Predigttext – Evangelium nach Lukas, Kapitel 18, Verse 31-43

Liebe Gemeinde,

heute ist der Sonntag vor dem Beginn der Passionszeit. Mit diesem heutigen Sonntag erklingt gewissermaßen die Ouvertüre des großen Dramas, durch das uns die kommenden sieben Wochen hinweg begleiten bis hin zur Gottverlassenheit des Karfreitags und der großen Wende, die daraus hervorgeht. In dieser Ouvertüre erklingt bereits das Leitmotiv für diese kommenden Wochen: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem.“ So kündigt es Jesus den Zwölfen an. Es beginnt. Macht euch fertig! Seid bereit: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem!

Wenn der Jerusalemsverein einmal im Jahr sein Jahresfest feiert, machen auch wir, die wir zum Fest kommen, uns auf den Weg nach Jerusalem. Jedenfalls mental. Wir richten unsere Aufmerksamkeit hin auf diesen Ort, der die Herzen so vieler Menschen zu ergreifen vermag – und zwar nicht erst seit der Zeit der Preußenkönige! Wir treffen Gefährtinnen und Gefährten, die sich seit langen Jahren immer wieder mit uns gemeinsam auf den Weg dorthin machen, viele nicht allein mental, sondern auch im buchstäblichen Sinne in Reisegruppen und Exkursionen, die manche von uns über die Jahre hinweg immer wieder in die Stadt auf dem Berg geführt haben.

Wir gehen hinauf nach Jerusalem. Wie viele machen sich Jahr für Jahr auf diesen Weg! Der Tourismus boomt. Noch nie haben so viele Menschen die Stadt der drei Weltreligionen besucht, wie in diesen Monaten. Und viele, die heute mitfeiern, wandern in ihren Gedanken mit hinauf –  in ihren Erinnerungen an die letzte Reise oder an die eindrücklichste oder auch die bewegendste Reise, die sie dorthin auf ihrem Lebensweg geführt hat. Über 60 Gruppen habe ich zuletzt jährlich zum Gespräch empfangen als ich noch Propst an der Erlöserkirche war. Es waren zumeist angeregte Gespräche, die sich nach meiner kleinen inhaltlichen Einführung ergaben. Viele Fragen und Themen beschäftigten die Besucherinnen und Besucher, und immer wieder war das Bemühen spürbar, die Situation zu verstehen, die Zusammenhänge zu begreifen, ein Gefühl und eine Einschätzung für das Ganze zu bekommen, das sich so vielschichtig und oft so widersprüchlich darstellt.

„Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.“ Ich hoffe nicht, liebe Gemeinde, dass es den Reisegruppen so ergangen ist bei meinen Ausführungen über Jerusalem!  Offensichtlich ist es aber den Weggefährten Jesu so ergangen, nachdem sie sich die Ausführungen ihres Meisters angehört hatten. Ausgeliefert werden, verspottet werden und misshandelt, angespien werden und gegeißelt und gar am Ende getötet – und dann auferstehen: das sind den Zwölfen rätselhafte Worte. Das bringen sie nicht mit dem Jerusalem zusammen, über dem sonst der köstliche Duft der Brandopfer liegt, wo unter Goldenen Kuppeln der Weihrauch hervorströmt und eine imposante Tempelanlage von ewigem Lobpreis erfüllt die Seele erhebt in den Himmel. Das bringen sie nicht mit ihrem Bild der Heiligen Stadt und der Vorstellung von kultischer Erbaulichkeit zusammen. Ausgeliefert, verspottet und misshandelt, angespien und gegeißelt und gar am Ende getötet und dann auferstehen – das bringen die Zwölf nicht zusammen mit ihren Vorstellungen vom Retter der Welt, mit dessen Kommen sich an diesem Ort die Zeit vollenden würde.

Sie haben ganz andere Vorstellungen, wie der Messias zu sein hätte. Jerusalem hat ja schon zu allen Zeiten eine Vielfalt an Vorstellungen auf sich gezogen, wie es denn aussehen könnte, wenn der Messias dann in der letzten Zeit auftritt. Wer heutzutage auf den Platz vor der Hurva-Synagoge tritt, kann schon einmal den siebenarmigen Leuchter besichtigen, den man für einen neu an der Stelle des Felsendomes zu erbauenden jüdischen Tempel gefertigt hat und von dessen Neubau sich gewisse jüdische Kreise eine Beschleunigung der messianischen Ankunft erhoffen. Andere wiederum haben die Johannesoffenbarung als Modell vor Augen, wenn sie Geld sammeln für die Ansiedlung von Juden aus aller Welt im Heiligen Land. Denn erst wenn der letzte Rest des jüdischen Volkes dorthin eingesammelt ist, darf man mit einer Wiederkehr des Herrn auch tatsächlich rechnen, so ihre Sicht auf Jerusalem.

„Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.“

In einem scharfen Kontrast, liebe Gemeinde, stellt der heutige Bibeltext nun den Unverständigen einen anderen Unverständigen zur Seite – oder besser gesagt gegenüber. Mir geht dabei jedes Mal der Mensch mit den aufgerissenen Augen durch den Sinn, wie ihn Kees de Kort in seiner Kinderbibel zeichnet. Er schaut und sieht doch nichts. Ihm fehlt der Durchblick, so wie er den Zwölfen fehlt. Ein Blinder unter Blinden. Und wie auch immer es geschah – es bleibt ja bei allen Heilungsgeschichten irgendwie rätselhaft und eigentlich ist es auch gar nicht so wichtig und so interessant … Jedenfalls gehen dem Blinden an einer Stelle der Erzählung auf einmal die Augen auf! Auf einmal bekommt einer den Durchblick in dieser Geschichte. Das ist dieser markante Ton in der Ouvertüre zur Passionszeit, dieses erfrischende Motiv, das hier so eindrucksvoll herausklingt! „Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend!“

Dein Glaube hat dir geholfen! Das ist der entscheidende Satz, liebe Gemeinde. Das ist der Wendepunkt, an dem sich Blindheit in Einsicht wandelt, in dem Klarsichtigkeit und Hellsichtigkeit Wurzeln schlagen. Dein Glaube hat dir geholfen. Es ist ein Unterschied, liebe Gemeinde, ob ich auf Jerusalem mit den Augen des Glaubens schaue oder nicht. Nun könnten natürlich einige von Ihnen einwenden – und das zu Recht: bleib mir bei Jerusalem mit dem Glauben weg! Ist es nicht gerade das, was die Situation in dieser Stadt so schwer macht? Ist es nicht gerade das, was die Eskalation der Lage in den letzten Monaten und Jahren immer weiterbefördert hat? Vor Jahren schauten wir auf den Konflikt im Heiligen Land unter rein politischen Gesichtspunkten. Die Konflikte um den Haram-as-Sharif aber haben mehr und mehr die Religion als Zündstoff hineingebracht. Juden, die das Recht auf Gebet fordern, wo vor 2000 Jahren ihr Tempel stand und heute die Muslime ihre weltweit drittheiligste Stätte haben…. Wie könnte, wie sollte um Himmels Willen der Glaube zu Hellsichtigkeit führen, zu wirklicher Einsicht?

Der Glaube, liebe Festgemeinde, öffnet die Augen für Gott, wie er offenbar wird in Jerusalem: Ausgeliefert, verspottet und misshandelt, angespien und gegeißelt und gar am Ende getötet und dann auferstehen. Gott, wie er sich uns in Christus zeigt, ist nicht der Triumphator, der Unbezwingbare, der allmächtige Herrscher. In Jesus Christus offenbart sich Gott als Mensch, ausgesetzt der Peinigung durch den Menschen, ausgesetzt der Misshandlung durch seinesgleichen, gefoltert, entwürdigt und bis zum bitteren Ende seinen Folterern ausgesetzt, bis zum bitteren Ende am Kreuz. Sein Grab ist das Ziel der christlichen Pilgerreise nach Jerusalem. Die Ouvertüre intoniert nicht den Siegeszug eines Helden, dem Jerusalem zu Füßen liegt, sondern den Leidensweg eines Menschen, den Jerusalem ans Kreuz bringt. So ist unser Gott! Darin offenbart er sich. Darin zeigt er sich, das ist sein Profil. Ostersonntag folgt auf den Karfreitag. Der bittere Kelch geht nicht an ihm vorüber. Der Weg ins Leben führt durch den Tod am Kreuz. Der Triumph der Auferstehung, das Ewige Leben ist teuer erkauft und bitter durchlitten. Ohne Golgatha gibt es keinen Ostermorgen. Diesen Blick auf Jerusalem eröffnet der Glauben.  „Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.“ Die Sache erschließt sich nicht von alleine. Es bedarf der Augen unseres Glaubens, um die Lage in Jerusalem angemessen einschätzen zu können. Denn unser Glaube versichert uns einer Gottesvorstellung, zu der es gehört, dass es niemals den einen auf Kosten der anderen gut gehen soll. Es ist ein Bild von Gott, das immer sein Interesse am Menschen, sein Mit-Leiden mit den Leidenden, seine Liebe für jedes Menschenkind und seine Leidenschaft für Gerechtigkeit aufleuchten lässt.

Diesen Glanz sieht der Blinde. Bartimäus nennt der Evangelist Markus ihn. Diesen Glanz sieht Bartimäus. „Und sogleich wurde er sehend“, heißt es, „und folgte ihm nach“. Mit diesem frischen Blick gehen auch wir mit hinauf nach Jerusalem, liebe Gemeinde! Das Jahresfest des Jerusalemsvereins ist alljährlich ein Ort der Selbstvergewisserung oder kann es zumindest sein: Wie schauen wir nach Jerusalem? Wie ziehen wir nach Jerusalem hinauf – egal ob im wörtlichen oder im übertragenen Sinne? Wenn wir uns dem geheilten Bartimäus anschließen, dann schließen wir uns Jesus an, dem er nachfolgt. Und wir haben an ihm ein Beispiel, wie der Glaube die Augen öffnet für einen Glauben, dem das Triumphalistische fremd ist: In Jerusalem leidet unser Gott das Leiden der Misshandelten mit.