Predigt_1. Weihnachtstag_25.12.2019_Titus 3,4-7_St. Marien Berlin

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

(I. Unverdaut)
Als aber der Heilige Abend zur Nacht und diese zum nächsten Morgen geworden war, da hatte sich die erste Aufregung etwas gelegt.
Die singenden Engel, die eiligen Hirten, die große Freude, die volle Hütte – das war wunderschön und gleichzeitig auch etwas zu viel gewesen. Noch klingeln die Ohren, noch sind der Braten und die Botschaft nicht ganz verdaut. Wie meistens lief es anders als gedacht. Und nun?
Die Enttäuschungen sind runtergeschluckt und die Sehnsüchte sind noch oder wieder nicht alle gestillt. Das Kind immerhin ist zufrieden.
Die Heilige Nacht ist schon wieder vorbei, das schmutzige Geschirr stapelt sich noch in der Küche, Geschenkpapierreste liegen auf dem Boden, im Kopf summt noch die eine Melodie nach, das alte Lied.
Und am Vortag war da nur so eine Vorahnung, jetzt ist klar: Bei Lichte besehen steht der Baum etwas schief.

(II. Erscheinung)
4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, 5 machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, 6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, 7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.

Als aber die Sonne aufging an diesem ersten Weihnachtstag, da lag so ein Gefühl in der Luft. Ein anderer Ton. Freundlichkeit und Menschenliebe. Ganz zart nur und gleichzeitig so tiefgehend. Als ob sich wirklich etwas verändert hätte. War das nur eine Erscheinung? … Aber gestern blitzte doch da wirklich etwas auf, inmitten der üblichen Heiligabend-Choreographie, inmitten der imperfekten Familienkonstellationen, inmitten von „Stille Nacht“ und der brennenden Lichter, inmitten der Trümmer und Trostlosigkeit. Etwas Liebliches, Reines. Ein Lied der Sehnsuchtserfüllung. Eine Geschichte von Frieden und Heil, vom Guten.

(III. Philanthropie)
Gott, der große Philanthrop, hat seine Menschenliebe in die Welt geschickt. Sein eindeutiges „Ja“ gegenüber all seinen Kindern.
Die Menschenliebe sagt: Du bist vollkommen in Ordnung, so wie du bist. Mit allen hohen und tiefen Schwingungen. Mit deinem schiefen Baum und deiner Weihnachtsharmonie. Mit all den großen und kleinen Päckchen, die du so mit dir rumträgst. Mit all dem, was gewesen ist, und was kommt.
Gottes Menschenliebe blickt dich freundlich an, ja, genau dich, und sieht dir ins Herz. Blickt tiefer und gründlicher, guckt auch in die verhärteten und vernarbten Ecken, in die windschiefen Winkel und krummen Windungen, schaut genau dort noch liebevoller hin, mit Augenzwinkern und mit ermutigender Klarheit. Ach, was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, Gott!
Die Menschenliebe umfängt dich ganz und bedingungslos wie ein sicheres Netz: Selig macht sie dich – nicht weil du so tolle Dinge getan hättest und tust, sondern allein weil Gott barmherzig ist. Durch und durch Philanthrop halt, unverbesserlich.

(IV. Halbgares)
Das ist ein starkes Stück Menschenliebe! Denn bei Lichte besehen ist ja nicht nur der Baum leicht schief, sondern auch unsere Welt ist es immer noch, auch an diesem Weihnachtsmorgen. Unsere Sorgen und Fragen baumeln unsichtbar mit den Kugeln an der Tanne oder lugen hinter dem Stroh in der Krippe vor. Dort liegt das Kind, Menschenliebe Gottes, geboren ins neue Jahr – in Bethlehem, Berlin oder Moria. In Armut oder Wohlstand, in Sicherheit oder Krieg, in ein Zuhause oder auf der Flucht.
In welcher Familie wird es aufwachsen?
In welchem gesellschaftlichen Klima?
Wo wird es wohnen?
Mit wem wird es spielen?
Bei Lichte besehen ist der Baum etwas schief und die Welt ebenso. Und auch wir sind immer noch zerstritten und unsicher über die großen und kleinen Fragen – wie die Gemeinden, an die sich der Titusbrief richtet: Auf wen sollen wir hören? Worauf verwenden wir unsere Kraft und unser Geld? Wie lässt sich Zusammenleben in dieser Stadt, in diesem Land gut gestalten?
Trümmer und Bruchstücke überall. Halbgares, Halbfertiges. Das ist 2000 Jahre später nicht anders.
Und trotz all der Freundlichkeit Gottes, die mir erschienen ist, schaffe ich es dann und wann nicht, immer freundlich zu sein. Auch nicht zu mir selbst.

(V. Wiederaufbau)
Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, machte er uns selig und zu seinen Netzwerkpartner*innen. Die Menschenliebe Gottes ist auf Fundraising-Kampagne, wirbt um unser Herz und sammelt Freundlichkeit ein. Sie knüpft ein Netz rund um die Erde von Freunden und Förderinnen. Sie baut ein Haus für alle, House of One, gemeinsam, aus alten Bruchstücken, aus neuen Steinen, mit einem Geist.
Denn Menschenliebe stiftet mehr Menschenliebe! Sie erkennt Gottes Kind in mir selbst und im Gegenüber, in Berlin, Bethlehem und Moria.
Die alte Melodie im Titus-Brief, das Lied von Seligkeit und Wiedergeburt, tönt leise von Haus zu Haus. Hast du es schon gehört?
Gott stiftet Menschenliebe, die Heil, Frieden und Gutes bringt, Wiederaufbau ermöglicht. Die Trümmer sollen jubeln! Wiederaufbau der zerstörten Städte, Wiederaufbau der geschändeten Schöpfung, Wiederaufbau der verletzten Seele.
Gott stiftet Menschenliebe, die ermöglicht, dass wir Menschen uns Gutes tun.
Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes in unserem Leben, wurde ein Raum der Liebe eröffnet, in den wir eintauchen können.
Gottes Menschenliebe stiftet sozusagen ein Schwimmbad, in dem du kostenlos deine Bahnen ziehen kannst. Erfrischend, erneuernd, mit allen Wassern gewaschen. Und dann ab ins Solarium vor die Krippe, wo dich die kindgewordene Menschenliebe anstrahlt und wärmt. Durchatmen, auftanken. Die Botschaft verdauen. Und neu beginnen.
Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, machte er uns selig.
Frohe Weihnachten!
Amen.