Aus dem Evangelium nach Johannes im 16. Kapitel:

Jesus Christus spricht: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei. Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht in einem Bild. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist. Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Dann hilft nur beten, beten, beten und „wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ Und was, wenn er es mir nicht gibt? Dann kommt die Krise oder es erledigt sich gleich ganz mit dem Gottesglauben und dem Gebetsvertrauen. Ob es an dann an Jesu Namen lag, bezweifle ich. Und was, wenn er es mir nicht gibt? Dann muss ich nicht Gott dafür verantwortlich machen oder das vertrauensvolle Gebet verdammen. Wenn ich nicht erhalte, was ich erbitte – so lauter, nachvollziehbar und herzensnah meine Wünsche auch sind – muss ich mich fragen, ob mein oder das enttäuschte Gebetsverständnis von anderen nicht den einen oder anderen Anpassungsgedanken braucht.
Warum sage ich das so direkt? Ich sage das so direkt, weil es oft zu einem gedanklichen Kurzschluss kommt, wenn vom Gebet die Rede ist. Besser gesagt, es gibt zwei mögliche Kurzschlüsse vom Verständnis des Gebets: Der erste Kurzschluss heißt: Wünsch Dir was. Er wird’s wohl richten. Bei diesem Kurzschluss besteht die die Gefahr, dass die Glaubenssicherung gleich ganz rauskracht und die Verbindung abzubrechen droht. Dieser Kurzschluss kommt dann zustande, wenn Gebete an das Eintreffen von Ereignissen geknüpft werden.
„Lieber Gott, wir bitten Dich, tu dieses oder jenes.“
Wenn es dann so kommt, habe ich – Gott sei es gedankt – Glück gehabt oder mir meine Bitten strategisch gut überlegt. Wenn es nicht so kommt, dann habe ich ein Problem, das ich weglächeln kann oder eben erklären muss. Ganz am Ende so einer Erklärkette kann ich sagen: Dann sollte es eben nicht so sein. Wenn es nicht so sein soll, kann ich es ja gleich lassen, mit dem Beten, was wohl nicht wenige Menschen auch so tun. Hier steht das Gebet eh nicht wirklich in Saft und Kraft. Spreche ich aber in Krankheit, Not und Verzweiflung ein solches Gebet, lege ich alle meine Hoffnung auf Linderung wenn nicht gar Heilung hierein. Was passiert dann, wenn es anders kommt?
Der zweite Kurzschluss im Gebetsverständnis heißt: Pray harder! Bete heftiger, dann wird’s werden! Bei diesem Kurzschluss sind wir gleich beim aufgepumpten Rechthaben. Wenn das „Bete heftiger!“ gesagt wird, sagt es einer zur anderen, die wohl noch Nachholbedarf hat in ihrer Gebetspraxis. Dann werden ganze Nächte durchbetet, in der Hoffnung, dass das Kind nicht schwul bleibt, die Krankheit bald Vergangenheit wird und der Nachbar ein gottgemäßes Leben führen soll. Und wenn es nicht passiert, dann wird gebetet und gebetet und gebetet. Solange man nicht aufhört dafür zu beten, bleibt die Hoffnung am Leben, während das Leben rundherum stirbt.
Diese Kurzschlüsse haben sich eingenistet in unseren Gedanken. Texte und Menschen bringen sie immer wieder zum Zünden. Schon unser Mosetext von eben mit dem halsstarrigen Volk mag dazu verführen zu glauben, dass Gott mit sich feilschen lässt. Ich glaube das nicht. Ich fände es brutal, weil Rettung dann zu einem göttlichen Zufallsgenerator verkommt, der mal anspringt und der einmal versagt – ziemlich oft sogar versagt, wenn wir ehrlich sind.
Worum geht es dann, wenn gebetet wird?
Es geht um Nähe!
Das Evangelium, das uns eben vorgelesen wurde, ist ein Abschiedsgruß. Letzte Worte, bevor Jesus geht. In vier Tagen ist Himmelfahrt: Das ist die hübsche Cousine von Karfreitag und das blasse Brüderchen von Ostern: Jesus lebt, ja er lebt. Weg ist er trotzdem. Entschwunden und enthoben. „Vor ihren Augen“, wie es heißt. Jesus verabschiedet sich mit seinen Worten von denen, die ihm beim Abflug später zuschauen dürfen, mit einem Hinweis. Betet, dann seid ihr mir nah. Betet und ihr werdet meinem Vater zum Anfassen nahekommen. Es geht um Nähe beim Beten und nicht um „Wünsch Dir was“. Wahlen werden von Menschen entschieden, nicht von Gott. Und Menschen entscheiden. Klimaschutzmaßnahmen werden durch Menschen gemacht, nicht von Gott. Und Menschen handeln. Beziehungen zerbrechen – so traurig das ist – durch uns und nicht durch Gott. Beten kann vielmehr, als in uns nur die Hoffnung zu schüren, dass der Weltenlenker jetzt mal ein Machtwort spricht und seinen Zauberstab hier oder da durch die Landschaft fahren lässt. Beten bringt uns zu unserem Ursprung, der Licht ist, der Liebe ist, der Hoffnung ist. Beten bringt uns weg von uns selbst, von dieser Welt. Und es bringt uns wieder zurück.
Ausgesprochen oder dahingeschwiegen legst du im Gebet deinen Willen, dein Wollen und dein Müssen ab, wie eine Jacke. Ausgesprochen oder dahingeschwiegen übst den Gedanken, dass sein Wille geschehen möge, dass sein Licht, seine Liebe und seine Hoffnung dich und dein Leben tragen, komme, was wolle. Und du erhoffst dies nicht nur für dich allein, sondern auch für die anderen. „Dein Wille geschehe“ oder mit Marias Worten gesagt: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ In seine Nähe zu kommen, in seiner Nähe zu bleiben – das ist Sinn, Ziel und Inhalt jedes Gebetes.
Diese Nähe lehrt dich anzuerkennen, dass dein ganzes Leben mit allem Freud und Leid, mit aller Krankheit und Heilung, mit aller Klarheit und Verwirrung, mit aller Liebe und auch dem Hass ein Ganzes ergibt und sich nicht in leicht verdauliche Happen zerbeten lässt. Diese Nähe überbrückt die Distanz zwischen deiner unsichtbaren schönen Seele und unserem unsichtbaren liebenden Gott.
Ich bete nicht, um Gott zu informieren. Er kennt uns und diese Welt.
Ich bete nicht, um Gott zu motivieren. Er weiß, was er will.
Ich bete nicht, um Gott zu aktivieren. Er kann alles.
Gott braucht keines unserer Gebete. Sondern wir beten, weil wir es brauchen.
Wir brauchen die Gebete, um von uns weg und zu Gott zu kommen.
Wir brauchen die Gebete, um zu uns zurückzukommen, wo wir uns verloren haben.
Wir brauchen die Gebete, um weiterzukommen, egal ob uns unser Weg gefällt oder nicht.
Darum betet ohne Unterlass!
Amen