(Prolog)

1 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN.

2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder.

(I. Mein Bruder)

Als mein Bruder geboren wurde, wäre ich fast gestorben.

Zumindest fühlt es sich in meiner Erinnerung bis heute so an.

Ich war knapp drei Jahre alt und krank mit Ohrenschmerzen. Meine Eltern brachten mich, als die Wehen einsetzten, zu meinen Großeltern, wo ich die Nacht über bleiben musste, obwohl ich nicht wollte. Ich weinte viel und außerdem verschluckte ich mich auch noch an einem riesigen Bonbon, das mir beim Stolpern auf der Treppe im Halse stecken blieb.

Alles in allem war ich also zu Beginn nicht sehr erfreut, dass ich jetzt einen Bruder hatte. Ein etwas holpriger Start in mein Dasein als große Schwester.

(II. Geschwister)

Geschwister zu haben ist eine intensive Erfahrung: Wahnsinnig schön und wahnsinnig schrecklich zugleich.

Unsere Brüder und Schwestern kommen uns beim Aufwachsen so nah wie sonst kaum jemand, körperlich und emotional.

Man teilt in der Regel die gleichen Gene, die gleiche Herkunftsfamilie, man kennt sich in- und auswendig, kennt sich in den schönsten und furchtbarsten Momenten im Leben, sieht sich vielleicht ähnlich, und doch ist es erstaunlich, wie unterschiedlich Geschwister dann wieder sind, wie verschieden sie das Leben betrachten, wie fremd sie sich eigentlich sein können, und wie sehr sie es hinkriegen, sich bis aufs Blut zu reizen.

Intensiv sind die Gefühle beim gemeinsamen Aufwachsen, die heftige Liebe zueinander, aber auch die Auseinandersetzungen, die Revierkämpfe, die Eifersucht, das Aufeinander-Geworfensein.

Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,

5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7 Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

(III. Einer erhebt sich über den anderen)

Die Urgeschichten ganz am Anfang der Hebräischen Bibel erzählen überzeitliche Begebenheiten, allgemein-menschliche Verhaltensweisen, sie beschreiben die Menschen, wie sie von jeher waren und bis heute sind; wie sie leben, lieben, scheitern, schuldig werden – immer und immer wieder.

Die Erzählung von Kain und Abel ist eine Geschichte von Geschwistern, eine Geschichte von Eifersucht, von Gewalt, von Mord.

Im Prinzip könnte sie auch heute spielen, jetzt und hier in Berlin. Abel wäre vielleicht IT-ler bei einem Start-Up und Kain ein Verwaltungsangestellter in einer Behörde. Bei irgendeiner Gelegenheit, vielleicht bei einem Familienfest oder bei einer Erbsache kriegen sie sich so richtig in die Haare und dann kommt auf einmal all das hoch, was jahrelang hinunter geschluckt, verschwiegen und ertragen wurde.

„Dich haben unsere Eltern doch immer bevorzugt, ich bin halt so mitgelaufen.“

„Ich musste mir alles selbst erkämpfen und du hast dich ins gemachte Nest gesetzt.“

„Das ist so typisch für dich, du warst schon als Kind so.“

„Das Geld steht mir zu.“

Neid und Scham und Wut mischen sich zu einem explosiven Gefühlsgemisch, die Situation eskaliert. Kain „ergrimmt“, er ist nicht mit sich im Reinen, fühlt sich ungerecht und ungleich behandelt und es mangelt ihm an Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. Und so gibt er sich seiner Raserei hin, er erhebt er sich über seinen eigenen Bruder und schlägt ihn tot.

Das ist keine ur-ferne Erfahrung, sondern unsere tägliche Realität: Lebenspläne gehen nicht auf. Ein Bruder erhebt sich über den anderen und tickt aus, jetzt in diesem Moment irgendwo auf dieser Welt. Eine Tat im Affekt. Die meisten Gewalttaten passieren in der eigenen Familie.

(IV. Der Riss)

Mitten durch zwei Brüder, zwei Schwestern, zwei Geschwister geht ein tiefer Riss.

Mitten durch Kain und Abel geht der Riss, wie ich ihn im Bild von Barbara Heinisch („Zwischen den Welten: Kain und Abel“, 2017) auf dem Deckblatt des Gottesdienstheftes erkenne.

Mitten durch mich hindurch geht der Riss. Ich spüre ihn dann und wann und erschrecke. Eifersucht und Neid durchzucken mich, Impulse von Zerstörung, Gefühle von Zu-Kurz-Gekommen-Sein, meine Frustrationstoleranz kann mitunter so klein sein.

Ich trage den Kain in mir. Und ich verstehe ihn. Er fühlt sich ungerecht von Gott behandelt; Gott, der ihn ignoriert. Wieso sieht Gott Abels Opfer gnädig an und Kains nicht? Wieso lässt er den Mord geschehen und greift nicht ein? Diese Fragen werden nicht beantwortet. Gottes Handeln bleibt unklar. Der Riss, er geht auch mitten durch die Gottesbeziehung.

Überhaupt bleiben Leerstellen in der Geschichte, wir erfahren nichts von Kain und Abels Aufwachsen, von der Dynamik ihrer Geschwisterbeziehung. Und Gott ist fern im Moment des Mordes. Erst danach heißt es:

9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

Kain übernimmt zunächst keine Verantwortung für sein Tun, aber Gott macht ihn verantwortlich.

Er gibt dem stummen Opfer eine Stimme.

Und noch mehr.

(V. Flüchtig und unstet)

Denn weiter heißt es:

11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Was wir hier hören, ist ein Plädoyer gegen die Todesstrafe, ein Ausstieg aus der Gewalteskalation. Gott verurteilt die Tat des Mörders Kain, aber er lässt ihn nicht ins Verderben fallen. Das Leben des Mörders liegt in Gottes Hand, nicht in den Händen anderer Menschen. Deutlich wird: Was ein Mensch tut, hat Folgen. Wer anderen Schlimmes antut, wird zur Verantwortung gezogen und muss mit seiner Schuld leben. Ins Lande „Nod“ zieht Kain, das heißt „Unruhe“ oder „Heimatlosigkeit“.  Er kommt mit dem Leben davon, lebt unter dem Schutzzeichen Gottes und trägt doch seine Strafe: Er hat seinen Bruder nicht behütet.

(VI. Meine Schwestern und Brüder)

Kain und Abel, eine Geschichte von zwei Brüdern, die nicht gut ausgeht.

Eine Geschichte, die mich zum Erschrecken bringt: Denn wenn es schon zwei Geschwister, die engsten Verwandten, nicht hinkriegen, friedlich miteinander umzugehen – wie sollen es dann erst Menschen schaffen, die sich nicht so nahe stehen? Oder zeigt sich vielleicht gerade in der engsten Nähe auch eine Ambivalenz: Zu viel Intensität, keine Luft zum Atmen, kein Raum zur Entfaltung, festgelegt auf einen Rolle in der Familie, man gönnt sich nichts?

Mir ist die Geschichte von Kain und Abel eine Mahnung, wie schnell es gehen kann, dass sich einer über den anderen erhebt – selbst unter den eigenen Geschwistern.

Eine Mahnung, auf die eigenen Gefühle achtzugeben und die Selbstbeherrschung und Empfindsamkeit anderen gegenüber zu pflegen.

Eine Mahnung, dass der Riss zwischen uns da ist, vielleicht nur als Haarriss, vielleicht als tiefer Graben.

Ich ziehe aus der Erzählung, dass es wichtig ist, nicht vorschnell zu handeln, wenn ich mich von Gott oder von anderen ungerecht behandelt fühle.

Und mit mir selbst im Reinen zu sein, um nicht zu ergrimmen und den Blick finster zu senken.

Den Gott wünscht sich einen hellen und weiten Blick von uns,  einen Blick, der über uns und unsere leiblichen Geschwister hinausgeht.

So haben wir es im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehört. Dieser erhebt sich nicht über einen anderen, sondern im Gegenteil: Er bückt sich und hilft ihm wieder hoch.Und so sind auch wir aufgefordert, uns nicht über andere zu erheben, sondern den Stein in der erhobenen Hand wieder abzulegen. Die Hand auszustrecken, zu unseren Schwestern und Brüdern, und sie hochzuziehen vom Boden.

Ja, wie wäre das, wenn Kain den Stein abgelegt und Abel hochgeholfen hätte.

„Wo ist dein Bruder Abel?“

„Er ist hier, neben mir. Ich behüte ihn, wieso sollte ich ihn nicht behüten?“

 

Amen.