Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis

Vor kurzem hielt ich meine Zeugnisse aus der Schulzeit in den Händen. Meine Töchter wollten sie sehen, und ich war überzeugt, ich hätte nichts zu verbergen. Das verdankte sich  jedoch, wie sich herausstellte, an einigen Stellen eher der Verklärung meiner Vergangenheit als der Realität. Dass aber ausgerechnet dieser Satz die Gemüter so erregen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. „Ihr Eifer wurde am Ende belohnt.“, las meine Ältere mit etwas vorwurfsvollem Unterton vor. „Ehrlich Mama? Du warst eine Streberin? Mit so einem Satz wärst Du heute an der Schule durch.“ Ich war ein bisschen beleidigt, aber als ich später etwas zum „Eifer“ im Internet recherchierte musste ich feststellen, dass sie offensichtlich recht hatte. Wem im Zeugnis Eifer bescheinigt wird, der hat eher schlechte Karten. Denn Eifer steht für krampfhaftes, erbittertes Bemühen, dem das Spielerische und Freudige fehlt. Und das wird negativ ausgelegt. Ihr Eifer wurde am Ende belohnt. Was hätte wohl in den Zeugnissen von Paulus gestanden?

Paulus ist ein Eiferer.
Er geht mit Drohen und Morden gegen die junge Gemeinde vor.
Er will die Anhänger Jesu entlarven und sie gefesselt vor Gericht nach Jerusalem führen. Auf dem Weg nach Damaskus begegnet er Gott. „Saul, warum verfolgst du mich?“ wird er gefragt. Und Paulus fragt zurück: „Herr, wer bist du?“ Der spricht: „Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.“ Paulus tut es und kann drei Tage nicht sehen und nicht essen und nicht trinken. In Damaskus lebt der Jünger Hananias. Und Gott beaufragt ihn, zu Paulus zu gehen. Hananias aber wehrt sich. Er hat viel gehört über den blindwütigen Eifer dieses Mannes. Wie viel Böses er getan hat und welche Vollmacht er hat, alle gefangen zu nehmen, die glauben.
Gott geht nicht auf die Bedenken ein. Er sagt Hananias etwas von Paulus, das Paulus selbst noch nicht weiß. „Dieser ist mein auserwähltes Werkzeug. Geh zu ihm.“ Und Hananias geht hin und findet ihn und legt die Hände auf ihn und spricht: „Lieber Bruder Saul.“ Und Paulus Augen werden geöffnet; und er steht auf, lässt sich taufen und isst und trinkt. Mitten hinein in seine Raserei, seinen gnadenlosen Eifer trifft ihn die Barmherzigkeit Gottes. Eine Kehrtwendung wird ihm daraufhin bescheinigt. Vom Saulus zum Paulus. Einer, der sich vom Schlechten ab- und dem Guten zuwendet. Aber Paulus bleibt, was er war. Ein Eiferer. Ein Verfolger. Einer, der ein Ziel verfolgt, wie er selbst von sich sagt. Nach Damaskus kennt er nur noch einen Weg und einen Namen und einen Herrn. Alles, was war, erachtet er für Dreck. Vergessen soll es sein. Er will mit Christus gleichgestaltet werden, will in die „Gemeinschaft der Leiden Christi“ aufgenommen werden. Er streckt sich aus nach dem, was vorn ist und jagt dem vorgesteckten Ziel, dem Siegpreis der himmlischen Berufung Gottes in Jesus Christus nach.
Ein Eiferer ist er geblieben. Einer, der sich in Rage redet. Und den offenbar nichts unterscheidet von der Raserei und dem gnadenlosen Eifer eines nun Christus-Verfolgers. Wäre da nicht der eine zarte Satz, der den Wortstrom bremst und die Richtung ändert. „Ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe,“ sagt Paulus. Gott hat den Raser zum Stillstand gebracht. Hat alles anders werden lassen. Von einem Augenblick zum anderen. „Saul, warum verfolgst du mich? Was treibt dich an? Worauf ist dein Eifer gerichtet“
Innehalten und Nachdenken, das ist wichtig, das steht immer am Anfang eines neuen Weges. Die Bibel nennt das Buße. Sie beginnt mit dem Innehalten, der Unterbrechung, mit dem anderen Blick, auf uns selbst und auf andere. Sie beginnt heute hier am Sonntag, dem Tag der heilsamen Unterbrechung. Sie beginnt mit dem Hören auf Gottes Stimme. Tag für Tag hat Paulus sich gemüht, dem Gesetz nachzugehen, ohne daraus wirkliche Gottesnähe zu erfahren. Gottes Gebot kann nicht alles Denken und Handeln regeln! Gesetze können den Menschen in seiner ganzen Fülle niemals binden. Eifer darum lohnt sich nicht, wenn er blind und freudlos ist. Was hilft ist nicht die Erkenntnis, sondern die Erfahrung von Barmherzigkeit.
„Warum tust du das?“, fragt Gott. Und wie tust du es?
Warum kommst du immer wieder in diese Kirche? Wieso engagierst Du Dich für die Suppenküche, den Büchertisch, das House of One? Warum lässt du dich taufen?
Was treibt Dich an, für den Gemeindekirchenrat zu kandidieren? Warum entscheidest du so und nicht anders? Tust Du das, was Du tust, mit Freude? Und begegnet Dir Gott in dem, was Du tust?

(Dazu einen Moment der Stille)

 „Ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe.“

Ihr Eifer wird am Ende belohnt.

Wenn sie nicht die Absicht hat, Lohn zu empfangen.
Wenn er im Gesetz nicht Knechtschaft sondern Freiheit erfährt.
Am Anfang steht die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit.
Nicht, indem er fesselt und knebelt für das, was er sieht.
Sondern indem er fragt: Was tust du da? Und warum?
Und berührt. Indem er die Hand auflegt und sagt: „Lieber Bruder Saul…lieber Bruder…liebe Schwester…“
„Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freut euch!“, kann Paulus daraufhin sagen, sogar hinter dicken Gefängnismauern. Er ist ein Eiferer. Doch nicht mehr blind. Kurzsichtig vielleicht. Aber sehend.

Einer, der sich selbst nicht so einschätzt, dass er’s begriffen hat.
Angewiesen auf Barmherzigkeit.
Nicht auf Lohn.
Gott hat Paulus be-geistert.
Daraus erwächst die Freude.
Und ein begeisterter Mensch ist nicht griesgrämig, ein engagierter nicht antriebslos, ein erleuchteter nicht verfinstert. Schaut einander an – und ihr werdet es sehen. Heute an diesem Festtag, an dem wir feiern – hier und drüben das Sommerfest rund um die Parochialkirche.

„Ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe.“ Das bedeutet, Gottes Barmherzigkeit zu erfahren. Mit ihm zu leben als einen, den Schwächen und Fehler nicht irritieren. Der fragt, warum wir so und nicht anders handeln? Der sein Bedürfnis offenbart hat, sich in uns kennenzulernen. Und sich dabei immer von dem leiten lässt, was er sieht, und nicht von dem, was er weiß.
Tu Rex Gloria Jesu Christe! Du König der Herrlichkeit, Jesus Christus – Dich loben wir!

Amen

Es gilt das gesprochene Wort.

Brief des Paulus an die Philipper, Kapitel 3, Verse 7-14

Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.

Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.