[VORHER GELESEN, Matthäus, Kapitel 20, Verse 1-16]

Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der hier ist und der bleiben wird.

[DIE WOCHE]

Das letzte Tannengrün der Weihnachtszeit verschimmelt immer noch an den Straßenrändern Berlins. Die Spatzen und Tauben kriechen langsam wieder aus ihren Löchern. Die Krähen ziehen abends immer noch kreischend kackend ihre Runden über die Mitte der Stadt. Selig, wer nicht allein unter einem kahlen Baum auf einer Bank sitzt. Während Heidi Klum an der attitude ihrer Mädchen auf Costa Rica feilt und Roland Kaiser die Scherben des Semperopernballs in Dresden zusammenfegt, zieht ein Gewittersturm über die Tannen des Thüringer Beckens. Dammbruch, Skandal, Tabubruch, Verrat, Eklat, der politische Handgranatenwurf von Erfurt. Nicht die Bratwurst ist dran schuld und auch nicht die x-te energiewendebedingte Stromtrasse von Nord nach Süd. Nein, eine Dreigängewahl sorgt für massive Verdauungsbeschwerden – nicht nur im Thüringer Becken. Ein Skandal, der Heidi, Roland und das Berliner Tannengrün im Newsfeed weit nach unten rutschen lässt. Ein Ereignis, das Corona, Waldbrand und Krebsbekämpfung massiv aus der Wahrnehmung verdrängt und dem herannahenden Sturmtief Sabine den Rang abläuft. Die Krähen am Alex wären mir lieber.

[DAS BILD]

Das Gestrüpp und das Laub des Arbeitstages liegen verdorrt in den Weiten des Weinbergs. Die Arbeiter kriechen langsam zwischen den Reben hervor. Sie klopfen sich den Staub von den Schultern und den Hosen und stehen bereit, den Lohn für ihre Arbeit zu erhalten. Sie sind alle da und sie sind kaputt von diesem Tag. Jetzt noch das Geld einsammeln und dann ab nach Hause. Der Mensch, der ihnen diese Arbeit heute verschafft hat und dem der Weinberg gehört, ist längst verschwunden. Wohin, das weiß keiner. Er schickt den Verwalter mit dem dicken Portemonnaie. Er übernimmt die Auszahlung des Lohnes und läutet damit die Feierabendglocke. Die, die erst spät losgearbeitet haben, bekommen ihren Lohn zuerst.  Kurz vor Feierabend sind sie angekommen. Eine Stunde und dann ist auch schon Schluss. Die Letzten bekommen also ihren Silbergroschen als erste bar auf die Hand, stecken ihn ein und ziehen davon. Als nächstes die Teilzeitkräfte mit 66,6% Stellenumfang und zum Schluss die, die 100% und mehr geschuftet haben. Einen Silbergroschen für jeden und perfekt ist der Skandal. Dammbruch – quasi ein arbeitnehmerrechtesprengender Handgranatenwurf, ein Gerechtigkeitseklat im Landwirtschaftsbereich, ein Tabubruch des Grundsatzes gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Die Aufhebung des dreiteiligen Arbeitszeitvergütungsmodells sorgt für massive Magenverstimmung. Selig, wer bei der Anwerbung am Morgen erst einmal die Füße und Hände still gehalten hat.

[DER TAG]

Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. So beginnt es am Morgen.
So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. So endet der Tag.
Dazwischen die Arbeit, die Beschäftigung, das Treiben um mich herum und das Treiben in mir. Der Tag zieht an mir vorüber. Er zieht an mir. Minuten, Momente und Menschen fliehen unbemerkt an mir vorbei. Am Ende des Tages teile ich aus, was ich habe. Am Ende des Tages sammle ich ein, was geblieben ist. Am Ende des Tages bin ich Hausherr, Arbeiterin und Verwalter in einer Person. Ich frage mich:
Habe ich zu wenig genommen und zu viel gegeben oder anders herum?
Habe ich schweigend zähneknirschend hingenommen, was mir serviert wurde oder es direkt zurückgeschleudert?
Habe ich einen Aufstand nach dem anderen produziert, weil einmal wieder niemand meinen Ansprüchen genügte oder einfach die Klappe gehalten?
Was war mir näher? Die Weinberge im Himmelreich oder der versiffte Asphalt der Straßen dieser Stadt?
Am Ende des Tages bin ich Hausherrin, Arbeiter und Verwalterin in einer Person. Und alle diese drei handeln miteinander. Sie feilschen miteinander um Ausgleich, Anerkennung und um Wahrhaftigkeit. Sie wollen nicht sofort in den Himmel und wollen zugleich nicht alles hinnehmen, wie es ist. Sie streiten miteinander. Sie finden Alternativlosigkeiten ätzend. Sie merken, dass ihnen so manches entgleitet und sie zugleich nicht immer machtlos sind. Sie rechten mit- und richten einander und finden nicht immer den gerechten Ausgleich. Sie handeln den Lohn miteinander aus und drucken sich die Währung, mit der sie einander geben und nehmen. Die Währung ihres Tages sind nicht das Geld und nicht die Macht. Die Währung ihres Tages waren im besten Fall Ehrlichkeit und der Blick füreinander. Am Ende des Tages waren sie alle mindestens einmal der Erste und das Letzte. Am Ende des Tages gehen selig ins Bett, wenn ihnen die Erinnerung daran nicht entgleitet. Am Ende des Tages war ich Hausherr, Arbeiterin und Verwalter zugleich.

[DAS LEBEN]

Am Anfang dieser Woche liegt immer noch Tannengrün an den Straßenrändern Berlins. Auch heute kriechen die Spatzen und Tauben wieder aus ihren Löchern und die Krähen drehen kackend ihre Runden über unserer Stadt. Die Stadt – die Weinberg, Himmelreich und Abgrund zugleich ist. Die viele Herren, Arbeiter und Verwalterinnen kennt. Eine Stadt in einem Land und ein Leben in einer Stadt, das Dich permanent vor Entscheidungen stellt. Das Dich zwingt zu entscheiden, so du dich nicht entschieden hast, achselzuckend einmal mehr das Leben nur zur Kenntnis zu nehmen. Ein Leben, das mehr will, als Du Dir zuweilen zutraust. Ein Leben, was dir scharf ins Gesicht bläst, nachdem du die schützend wohltuenden Mauern dieses himmlischen Gotteshauses am Sonntagmittag verlassen hast. Du trittst hinaus in eine Welt, die permanent im Werden ist. Du trittst hinaus und hast Möglichkeiten, auch wenn vieles verkorkst und unbeherrschbar scheint. Du lebst den Traum, den unser Gott uns geschenkt hat. Einen Traum, der keine Grenzen kennt. Einen Traum, der weiter reicht als die Nachrichten dieser Tage. Einen Traum, der Häuser baut mit offenen Türen in den Weinbergen dieser Welt. Einen Traum, der im geteilten Glück und im geteilten Leid den schönsten Lohn des Lebens sieht. Dieser Traum – er fordert viel vom ersten bis zum letzten Moment deines Lebens. Dieser Traum – er macht keinen Unterschied, ob du ihn schon am Morgen oder erst kurz vor’m Feierabend lebst. Dieser Traum – er macht uns alle reich und ist viel größer als jede Angst.

Amen