Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann kommt mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr seht auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprecht zu ihm:Setz du dich hierher auf den guten Platz!, und sprecht zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setz dich unten zu meinen Füßen!, macht ihr dann nicht Unterschiede unter euch und urteilt mit bösen Gedanken? Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3.Mose 19,18): „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat (2.Mose 20,13-14): „Du sollst nicht ehebrechen“, der hat auch gesagt: „Du sollst nicht töten.“ Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. Redet so und handelt so als Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht. (Brief des Jakobus 2,1-13)

Barmherzigkeit aber triumphiert!

Freitag, der 28. September, 7.45 Uhr.

Die Sonne scheint am Alex und die erste Welle mobiler Menschen hat sich oberirdisch und unterirdisch schon auf vorgegebenen Wegen ihren Weg zum Arbeitsplatz gesucht. Der Platz liegt recht ruhig und still. Ich trete in die Pedale, breche willentlich und unwillentlich einige Verkehrsregeln in den Bereichen, die nur den Fußläufigen vorbehalten sind. Zugleich bin ich heimlich froh, dass keine Ordnungshüterin mich gemaßregelt hat. Die regelmäßigen zehn Euro Strafgericht haben ihre Spuren hinterlassen, zur Perfektion haben sie mir noch nicht verholfen. Aber bald! Versprochen! Mich nervt es ja auch.

Freitag, der 28. September, 8.15 Uhr.

150 Kinder rennen in die St.Marienkirche. Sie rennen! Das macht man nicht. Ich lege es immer als Freude aus, freue mich still darüber und schmunzle. Dem Lehrer neben mir mit seiner Gitarre gefällt mein Schmunzeln überhaupt nicht. Mit flachen Händen macht er eine überdeutliche Geste der Beruhigung und ruft noch dazu: „Langsam, Laangsam, laaangsam!“ In der Kirche rennt man nicht. Da hat er recht.

Freitag, der 28. September, 8.20 Uhr.

St.Marienkirche am Alexanderplatz. Die Sonne scheint hell durch die Fenster. Das erste Lied des Schulgottesdienstes ist verklungen. Ich hebe die Hände, schlage ein Kreuz: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die Kinder schauen mir gebannt zu und ich freue mich, dass die Hälfte auf meine Ansage hin „Amen“ sagt. Beim Wort „Sohnes“ quietscht es. Die Kirchentüre hinten oder vorne, das hängt davon ab, in welche Richtung das eigene Denken gepolt ist, die Kirchentüre hinten geht auf und ein Mann kommt rein. Nur ich sehe ihn. Ein gerader und fester Schritt sieht anders aus. Aber zielsicher ist er. Durch den Mittelgang direkt in die Mitte der Kirche. Zielstrebig geht er zum Vikar der Schule, der da irgendwo alleine sitzt, bedeutet ihm aufzustehen und sich einen der anderen 650 Sitzplätze zu nehmen, da das genau sein Platz ist. Ich denke bei mir, ohne es mir anmerken zu lassen: „Gefällt mir das oder gefällt mir das jetzt nicht? Nicht dass der jetzt hier alles durcheinander bringt. Was will er? Seine Schulzeit ist lange vorbei.“ Einige Pädagog*innen und Eltern haben ihn nun auch bemerkt und ihre Gesichter sprechen Bände. Den Kindern ist es egal und es stört sie gar nicht.

Freitag, der 28. September, 8.50 Uhr.

Wir haben uns Frieden gewünscht, für die Seehunde im Atlantik und gegen Plastetüten gebetet. Noch mehr Lieder gesungen und wünschen uns am Ausgang einen schönen Freitag. Bis nächste Woche. Hinter mir steht der Mann, der 8.20 Uhr in die Kirche kam, den Vikar auf einen der 650 anderen Sitzplätze verwies und mir nicht geheuer ist. Er will was. „Gefällt mir das?“ „Er stört,“ denke ich und verbiete mir diesen Gedanken gleich wieder. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, so tut ihr recht.

Er heißt Adam, kommt aus Polen, ist gar nicht betrunken, sondern hat Zucker, wie er sagt. Er will doch nur Hilfe. Eine Hilfe, die ich ihm nicht geben kann. Er will doch nur „trochę pieniądze“ – ein bisschen Geld, wie er sagt.„Gib ihm etwas, dann hast du Ruhe!“ murmelt meine innere Stimme. „Halte dich an Deine eignen Regeln!“ murmelt die innere Stimme im selben Moment.  Es ist mir unangenehm. Ich bin mir selbst unangenehm in diesem Moment. Hatte ich nicht heute Morgen schon zehn Euro gespart, weil mich keiner vom Ordnungsamt beim Fahren auf dem Fußweg erwischt hatte? Adam – der Mensch – und ich wir reden, wir handeln, wir feilschen sogar. Um Geld, um Aufmerksamkeit, um Freiheit voneinander, obwohl uns diese Stunde zusammengebracht hatte. Am Ende tauschen wir gute Wünsche aus. Ich drücke ihm noch eine Tüte Kekse in die Hand, bin froh und zugleich frustriert. War das Liebe oder nur das schnelle Abfrühstücken einer Situation, die am Alex doch der Normalfall ist?

Freitag, der 28. September, 11.55 Uhr.

Da sitzt sie. Pünktlich wie fast jeden Freitag. Da sitzt Sie hinter der Säule. Ich kann sie nicht sehen, weiß aber, dass sie da ist. Sie kann mich nicht sehen, hört aber, dass ich da bin. Ich habe das Mikrophon und meine Worte dringen in jede Ritze dieses großen Raumes. Gleich wird Schuld bekannt, für Frieden und Versöhnung gebetet und sie betet mit. Unerkannt und doch gesehen. Ungesehen und doch erkannt. Sagen wir heute ausnahmsweise einmal „Hallo“ oder huschen wir gleich wieder umeinander herum und tun so, als würden wir uns nicht sehen wie so oft? Ich weiß, ich könnte anders. Sie weiß, sie könnte anders. Und zugleich fehlt uns der Mut, die Leichtigkeit, uns anzusehen. Wir haben ein Bild voneinander und die anderen von uns und diese Bilder brechen schwer, denn unser persönlicher wellenbrechender Küstenschutz funktioniert ganz wunderbar. Er schützt uns voreinander, vor uns selbst und gibt uns Halt. Wir sagen nicht „Hallo“ an diesem Freitag und gehen unsere Wege. War das Liebe oder nur das schnelle Abfrühstücken einer Situation, die doch immer wieder passiert?

Hört zu, meine Lieben…Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben… frei von allem Ansehen der Person.

Darum geht es! Das schreibt uns Jakobus heute hinter die Ohren oder zumindest frei vor unsere Augen: Haltet den Glauben…frei von allem Ansehen der Person.

Ja, halten wir doch. Bei uns ist jeder und jede willkommen, so wie einst bei Christus an seinem Tisch. Ist dem wirklich so? Hast Du das Gefühl hier willkommen zu sein? Heißt du jeden und jede von Herzen willkommen? Ich wünschte es mir von Herzen und zweifle doch immer wieder daran. Warum?

Weil ich mich selbst kenne und merke, wo ich mir meine Scheuklappen anlege und auf Autopilot in meiner selbstgebauten Rettungsgasse schalte. Da rauschen links und rechts Menschen an mir vorbei und ich lasse es zu. Ich tue es sogar absichtlich, mea culpa, weil ich überfordert bin. Ich tue es aber zugleich unabsichtlich, weil ich nicht aufmerksam bin, nicht aufmerksam genug für meinen Nächsten und meine Nächste. Auch hier – mea culpa. Nun hoffe ich, dass das himmlische Ordnungsamt nicht gleich Pech und Schwefel regnen lässt, wenn ich wieder einmal an unseren guten gottgegebenen Geboten und meinen selbstgesteckten Ansprüchen grandios gescheitert bin.

Zugleich – zugleich höre ich Jakobus´ Mahnung heute Morgen sehr aufmerksam. Für einen Moment hält er mir den Spiegel hin, dass ich mich selbst sehe, mich hinterfrage, an mir zweifle und Konsequenzen ziehe. Und dann – zieht er den Spiegel wieder weg. Er zieht ihn wieder weg! Er haut ihn mir nicht auf den Kopf. Er zieht den Spiegel wieder weg und dann ist es an mir selbst, meine Augen, meine Gedanken und mein Handeln neu auszurichten oder zumindest als ersten Schritt nachzujustieren.

Aus Angst vor Strafe wächst keine Liebe. Aus geschlossenen und verschlossenen Augen aber auch nicht. Daher lass dir nicht drohen mit irgendwelchen Geboten oder eigenen unterbewussten Verboten, aber öffne die Augen. Öffne deine Augen für dich selbst und die um dich herum, auch wenn es viele sind in dieser großen Stadt. Schaue einmal genau, wen du absichtlich oder aus Versehen tagtäglich übersiehst und dann schaue ihn oder sie an. Schaue sie an, egal was sie anhaben und ob sie schönen oder hässlichen Schmuck an sich tragen. Schaue sie an und nimm dir einen Moment Zeit zu überlegen, was es bräuchte. Was bräuchte es, diesen Menschen einen Moment lang liebevoll und aufmerksam, zärtlich und zugewandt zu begegnen.

Für einen Moment.

Und dann tue es!

Amen