Es gilt das gesprochene Wort!
Predigt über Offenbarung 3,14-22 im Gottesdienst in der St. Marienkirche Berlin am Buß- und Bettag, 21. November 2018

(Mit Gedenken an die Opfer des Berliner Straßenverkehrs, insbesondere Fahrradfahrer*innen unter Beteiligung des ADFC und Changing Cities e.V., mit Aufstellung von weißen Geisterrädern vor bzw. in der Kirche)

Liebe Gemeinde, Fahrradfahren macht leicht. Unbeschwert. Die ausgeklügelte Technik von Kugellager,
Ketten- und Pedalübersetzung, dazu die modernen Leichtmetalle, das alles macht es
noch leichter. Einmal rollend rollt die Sache. Ich selber genieße das, so oft es geht am Wochenende.
Über den Mauerradweg. Ins Fließ. Um die Havel herum. Die Erfindung des Fahrrads ist
eine Erfindung der Leichtigkeit in der Fortbewegung, selbstfahrend sozusagen, man kann sich
unterhalten dabei, man kann kurz stoppen, innehalten, zeigen: guck mal, da, guck mal, da. Ein
Kind, das erst mal Radfahren gelernt hat, hört in der Regel nicht mehr auf. He, kleiner Fratz auf
dem Kinderrad, gekonnt hältst Du die Balance, mit den Haaren im Wind, auf den Wangen die
Sonne, fährst du dahin wie der Blitz … flitz! Herman van Veen hat dem Kind auf dem Fahrrad
Zeilen für Generationen gegeben. Gott fährt Fahrrad – hat Maarten ’t Hart, der Niederländer, ein
Buch überschrieben, und auch, wenn es in dem Buch um ganz anderes geht, die Zeile hat sich
eingeprägt. Ja, vielleicht fährt Gott Fahrrad?!

 

Liebe Gemeinde, heute am Bußtag haben wir in die Marienkirche weiße Fahrräder – vor Augen,
zum Greifen nahe, weiße Fahrräder, Geisterräder, oder – die Tradition kommt aus den USA –
ghost bikes. Sie stehen für Menschen, Kinder, Frauen und Männer, die im vergangenen Jahr im
Berliner Straßenverkehr ums Leben gekommen sind. Sie standen an den Orten, an denen das
passiert ist. Leichtmetall zerbrochen. Schwere von Masse und Tempo übermächtig. Ghost bikes
als Zeichen. Als sichtbare Mahnwache. Räder, die auf ihre Weise sagen: hier hat ein Fahrradfahrer
sein Leben verloren, ist uns entschwunden, verloren gegangen, nicht mehr hier, tot.
Mir wird heiß und kalt bei diesem Gedanken. Um es mit den biblischen Worten von heute zu sagen:
mir wird heiß und kalt, wenn ich ein solches Fahrrad sehe. Ich erschrecke. Ich kann nicht gleichgültig vorbeigehen oder vorbeifahren. Nein, gleichgültig lau sein, das geht nicht. Oder, um es mit einem zweiten Bild aus den biblischen Worten heute zu sagen: das Fahrrad, das Geisterfahrrad
klopft an, klopft an mein Herz, an mein Empfinden. Sieh, was passiert ist. Mach die Tür
auf. Hörst Du nicht, wie es klopft, unablässig und immer wieder: der Wahnsinn des Verkehrs.
Liebe Gemeinde, die Geisterräder und die biblischen Worten tun auf ihre Weise das Gleiche:
aufrütteln. Weil du aber lau bist, werde ich dich ausspeien, heißt die harte Ansage an die Gemeinde
in Laodizea. Ach, dass du kalt oder warm wärest, aber du bist lau. Siehe, ich stehe vor
der Tür und klopfe an. Hörst Du es? Wer Ohren hat zu hören, der höre. Aufrütteln, wachmachen,
aus lauem und gleichgültigem Hinnehmen rausreißen, das ist die erste Geste des Bußtages heute
und es ist die Geste der Fahrräder hier in diesem Raum. Wer kann gleichgültig bleiben, wenn
er die Geschichten zu den Fahrradopfern liest. Wer kann gleichgültig bleiben, wenn er das Kindergesicht
vor Augen bekommt, das auf dem Fahrrad saß. Hey, kleiner Fratz – wo bist Du hin –
Herman van Veens leichte Worte ersterben, die Frage, wo Gott Fahrrad fährt oder mindestens da
ist, da war bei denen, die gefahren sind, die Frage bleibt im Hals stecken oder wird herausgebrüllt.
Und mir, und uns wird heiß und kalt zugleich.

 

Bußtag. Umkehr. Aufrütteln. Weißes Fahrrad. Das heißt als erstes: Totengedenken. Die Menschen
erinnern. Nicht drüber weggehen. ADFC und Changing Cities organisieren mit dem Aufstellen
der ghost bikes Totenwachen. Ohne Schuldzuweisung, ohne Verfahrensaufklärung – jenseits
von all dem: Totenwache. Der Bußtag ist in diesem Fall als erstes das: Totengedenken. Bei
der Umkehr zuerst der Blick zurück. Und der Blick nach oben – oder wohin auch immer: hier jedenfalls
zu Gott. Gott, bitte, klopf an, öffne die Tür, nimm die Menschen zu Dir. Halte Abendmahl,
halte Gemeinschaft mit ihnen, die da vor uns gegangen. Halte Gemeinschaft mit uns, die sie
vermissen, ihren Verlust beklagen, weinen, bis uns schwarz und weiß vor Augen wird. Gott, bitte
klopfe an, wie Du versprochen hast. Lass uns glauben: bei Dir wird es leicht, leichter als auf jedem
Fahrrad. Bei dir ist wieder Lachen, Tour d‘Elegance, Glück im Wind, unbeschwert nah. Bilder,
sicher. Aber: das kannst Du, das alles kannst Du bei Dir. Ja, zieh das weiße Kleid allen wieder
an, das Taufkleid, das Zeichen: durch den Tod bist Du mit durch. Durch Stein und Eisen.
Bußtag. Totengedenken. Hoffnungserinnerung. Von weiß zu weiß, von ghost bike zu Taufkleid.
Ist es so, Gott? Wir klopfen an bei Dir mit unseren Klagen und mit unserem Gebet.

 

Bußtag. Umkehr. Aufrütteln. Aber ja, liebe Gemeinde heute, wir bleiben beim Erinnern und Bitte
und Hoffen nicht stehen. Jetzt, nach der Erinnerung kommt die Wende, muss sie kommen, als
zweiter Tritt in die Pedale, kräftig, heftig. Sei nicht lau, ach, ich kenne deine Werke, weil du lau
bist, werde ich dich ausspeien, sagt der Seher Johannes im Auftrag Gottes an die Gemeinde in
Laodizea. Und an uns? Sind wir, bin ich lau? Ich höre mich sagen. Ja, gut, das ist schon schlimm
mit den Fahrrädern. Aber was willst du machen. Wir müssen da alle irgendwie durch den Verkehr kommen. Und ich meine, irgendwie sind ja oft viele oder auch alle Schuld. Die Gesellschaft sowieso.
Richtig? Richtig, und doch: lau. Ausspeien will Gott solche Sätze. Ich höre mich sagen:
Also, ich hatte es wahnsinnig eilig, so wie es immer alle wahnsinnig eilig haben, und der hinter
mir saß mir auch ganz dicht drauf und immer dichter, und ich wollte ja noch langsamer fahren,
aber Mensch: immer kommt dann einer rechts lang geschossen und den siehst Du echt gar nicht,
wenn er kommt, und die haben ja auch oft kein Licht an. Bah, ausspeien will Gott diese lauen
Entschuldigungen und Alibisätze, ausspeien aus meinem Munde. Gott findet diese Sätze zum …
– mit Verlaub, nicht von der Kanzel. Ich höre mich sagen: ja, klar müssen wir irgendwie in die
Wende weg vom Auto. Und ich dächte auch, wir müssten mehr Radwege bauen, Radwege unabhängig
von Autostraßen, wirklich sicher. Aber woher willst Du das Geld nehmen? Wir sind ja
schon so froh, wenn wir durchkommen? Und ich finde, wir haben auch schon viel getan, schau
halt mal auf andere Städte, da sind wir doch schon weit. Der Seher ruft bei Johannes: Du
sprichst: ich bin reich und brauche nichts! Und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist,
arm und bloß – sagt Gott zu solchen selbstherrlichen Reden. Bah, ausspeien all die Alibientschuldigungen und Vertröstungen. Ich höre mich sagen: aber was soll ich denn tun? Wie soll ich
denn da raus aus den Zwängen und der Hetze und dem Selber-hinterher-Rennen und nicht zu
spät und nicht zu kurz und nicht zu langsam und all den Verwicklungen und Verstrickungen und
ist doch nicht so einfach, wisst Ihr doch. Kannst ja ausspeien, wie Du willst, Gott, aber da kommt
doch keiner raus!?

 

Bußtag, liebe Gemeinde. Aufrütteln. Begreifen. Das ist Sünde. Also Ferne. Gott nur von Ferne
auf dem Fahrrad davonradeln sehen. Und sich lau denken: naja, halt verpasst, dann nächstes
Mal. Und weiter im Trott. Das ist die Sünde der Lauheit. Und wie kommst Du, wie komme ich da
raus? Von selber gar nicht. Und auch das ist keine Entschuldigung. Das ist Bußtag.
Und nun? Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an, sagt Gott. Und wo die Tür aufgeht, werde
ich hineingehen und Abendmahl halten. Wo die Tür aufgeht, fängt Gemeinschaft an. Gott klopft
an, ja, er zuerst. Jetzt. Heute. Immerzu. Hörst Du es? Siehst Du die Tür auffliegen? Ganz leicht?
Etwa wenn die nächste Milliarde mal in Fahrradwege geht, die einen nicht mehr in den Tramschienen
zu Boden fliegen lassen? Etwa wenn der Ausstieg in die Dominanz des Autos in den
Köpfen Einzug hält? Etwa wenn – echt, habe ich gesehen –, etwa, wenn eine Fahrradfahrerin,
die wieder vom rechts abbiegenden Auto geschnitten wurde, wenn die dann aufs Autodach
trommelt und der Fahrer steigt aus und hält inne, entschuldigt sich, holt eine kleine weiße Fahne
in Form einer kleinen Tafel Schokolade raus – Joghurt, versteht sich, weiß – und die teilen sie
dann gleich hinter dem Zebrastreifen auf. Und aus den verzerrten Fratzen werden frohe Gesichter
im Wind? Siehst Du die Tür auffliegen, ganz leicht? Nicht nur mit so ganz weltlichen Dingen,
womöglich auch mit geradezu göttlichen: Etwa, wenn für einen Moment die innere Hektik hinter
Steuer oder Lenker verschwindet – bitte schön, möchten Sie vor, aber bitteschön. Habe ich Zeit für einen Blick zum Himmel. Det jeht doch jar nich in Berlin – doch, det jeht. Etwa, wenn für einen
Moment kein Gefühl von Zu-kurz-Kommen mehr ist, sondern so eines in Fülle: Mann, so viele
Menschen und fast wie in Leichtigkeit leben sie miteinander, jeden Morgen, wenn für einen Moment
das Bild wechselt und man möchte aussteigen und auf der Straße campieren, weil alle da
sind und miteinander auskommen, einfach alle, wie auf Schienen – ach, mehr diese Schienen
bitte.

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an, sagt Gott. Jaja, einmal muss es gesagt sein. In der
Offenbarung, in den biblischen Worten heute geht es um andere Fragen. Lauheit früher christlicher
Gemeinde in gut situierter Stadt? Lauheit in wohlmeinenden und wohlfeilen Kompromissen
dieser Gemeinde mit der prosperierenden antiken Stadt Laodizea und ihren Kulten – Körperkulten,
Götterkulten, Sportkulten, Konsumkulten. Da kann man Gott ja schon mal vergessen. Habe
ich gesagt, es geht um andere Fragen als heute?
Nun. Weiße Fahrräder. ghost bikes. Erinnerung. Mahnung. Totengedenken. Anfang einer Umkehrbewegung.

Anklopfen. Auftun. Nicht vergessen. Aus uns selbst heraus werden wir nicht andere,
bessere Menschen. Aber Gott setzt uns neu auf die Spur. Fährt am liebsten mit uns Tandem.
Oder er auf der Gabel, wir an den Pedalen? So oder so ähnlich oder wie Sie das Bild gerne
wollen. Jedenfalls so, dass es am Ende leicht ist, leicht werden möge. Buße ist ehrlich. Und hart.
Ist Gericht. Und leicht soll uns dann werden. Und wer einmal angefangen hat umzukehren, das
ist wie Fahrradfahren. Einmal im Rollen. Geht wie von selbst. Auf echten, bunten Fahrrädern.
Gott fährt mit? – Gott kehrt mit um. Jeden Moment neu. Also: aufgesattelt. Amen.