Predigt_Aschermittwoch_6. März 2019_Joel 2,12-14a_St. Marien

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

(I. Herzzerreißend)

Das erste Mal, als mein Herz gebrochen wurde, ist mir in bleibender Erinnerung. Bis heute spüre ich das unbekannte Erstaunen und die Fassungslosigkeit darüber, dass aus etwas Gutem und Schönem wie Zuneigung ein so schrecklicher Schmerz entstehen kann. Liebeskummer ist mitunter heftig und fühlt sich in manchen Fällen sogar an wie ein Herzinfarkt: Das „Broken-Heart-Syndrome“, Gebrochenes-Herz-Syndrom, wurde 1991 erstmals klinisch beschrieben. Der Herzmuskel verkrampft in Folge von Stress und emotionalen Belastungen, positiven wie negativen. Die Symptome sind Brustschmerzen, Atemnot, Übelkeit, Angst- und Engegefühle. Nach einigen Wochen bildet sich das Gebrochene-Herz in der Regel von alleine vollständig zurück.

Dass unser Herz brechen kann, ist eine Erfahrung, um die wir im Leben wahrscheinlich nicht herum kommen. Nicht immer muss es so heftig sein wie beim Broken-Heart-Syndrome. Und nicht nur Liebeskummer kann ein Herz brechen lassen. Auch Leid, Ungerechtigkeit, Trauer und das Mitleiden mit anderen können dazu führen, dass sich unser Herz wie entzweit anfühlt. Das ist „herzzerreißend“, sagen wir, wenn uns etwas sehr nahe geht, wenn wir mitfühlen. Mein Herz kann gebrochen werden, das habe ich erfahren. Aber kann ich mir auch selbst das Herz brechen, es sogar zerreißen?

So spricht Gott, der Ewige: Kehrt um zu mir mit eurem ganzen Herzen, mit Fasten, mit Weinen und Klage. Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider.

(II. Zu Asche, zu Staub)

Heute, am Aschermittwoch, hören wir Gottes Ruf nach Umkehr, nach dem Zerreißen unserer Herzen. Gottes Ruf zielt auf Innen und Außen zugleich. Innen, wo mein Herz schlägt. Und außen, wo ich heute auf meiner Haut das Aschekreuz trage.

Zu Asche, zu Staub

Dort unten im Dreck beginnt das Leben:

„Am Tage, als Gott Erde und Himmel machte, da bildete Gott Adam, das Menschenwesen, aus Erde vom Acker und blies in seine Nase Lebensatem. Da wurde der Mensch atmendes Leben.“ (Genesis 3)

Das Leben beginnt in Erde, Asche, Staub. Und dereinst wird es in und mit ihnen enden.

[Zu Erde,] zu Asche, zu Staub.

Am Ende des Lebens fliegen Erde, Asche und Staub durch die Luft. Sie fallen in ein offenes Grab, auf die Urne oder den Sarg des verstorbenen Menschen und die begleitenden Worte wehen über den Friedhof und suchen die Herzen der Trauernden: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube.“

Leben vergeht. Am Ende werden wir wieder das, woraus wir am Anfang gemacht wurden: Erde, Asche, Staub. Trauer. Schmerz der Vergänglichkeit. Herzzerreißend.

Zu Asche, zu Staub

Dem Licht geraubt

Asche tragen wir heute, am Aschermittwoch, auf unserer Stirn. Der Aschermittwoch führt uns in die Tiefe unseres Lebens. Feuer hat die Palmzweige des letztjährigen Palmsonntags zu Asche gemacht. „Hoschiana“, haben die Leute gerufen – „Herr, hilf doch!“ Und Gott hat geholfen und hilft immer noch, aber manchmal scheint es, als seien seine Hilfe und seine Nähe von einer meterdicken Staubschicht bedeckt. Mir tränen die Augen und ich sitze hustend im dunklen Dreck. „Hoschiana!“

(III. Wunder warten bis zuletzt)

Doch noch nicht jetzt

Wunder warten bis zuletzt

Nein, jetzt noch nicht! Oder grade jetzt! In der Asche steckt neues Leben. Dünger- und Reinigungsmittel ist sie. Die Asche kratzt an meiner Haut und an meinem Selbstverständnis, denn sie malt mir auch vor und über die Augen, wie ich bin: Vergänglich, ängstlich, getrieben, mit schmutzigen Flecken auf meiner weißen Weste. Die Asche macht mein Innerstes sichtbar: All die müden Entschuldigungen, die Trägheit, den Zweifel. Mein Verkleiden, mein Maskieren macht keinen Sinn mehr. Ich werde keine Andere, nur weil es von außen so aussieht. Nein, das Wunder passiert in mir drin! Ganz zuletzt, wenn ich schon fast die Hoffnung aufgegeben habe…

Du bist dem Tod so nah

Und doch dein Blick so klar

Erkenne mich, ich bin bereit

Der Prophet Joel kannte das Broken-Heart-Syndrome wahrscheinlich noch nicht, Ihm war wichtig, deutlich zu machen: Der äußere Vollzug, das Zerreißen der Kleider, das Aschekreuz auf meiner Stirn, reicht nicht zur Umkehr. Ein Tag wie heute, die nächsten 40 Tage, sind auch eine Sache des Herzens, also der Frage: Darf die Asche auch auf meine Herzhaut? Das heißt: Öffne ich mich, auch auf die Gefahr hin, verletzt zu werden?

Ich glaube nicht, dass wir unser Herz so sehr zerreißen sollen, dass wir die Symptome eines Herzinfarkts entwickeln. Sondern, dass wir erstmal zulassen, dass uns etwas nahe kommt und berührt: Asche. Vergänglichkeit. Oder Brot und Wein. Verrat und Vergebung. Ein Wort, das uns im Inneren trifft. Ein Gedanke, der uns wach und aufmerksam werden lässt. Ein Ton, der einen neuen Raum eröffnet. Gott, der Ewige, der ruft.

Und dann: Spüren wir auf einmal unser Herz wieder lustvoll schlagen, das sich vorher so taub angefühlt hat. Oder wir merken, wie es zur Ruhe kommt und heilt, nachdem es so lange wehgetan hat.

Erneuerung beginnt aus meiner Mitte. Wenn ich mich nicht mehr abschotte, sondern öffne und verletzlich werde. Und dadurch auch fähig zu heilen. Wenn ich aufmerksam werde auf das, was mein Herz beschäftigt. Wenn ich den Schmerz zulasse und ihn nicht verdränge. Wenn ich im Innersten lebendig werde. Und mich rühren lasse, wie Gott.

So spricht Gott, der Ewige: Kehrt um zu mir mit eurem ganzen Herzen, mit Fasten, mit Weinen und Klage. Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, kehrt um zum Ewigen, eurem Gott, denn gnädig und barmherzig ist er, langmütig und reich an Zuwendung, er hat das Böse satt. Wer weiß, vielleicht kehrt Gott um, vielleicht hat er das Elend satt und lässt Segen hinter sich zurück.

(IV. 40 Tage)

Nicht nur ich kann umkehren, auch Gott kann und tut es. Die Asche wird mir zum Segen, zum Zeichen des Neuanfangs. Ein lebendiges Herz, das offen ist für Gott und für die Mitmenschen, das fühlt auch mit. Reißt mitunter ein, bricht, blutet. Aber es wächst auch wieder zusammen, heilt, erzählt seine Geschichte durch die Narben, die es zurückbehält.

Ein solches Herz ist sensibel für andere gebrochene Herzen. Es schlägt mit denen, die Herzzerreißendes erleben. Und es klopft mit all seinen Verletzungen dennoch immer weiter, gegen den Tod, gegen die Sinnlosigkeit, gegen das „Haben-wir-doch-schon-immer-so-gemacht“. Die Asche wird mir zum Zeichen des Protests!

Doch noch nicht jetzt

Nein, jetzt noch nicht! Noch sind 40 Tage Zeit.

Wunder warten bis zuletzt.

40 Tage, in denen dein lebendiges Herz reißen und wieder heilen kann. In denen du Gott in deinem Leben Raum geben darfst. Was nimmst du dir vor?

Vielleicht:

Mache 40 Schritte vorwärts und 40 Schritte rückwärts.

Schreibe einen Text mit 40 Wörtern.

Starre 40 Löcher in die Luft.

Versende 40 Postkarten an Menschen, die dein Leben geprägt haben.

Finde 40 verschiedene Farbtöne.

Schreibe dir 40 Mal „Muße“ in den Kalender.

Male 40 Mal ein Herz auf Papier und verschenke es.

Zieh dir 40 Kleidungsstücke gleichzeitig an und versuche damit, mindestens bis zur Mülltonne zu gehen.

Pflanze 40 Blumenzwiebeln und sieh sie an Ostern blühen.

Verschenke 40 Dinge, die du nicht mehr brauchst.

Denke 40 neue Gedanken.

Steh morgens 40 Minuten früher auf. Oder bleib 40 Minuten länger liegen.

Fühle 40 Herzschläge an deinem Puls.

Lächle 40 fremde Menschen auf der Straße an.

Lächle 40 Menschen im Gottesdienst an und feiere mit ihnen Abendmahl.

Amen.