie ihn aufrichtet, er spürt im langsamen Auftreten, der Knöchel wird fester. Er steht, er geht, er beginnt sich zu drehen, zu tippeln, zu springen, daraus wird fast so was wie ein Tanz. Ihm fehlen die Worte.

Was ist das Geheimnis seiner Heilung? Welche Rolle spielte das Gebet? Welche Rolle spielte der Blick, die Hand, das Vertrauen, der Moment? So können wir jetzt fragen wie ein Dokumentarfilmer, können noch einmal zurückspulen und die Szenerie vor dem Tempel betrachten, könnten nochmal Experten dazu befragen. Am Ende stellen wir fest: Was wir sehen, ist nur ein winziger Ausschnitt dessen, was Gott kann, wie er Menschen dafür in Dienst nimmt, und was sich – gewissermaßen unsichtbar ereignet. Es bleibt beim winzigen Ausschnitt! Wir wissen nicht, wie fromm oder krank der Gelähmte war – ob überhaupt; wir wissen so wenig.  Es ist gar nicht zu Ende denken, wie tief Geheimnisse der Heilung sein können. Gott heilt, – und wir erinnern uns daran, nicht nur auf das zu starren, was wir unmittelbar sehen.  Gott heilt. Auch indem er uns aufrichtet. Gott heilt und braucht dafür Boten, die die Verbindung herstellen-. Die dafür sorgen, dass ein Ungesehener wahrgenommen wird, sein Tanz wird gesehen und gehört. Unglaublich sagen die Einen. UNbelieveable.

Da sitzen Menschen ein Leben lang vor der schönen Tür, sehen und haben Barrieren, können sie nicht überwinden. Dazu meinen Einige: Es ist zu schwer, unsere Kirche, unsere Gemeinschaft, unsere Schulen radikal inklusiv zu bauen. Nicht alle können rein… Das schaffen wir nicht. Was das kostet. Gold und Silber haben wir nicht. Nein, niemand soll überfordert werden. Die kleinen Schritte zählen und vor allem die Haltung dahinter: Vielfältig sind die Gaben und Grenzen jedes Menschen. Nicht jede Barriere kann sofort und für jeden aus dem Weg geräumt werden. Aber, es ist ein Anfang, achtsam zu bleiben im Blick auf das, was gebraucht wird: Es braucht die Hand zur rechten Zeit von Menschen, deren geistige Kraft hält und trägt, die wissen, in wessen Namen und Auftrag sie gehen.  Im Aufstehen werden die Knöchel fest…, im Aufstehen kommt der Mut. Im Aufstehen beginnt das Leben – sogar neu im Aufstehen Jesu nach drei Tagen. Gegenwärtig reden einige dringlich vom Aufstehen. Es wird zum Politikum gemacht. Aufstehen –  Das ist die Grundbewegung von Christen. Aufstehen und durch das Tor des Lebens, an den Tisch des Lebens, gehen. Nicht allein, sondern mit denen, die davor sitzen geblieben, vergessen, übersehen wurden. Wir steigen nicht über sie hinweg. Wir stehen gemeinsam auf. Haben Sie ein besseres Wort dafür  als Wunder? Amen