2. Brief an die Gemeinde in Philippi im 1. Kapitel:

Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschiehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich erwarte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

Liebe Gemeinde,

Sterben ist mein Gewinn. – Doch was gewinne ich, wenn ich sterbe? Wir wissen, was wir verlieren. Unser Leben, das Gott uns gegeben. Aber was wir gewinnen, ob wir gewinnen, wenn wir sterben? Das wissen wir nicht. Kein Mensch weiß, was im Tod geschieht. Doch auf unser Wissen oder Nichtwissen kommt es letztlich nicht an, sondern auf unsere Deutung. Wir können den Tod deuten. Und indem wir den Tod deuten, deuten wir unser Leben.

Wenn ich sterbe, sterbe ich als der, der ich war. Meine Lebenserfahrungen machen mich aus, prägen mich. Das, was ich in meinem Leben glaube wird meines Herzens Sinn. Alles, was ich hoffe und liebe wird zu meiner Lebenswahrheit. Und diese Wahrheit wirkt auch in der Stunde des Todes.

Paulus glaubt an Jesus Christus. Daran, dass Christus auferstanden ist von den Toten. Und er hofft, dass auch er leiblich auferstehen wird. Im Moment äußerster Schwäche kann Paulus sich daher eingebettet fühlen in einen Lebenssinn, der ihm den Himmel aufschließt. Und so kann er sagen: Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn. Die Verbindung mit Christus wird im Leben geknüpft, im Lebensalltag – mit jedem Gebet, mit der Bibel in der Hand und Gottes Wort im Herzen, mit jedem Gottesdienst, jedem Suchen, Ringen, Fragen, Hoffen. Wenn Christus mein Leben ist, dann verliere ich mit dem Tod nicht alles, die Beziehung zu Christus bleibt, sie trägt und reicht hinüber. Dieses Gefühl, das Endlichkeit und Unendlichkeit verbunden sind, ahnen wir unser ganzes Leben hindurch. – In Momenten starker Bewegtheit, bei tiefschürfenden Gesprächen, bei hochfliegenden Gedanken, im Gefühl der Allverbundenheit unter dem Sternenhimmel oder in unberührter Natur. In Momenten der Selbstvergessenheit und Augenblicken zeitloser Zweisamkeit. Wir ahnen dann die Unendlichkeit des Himmels und aller Himmel. Wir ahnen, dass die Liebe uns in diese Richtung zieht. Und diese Ahnung hilft mir zu glauben, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Dass meine Endlichkeit in Gottes Unendlichkeit geborgen ist, dass es neues, anderes Leben geben wird. So geglaubt lässt sich der Satz aussprechen: Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn

Das kulturelle Leitbild, das unsere Gesellschaft prägt, klingt ganz anders: Leben im Hier und Jetzt. Erwarte und verlange alles vom einzigen Leben, das du hast. Führe dein Leben selbstbestimmt und autonom. Entscheide allein, wann es endet. In einer solchen Haltung biege ich all meine Hoffnung herunter auf das irdische Leben und seine Gestaltung. Ich versuche alles in meiner Hand zu halten. Gottes Hand wird ausgeschlagen. Das bedeutet Lebensstress. Und Lebensstress verstellt mir den Blick auf den Himmel, der kommt. Es ist schwer im Sterben zu gewinnen, was ich im Leben verloren habe. Es ist schwer am Ende auf Gott zu hoffen, wenn ich nie seiner Nähe nachspürte. Sterben ohne das Gefühl der Verbundenheit mit Gott, mit dem, was nach mir weitergeht, verliert seinen Sinn. Es gilt als Verlust, nicht als Gewinn.

Natürliches Sterben wird aus dem Alltag unseres Zusammenlebens ausgelagert, heraus aus der Mitte der Familie und Städte, in abgeschirmte Bereiche von Senioren- und Pflegeheimen, Hospizen und Krankenhäusern. Mit dem Verdrängen des Sterbens  wird auch das Bewusstsein des Todes, der eigenen Endlichkeit verdrängt. Der Gedanke, dass ich einmal nicht mehr leben werde und den genauen Zeitpunkt und die Umstände meines Sterbens nicht kenne, dieser Gedanke ist schwer auszuhalten. Es ist beunruhigend, dass des Lebens Grenze jederzeit direkt neben mir verläuft und nur ein kleiner Schritt mich trennt vom Tod. Ich kann verstehen, dass Menschen daran nicht erinnert werden wollen.

In der Zuspitzung hat das dazu geführt, dass wir dem Sterben im Leben kaum mehr begegnen. Zugleich aber treten uns Tod und Sterben in den Medien immer häufiger entgegen. Ohne Krimi geht die Mimi und geht fast kein Fernsehzuschauer mehr ins Bett. Im Internet und innerhalb von Computerspielen wird viel gestorben. Bis zu seinem 18. Lebensjahr hat heutzutage auf diese Weise jedes Kind im Schnitt 20.000 Tote gesehen. Die meisten von diesen inszenierten Toten sterben eines gewaltsamen Todes. Eine Umfrage unter Schülern hat ergeben, dass diese glauben: über 50% aller Tode geschehen gewaltsam. So ist es natürlich nicht. Aber sie haben den Eindruck. Einem real toten Menschen ist bis zum 18. Lebensjahr so gut wie kein Kind begegnet. Und wenn, dann in so überästhetisierter Weise, dass die Toten nicht mehr als Menschen erkannt werden – wie in der Körperweltenausstellung neben unserer Kirche. Das ist Pornographie des Todes. Reale Tote werden als zugerichtete Leichname gezeigt oder als wandelnde Untote bis zum Morgengrauen. Der mediale Tod führt in ein Schattenreich, ins Dunkel.

Natürliches Sterben wird nicht mehr sichtbar, weder medial noch real. Eine hilfreiche, sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Tod kann so gar nicht stattfinden. Sterben kann als Teil des Lebens, als natürlicher Prozess nicht –  oder nur sehr schwer –  angenommen werden. Dabei könnte es doch so entlastend sein, wenn es gelänge, Sterben als etwas Kostbares zu begreifen. Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn. Ich darf irgendwann sterben, ich muss nicht ewig stark, jung und schön sein, kein Held, der gefällt. Nein. Und dort, wo ich sterben kann, bin ich empfindsamer für andere, verzichte ich auf mühsame Illusionen von Perfektion und Gesundheit, wird mir meine Gebrechlichkeit bewusst, werde ich barmherziger, menschlicher. Wir sind Geschöpfe aus Gottes Hand.

Jeder Tag deines Lebens ist ein Tag des Herrn für dich – von deiner Geburt bis zum Tod. Wir verkünden Lebensverheißung, nicht Todessehnsucht. Wir können hier ins Offene leben, von Herzen lebensbejahend, weil wir mit dem Tod nicht einfach verschwinden, weil Christus auferstanden ist. Das ist das Gegenteil von Sterben als Gewinn im Sinne religiöser Fanatiker. Religiös motivierte Terroristen glauben, sie kommen zu Gott, wenn sie andere Menschen und sich selbst töten. Doch Töten ist verboten. In unserer und in anderen Religionen. Gott lehnt jede Gewalt ab. Gott verlangt keine Opfer. Gott schenkt Leben und wünscht sich einen sorgsamen Umgang damit. Leben schützen, Frieden suchen: Untereinander und ebenso mit denen, die anderes glauben. So hat es Jesus gemacht und uns aufgetragen. Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn – nach einem friedliebenden Leben.

Was aber tun, wenn eine schwerkranke Frau unsagbare Qualen leidet und sterben möchte? Vielleicht das: Versuchen, ihre Schmerzen zu lindern, bei ihr sein, sie nicht allein lassen, sie trösten, ihr Sterben begleiten bis sie allein von uns gehen kann. Das braucht Zeit und Kraft, aber es könnte am Ende selbstbestimmter und menschlicher sein als ihr ein Mittel zum Sterben zu verabreichen.

Wir wissen heute so wenig über den Tod wie Paulus damals. Aber wir können ihn deuten. Der apostolische Philosoph Wilhelm Schmidt beschreibt es so: Im Leben spüren wir wieviel Energie – geistig und körperlich – in intensiven Erlebnissen steckt. Am Ende des Lebens zeigt sich, dass diese Energien aus dem Körper entweichen – die geheimnisvollen geistigen aber auch die messbaren, wie Wärme und Bewegungsenergie. Für diese Energie gilt der Energieerhaltungssatz von Helmholtz, wonach Energien in andere Energieformen umgewandelt werden, doch niemals verschwinden. Unsere Lebensenergie ist also auch nach dem Tod noch da, nur in anderer Form. Wo ist sie hin? Vorstellbar ist, dass sie ins Meer aller kosmischer Energie zurückfließt, aus dem heraus dann neue Formen des Lebens mit Energie gefüllt werden, neue Körper, in denen der Tote wieder auflebt. Davor liegt eine Art Seinsschlaf, in dem sich der Tote für ein anderes Leben erholt und die Verletzungen des alten Lebens heilen können.

Diese Deutung des Todes, die ganz ohne Religion auskommt, ermöglicht eine Entlastung des diesseitigen Lebens, weil Unerledigtes gelassen weitergegeben werden kann an das nächste Leben, weil das Leben weitergeht und wir es frei und offen leben können. Paul Gerhardt, dessen Geburtstag wir heute und morgen gedenken, hat das Unsagbare des Todes ganz anders in glaubensstraken, poetischen Bildern gedeutet. Er wusste, wovon er sprach. Sein Lebensweg war gesäumt von Tod und Sterben. Paul Gerhardt wuchs auf in der Zeit des 30jährigen Krieges. Ungeheure Verwüstungen, vielleicht ähnlich dem, was wir heute aus Syrien hören, musste er erleben. Seine Mutter und sein Vater starben vor seinem 15. Lebensjahr. Seine Heimatstadt wurde doppelt zerstört. Später erlebte er mehrere Pestepidemien mit, verlor vier seiner fünf Kinder und seine Frau. Wie kann ein Mensch so viel Leid und Tod ertragen und zugleich so kraftvolle, trostreiche Lieder dichten? Paul Gerhardt konnte das, weil sein Gottvertrauen ihn durch seine Zweifel, durch seine Verzweiflung hindurch trug. Und weil er hoffte, dass ein besseres, ein heiles Leben auf ihn wartet. Ein Leben, in dem er seine Lieben wiedersehen wird bei Gott im Himmel. Trotz Elend und Tod um ihn herum hat er den Himmel nicht verloren. Er glaubte, wie Paulus, dass unser Weg ins Licht führt und so dichtet er: „Wo sollt ein Mensch auch anders hin, als in den Himmel fallen. Kein Tod kann uns töten – sondern Christus öffnet uns das Tor zu den Himmelsfreuden, zum Brunn aller Güter. Dort, wo nichts ist als das geliebte Lieben – dort, da du Christus mich und ich dich leiblich wird umfangen. Also: Warum sollte ich mich grämen? Hab ich doch Christus noch, wer will mir den nehmen? Wer will mir den Himmel rauben?“ Der Tod? Nein – Christus ist mein Leben und Sterben mit ihm mein Gewinn.

Gott allen Trostes. Schenke uns Mut und Kraft unser Leben aus deiner Hand zu nehmen und unser Sterben in deiner Hand zu lassen. Sei du an unserer Seite, hier auf Erden, bei unserem Übergang und im neuen Himmel auch. Amen.