Predigt von Pfarrerin Corinna Zisselsberger am Ostersonntag, 21. April 2019, über Johannes 20,11-18

(I. Loslassen)
Das Loslassen ist am schwersten.
Das Herz hat aufgehört zu schlagen. Die Brust hebt und senkt sich nicht mehr im Takt der Atemzüge. Die Haut, eben noch 37 Grad warm, ist kalt geworden.
Nie wieder blicken deine liebevollen Augen mich an.
Nie wieder höre ich deine vertraute Stimme, die mich ruft.
Nie wieder fühle ich deine warme Hand, die mich berührt.
Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. (Hoheslied 3,1-2)
Das Loslassen ist am schwersten.
Die Totenglocke schlägt. Langsam senkt sich der Sarg mit dem Leichnam hinab ins Grab, begleitet vom Schluchzen der Umstehenden. Am liebsten würden sie den geliebten Menschen festhalten. Und nun spüren sie auf drastische Weise: Sie müssen ihn loslassen. Hier, genau an diesem Ort, legen sie ihn in die Erde. Ruhe in Frieden!
Das Loslassen ist am schwersten. Nie wieder wird es so sein wie vorher. Vor der Krankheit. Vor dem Unfall. Vor der Trennung. Vor diesem Tag. Die Hoffnung klammert sich an das Gewesene. Und an das, was nie sein durfte. Wieder und wieder kreisen die Gedanken, kommen die Tränen, tauchen die immergleichen Fragen auf. Und immer wieder dieser eine entscheidende Ort. Genau hier war es, an dieser Kreuzung, an dieser Ecke, in diesem Haus.
Das Loslassen ist am schwersten.

(II. Festhalten)
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sah zwei Engel in weißen Kleidern dasitzen, einer am Kopf und einer an den Füßen, wo der Körper Jesu gelegen hatte. Sie sagten zu ihr: »Frau, warum weinst du?« Sie sagte zu ihnen: »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.«

Früh am Morgen kommt Maria in den Garten, um nach ihm zu sehen. Ihm nahe zu sein. Rückkehr an ihren Ort der Trauer, inmitten von Grün, bei den ersten Sonnenstrahlen, noch taufrisch. Sie sucht den, den ihre Seele liebt.
Hier liegt er, der tote Mensch. Genau hier, ein winziger Trost inmitten des Schmerzes, ein Ort der Ruhe im Getöse der Stadt. Ein kleines Stück Paradies. Festhalten. Die Uhr anhalten. Vielleicht wird ja irgendwann Gras drüber wachsen, über diese frisch aufgegrabene Erde und das schwarze Loch in deinem Herzen. Und aus dem Friedhof wird ein Garten mit der Zeit.
Aber jetzt ist noch alles zu frisch und aufgewühlt. Und Maria findet ihn nicht, ihren Jesus. »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.«
Und alles gerät ins Schwimmen. Heiße Tränen laufen ihr übers Gesicht. Ich verstehe sie so gut, die Maria. Ihre Panik, das Nicht-wahr-haben-wollen, das Klammern an die letzte Hoffnung. An das letzte Stück, das ihr geblieben ist: Ihr Ort der Trauer.

(III. Zurück zum Anfang)
Als sie dies gesagt hatte, drehte sie sich um und sah Jesus dastehen, aber sie wusste nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: »Frau, warum weinst du? Wen suchst du?« Sie dachte, dass er der Gärtner wäre, und sagte zu ihm: »Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sage mir, wo du ihn hingebracht hast, und ich werde ihn holen.«

Maria wendet sich um. Und trifft auf Jesus. Sieht ihn und erkennt ihn doch nicht. Er muss anders aussehen als so, wie sie ihn kannte. Sie denkt, er sei der Gärtner. „Warum weinst du?“ Das weiß er doch genau, so wie die Engel es wissen. Also warum diese Frage?
Warum ist dieser Morgen anders als alle anderen Morgen? Weil er uns zurückführt. Ich glaube, die Frage nach dem Grund ihres Weinens soll Maria zurückführen. Zurück zu sich selbst. Zurück auf das, was sie sieht, glaubt und hofft.
Zurück zum Anfang. Dunkel hat dieser Morgen begonnen: Am ersten Tag der Woche kommt Maria aus Magdala früh, als es noch dunkel war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen war. (Johannes 20,1)
Dunkel war es am Anfang, wie am Anfang von Himmel und Erde, als es finster war und Gott das Licht schuf. Als aus Abend und Morgen der erste Tag wurde.
Zurück zum Anfang. Zum Paradies, im Garten Eden, als Gott die Menschen sucht: „Wo bist du?“
Ich suchte, aber ich fand ihn nicht.
»Wo ist denn dein Freund hingegangen, o du Schönste unter den Frauen? Wo hat sich dein Freund hingewandt? So wollen wir ihn mit dir suchen.« Mein Freund ist hinabgegangen in seinen Garten, zu den Balsambeeten, dass er weide in den Gärten und Lotosblüten pflücke. (Hoheslied 6,1-2)

Zurück zum Anfang. „… ich werde ihn holen!“, sagt Maria zum Gärtner. So viel Energie steckt in dieser Frau. So viel Lebensenergie, trotz aller Tränen.
„… ich werde ihn holen!“ Darin höre ich die Sehnsucht, zurück zum Anfang zu gehen. Zu dem, wie es vorher war. Als der geliebte Mensch noch lebte. Als die Träume noch schwebten. Als das Glück noch da war.
Diesen Moment festhalten! Die Trauer gräbt in der Vergangenheit.

(IV. Wendungen)
Jesus sagte zu ihr: »Maria!« Sie wandte sich um und sagte zu ihm auf Hebräisch: »Rabbuni!« – das heißt Lehrer.

Maria wendet sich um, erneut. Oder vielmehr wird sie gewendet, umgedreht, gewandelt. Nur zwei Worte bedarf es dafür: „Maria“ und „Rabbuni“. Er ruft sie beim Namen. Ruft sie ins Leben. Und sie gibt ihr Einverständnis.
Ein leiser Austausch voller Zärtlichkeit. Alles steckt darin: Erkennen und Erkanntwerden. Vergangenheit, Gegenwart und vor allem Zukunft.
Ostern ist leise. Gott ruft dich beim Namen. Er findet dich und du findest dich in ihm. Und alles wendet sich.

Maria dreht sich auf die Seite des Lebens. Hat schon so viel Energie und Lebendigkeit, die sie dem Tod entgegen setzen kann. Die Gründe zum Weinen, die sind noch da. Aber sie bestimmen nicht mehr ihre ganze Realität. Jesus war ihr nahe, als sie es noch gar nicht ahnte. Bringt den Beginn der neuen Schöpfung mit sich. Das Licht. Wärme. Und Liebe.
Und Maria würde sich ihm wohl am Liebsten in die Arme werfen.

(V. Halt mich nicht fest)
Jesus sagte zu ihr: »Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Geh aber zu meinen Geschwistern und sage ihnen: Ich steige auf zu meinem Gott und eurem Gott, zu Gott, der mich und euch erwählt hat.« Maria aus Magdala kam und verkündete den Jüngerinnen und Jüngern: »Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen.« Und dies hat er ihr gesagt.

„Halt mich nicht fest!“ Der Auferstandene macht Maria deutlich: Etwas hat sich verändert. Der Tod hat einen Abstand zwischen ihnen geschaffen, der sich nicht überwinden lässt. Jesus ist nicht mehr von dieser Welt. Und es wird nicht mehr so, wie es war. Die Liebe zwischen ihnen muss und wird sich verändern. Maria muss ihn loslassen, um ihn neu empfangen zu können.
Das Loslassen ist am schwersten. Auferstehung befreit vom Festhalten-Wollen: Erst wer loslässt, kommt zu neuem Leben.

(VI. Dein Leben ist ein Garten)
Wie im Garten: Das Laub der Trauer zusammenkehren. Die Zweige der Angst mutig zurückschneiden. Blumenzwiebeln der Hoffnung säen mitten in die kalte Erde hinein.
Die dunklen Tage werden vorbeigehen wie eine Jahreszeit. Dann wächst im Tod neues Leben. Wie in unserem Parochialkirchhof: Veilchen blühen dort auf alten Gräbern. Zwitschernde Vögel nisten in grünenden Büschen. Blumen sprießen aus der Erde, inmitten der sonnenbeschienenen Kreuze. Ein kleines Stück vom Paradies.

Lass los. Halt nicht fest. Du musst jetzt gehen. Ein Friedhof ist kein Zeltplatz. Also geh. Geh mit Gott, du hast ihn im Rücken, und gleichzeitig dir zugewandt. Geh zu den Anderen. Die sind noch allein in ihrer Trauer, hinter verschlossenen Türen. Lock sie heraus! Ruf sie beim Namen. Erzähl ihnen von Jesus. Hilf ihnen, loszulassen und zu neuem Leben zu kommen.

Du bist gehalten. Von uns. Und den anderen. Und von dem, der draußen auf dich wartet. Unerkannt. Er sucht dich. Denn seine Seele liebt dich.
Die Welt ist sein Garten. Er hat schon gesät und gepflanzt. Seine Spuren hinterlassen.
Er schließt die Türe auf zum Paradies. Seine Liebe ist stark wie der Tod. (Hoheslied 8,6). Nein, seine Liebe ist stärker als der Tod.
Er ist das Licht.
Da ward aus Abend und Morgen der neue Tag.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.