Vergiftete Brunnen – Predigt von Pfarrer Eric Haußmann im Gottesdienst am 22. Juli 2018
zum 1. Brief an die Gemeinde in Korinth, 2. Kapitel, Verse 9-20

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Denke ich an [Korinth] in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Ähnlich der Nachtgedanken Heinrich Heines lag Paulus wach, dachte an Korinth und an das, was er von dort hörte. Also schreibt er einen Brief:

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden?
Täuscht euch nicht!
Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben.
Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen.
Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.
Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.
Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?
Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen?
Oder wisst ihr nicht: Wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: Die zwei werden ein Fleisch sein.
Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm.
Flieht die Hurerei! Alle Sünde, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.
Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Schluss! Aus! Amen!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.


Denke ich an [Paulus] in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Ähnlich der Nachtgedanken Heinrich Heines lag ich wach, dachte an Paulus und an das, was er so schreibt. Also schreibe ich ihm zurück:

Oder weißt du nicht, Paulus, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden?
Täusch dich nicht und enttäusche uns nicht mit Deinen Worten. Nach Deinem Tod hat man Dir, immer dort wo sich jemand ein Bild von Dir machte, ein zweischneidiges Schwert an den Gürtel geheftet. Sie taten es wegen Gottes Wort, das ja noch viel schärfer als so ein Schwert sein soll und auch weil Dich so ein Schwert den Kopf gekostet hat.
Ich will beim Wort bleiben, das wie ein zweischneidiges Schwert ist – und zwar nicht nur das Wort Gottes – auch das der Menschen und eben auch Deine Worte. Sie sind so scharf, dass sie töten können und sie haben es getan und tun es immer noch.
Du schreibst gegen Unzüchtige und Götzendiener, Ehebrecher und Lustknaben, Knabenschänder und Diebe, Habgierige und Trunkenbolde, Lästerer und Räuber. Saßen die nicht auch an Jesu Tisch?

Du widersprichst hier sicherlich so einigen Abscheulichkeiten deiner Tage, die Menschen krank und kaputt machten, sie zu Opfern gemacht haben und ihre Seelen zerbrochen haben.

Recht hast Du damit!

Du musst aber auch wissen, dass diese Worte, die du verwendest, zu scharfen Beschimpfungen geworden sind. Sprache ist ein Schwert. Sie diffamiert, sie kränkt und sie macht Menschen genauso kaputt, wie die Taten, die du anprangerst.

Aggressive Geister haben sich Deiner Sprache über Jahrhunderte bemächtig und heute tun sie es immer noch.

Aggressive Geister haben Deine Worte übernommen, um zu zeigen, wie rein, heilig und gerecht sie sind:

Aus den Trunkenbolden und Habgierigen sind heute die „Kümmeltürken“ [sic!] und „Kameltreiber“ [sic!] geworden und dazu klatschen auch noch welche. Aus den Lustknaben und Knabenschändern wurden „Schwuffen“ [sic!] und „Schwuchteln“ [sic!] gemacht. Aus den Räubern und Habgierigen werden „Zigeuner“ [sic!] und „Gesindel“ [sic!] gemacht, und so weiter und so fort.

Und es geht nur um eines: Menschen fertigzumachen, sie auszugrenzen, die auszuschließen und am besten gleich noch fortzuschaffen.

Und all das schaffen wir mit dem scharfen zweischneidigen Schwert der Sprache.

So wie Du damals hetzen wir uns mit Worten durch die Gegend und wer sich weigert, wird der political correctness verdächtig an den Pranger gestellt.

„Man wird doch wohl mal sagen dürfen…“

Und ob man das darf, aber es gibt Grenzen und wir stehen kurz davor, den Brunnen unserer Umgangssprache auf Jahre zu vergiften. Dann ist zwar alles erlaubt, aber nichts dient mehr dem Guten und alles ist dann vermeintlich sauber, heilig und gerecht.

Weißt Du, Paulus, wir erleben welche Kraft die zweischneidigen Worte haben. Ich erlebe, dass Sanftmut und Geduld, Bescheidenheit und Zurückhaltung nicht immer dagegen ankommen und ich sprachlos überwältigt liegen bleibe.

Ich will sie aber nicht aufgeben: die vermeintlich zu korrekten Ausdrucksweisen.
Ich will sie nicht aufgeben, die anständigen Worte, die nicht gleich Aufstand sind.

Ich will mich nicht mit diesen Hass- und Schimpftiraden abgeben.

Darum finde ich heute in Deinen Worten wenig Schönes, denn sie verleiten viel zu schnell zu Taten, die sicherlich auch Du als Sünde bezeichnen würdest.

Ich finde wenig Schönes, denn unter dem Anspruch der Wahrheit sind Deine Worte heute schwarz und weiß und ich müsste mir das grau zurechtbiegen, um es zu sehen. Du profilierst unseren Glauben und unsere christliche Überzeugung auf dem Rücken schwarzgezeichneter Menschen, nur dass wir doch noch glänzen können. Das ist mir zu wenig und zu einfach.

Paulus, du fragst in deinem Brief, ob wir denn nicht wüssten, dass unsere Körper Glieder Christi sind.
Ja, das wissen wir!

Paulus, du fragst in deinem Brief, ob wir denn nicht wüssten, dass unsere Körper Tempel des Heiligen Geistes sind, die nicht nur uns gehören, sondern Gott.
Ja, auch das wissen wir!

Ich habe den Eindruck Du redest hier nur zu Männern. Das ist vielleicht Deiner Zeit geschuldet, ganz bestimmt sogar. Das hat jedoch dazu geführt, dass Du damit so manchen darin bestärkt hast, nur seinen eigenen Körper als göttlich anzusehen und über die anderen Körper zu bestimmen, die scheinbar nicht so reingewaschen, heilig und gerecht gemacht sind.

Mich beschleicht das Gefühl, dass die Art und Weise Deiner Wortwahl ein Gefälle zwischen Männern und Frauen entstehen lässt. Ich kann Dir nicht genau sagen an welcher Stelle, aber ich werde diesen Geschmack nicht lost.
Anderswo schreibst Du zwar, dass es keinen Unterschied macht, ob nun Frau oder Mann. Aber Du hast vergessen, deutlich zu sagen, dass das nicht nur bei Gott, sondern auch unter Menschen gilt.

Bei aller Sorge um die Reinheit und Heiligkeit hast Du für meinen Geschmack unterschlagen, deutlich genug zu sagen, dass kein Mensch sich über den Körper des anderen erheben soll – egal welchen Geschlechts. Am meisten und am längsten haben das leider Frauen zu spüren bekommen. Die Frauen, die Du zum Schweigen verdammen wolltest. Das haben sie zum Glück nicht getan.

Aber eines ist bis auf den Tag geblieben:
Die Unverletzbarkeit des Körpers – egal ob Mann, Frau, trans, cis oder noch mehr – die Unverletzbarkeit der Körper, die eng mit der Identität und eng mit dem Leben jedes und jeder einzelnen zu tun hat, wird bis heute gekränkt und geschunden. Und damit auch die Seelen.

Mich lässt das Gefühl nicht los, dass die Form unserer Sprache auch damit zu tun haben könnte, dass wir uns bis heute schwer damit tun, gerade immer dann für Menschen einzustehen, wo sie in ihrer körperlichen Identität und Freiheit verletzt und geschunden werden.

Fühlen sich transsexuelle und transidente Menschen in allen Kirchen zu Hause? Haben die L’s und G’s, B’s, Inter, Queers und Sternchen das Gefühl, wirklich in allen unseren Kirchen willkommen zu sein?

Trotz aller Regenbohnenfahnen und Traupaare und CSD-Hänger sind wir die Klischees der Ausgrenzung unterm Kreuz noch nicht losgeworden. Einst die Frauen, jetzt andere. Die Traditionen und Konventionen der Weltbilder wiegen hier schwer, mein lieber Paulus. Und das ärgert mich.

Entweder glauben uns die Menschen immer noch nicht, was wir leben und sagen oder wir leben und sagen es noch nicht deutlich genug.

Paulus, du schreibst schöne und kluge Sachen, so voller Evangelium. In der Tiefe Deiner Texte finde ich oft viel Gnade und möchte sie nicht missen.
An der Oberfläche aber entwickeln und stärken sie manchmal einfach das Gegenteil von dem, was ich von meinem Jesus verstanden habe. Daher schließe ich meine Worte an Dich heute ganz weltlich und ganz einfach:

Mein Körper!
Meine Identität!
Mein Leben!

Sie sind mir von Gott gegeben.
Und niemand darf an ihnen fummeln, sonst beißen ihn die Hummeln.

Amen.