Evangelium nach Johannes, Kapitel 20

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der kommen wird und der bleibt.

Risiko – insbesondere das Ansteckungsrisiko – ist in aller Munde. Risiko und Gefahr sind nicht dasselbe und auch nicht das gleiche. Ein Risiko entsteht erst, wenn ich mit der Gefahr in Berührung kommen könnte. Denken wir einmal an einen Tiger und nehmen an, dass dieser, einem Menschen Schaden zufügen kann. Er stellt damit eine Gefahr dar. Zum Risiko wird er erst, wenn ich ihm begegne und sich kein Sicherheitszaun zwischen uns befindet. Wenn ich also hier im Berliner Dom auf dieser Kanzel stehe und der Tiger in Hamburg auf einer Wiese sitzt, stellt er für mich kein Risiko dar. Also muss ich mich vor ihm auch nicht fürchten, egal wie gefährlich Tiger an für sich sind. Jesus und die Bibel sagen nichts über Risiko. Auch die Theologie hat keine eigene Unterabteilung Risikobewertung. Sie fragt vielmehr danach, was Angst, Gefahr, Endlichkeit, Hoffnung, Ewigkeit und Vertrauen für uns bedeuten. Sie malen Bilder von Menschen, die unabhängig vom Risiko etwas wagen: durch unendliche Meere ziehen, Aussätzige anfassen, die Netze am See liegen-und ihre Vergangenheit loslassen.

Losgelassen haben sie, die Jünger:innen. Der Riss, der sich im Himmel über ihren Köpfen nach Jesu Verschwinden aufgetan hat, nässt nicht mehr wie eine Wunde. Er ist vernarbt und sie pulen langsam den Schorf ab. Sie finden darunter neue rosa Haut. Die Pfingstgeschichte – wohl die beste aller Zeiten – haben wir gestern schon gehört: Sie berichtet vom brausenden Geist – dem Wind, Feuerchen, den Zungen, dem Gelalle und dem süßen Wein. Grenzen zerbersten. Nicht nur die der Sprache. Der Geist verhilft einem jeden, sich selbst im Spiegel und im Gesicht der anderen zu erkennen. Man hielt sie für besoffen. Doch es war ein Anfang, ihr Anfang, unser Anfang. Der Anfang, der uns heute immer noch beten lässt. Der uns unter anderen Umständen Lieder singen lässt. Der unseren Weg miteinander und mit Gott, so gut es geht, ebnet und uns so inbrünstig hoffen lässt, wie der Geist uns eben weht. Ein anderes Pfingsten beschreibt Johannes: Ein leises, ein zartes, eines das mit der Aufforderung zu einem Wagnis endet – ja vielleicht sogar Risiko in sich trägt, so als säße der Tiger direkt vor uns und nicht weit weg. Ein gefährliches Wagnis.

Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Bevor Jesus dieses Wagnis laut ausspricht, erscheint er, als sei durch das Schlüsselloch gekommen, obwohl die Türen und Fenster verschlossen und verbarrikadiert sind getreu dem Hashtag #wirbleibenzuhause – draußen die Gefahr. Ein kurzes Schalom. Er zeigt seine Wunden und Narben. Dann beseelt er sie mit der Geistkraft, die heilig heißt und spricht den Spitzensatz, der über Jahrtausende seine Wirkung entfalten wird: Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Worin liegt nun das Wagnis in dieser Pfingsterzählung?
In der Verantwortung. Jesus geht nicht nur und verspricht etwas. Nein! Er überträgt den Menschen, die anwesend sind, eine immense Verantwortung: Sie dürfen, sollen und müssen
lösen und binden –
vergeben und behalten –
freisprechen und Schuld stehen lassen.
Aus diesen zwei kurzen Arbeitsaufträgen wächst über die Jahrhunderte eine Kirche und es wachsen daraus Beziehungen zwischen Menschen. In ihrer schönsten Form blühen sie als Zuwendung und Vergebung. Eine Seele vergibt der anderen, immer wieder Anfänge zwischen Menschen – zwischen uns – egal wie verletzend ein Mensch auch gewesen ist. In ihrer hässlichen Form wuchern sie als Machtausübung und Erniedrigung von Menschen über Menschen. Vergebung als wohl dosiertes Steuerungsinstrument, das klein und elend macht. Die hässliche Variante ist die wohl geistloseste Entwicklung, die Jesus sein Wort je nehmen konnte. Sie selbst bedarf der andauernden Bitte um Vergebung. Sie ist das Gegenteil von Pfingsten, weil sie Grenzen zieht, die sich wie eine Schlinge um die zarten Kehlen von Menschen legt und einen über den anderen erhebt. Der Geist aber, sein Geist, erfasst alle, die im Raum waren und sein Schalom galt und gilt allen – wirklich allen – so herausfordernd sich das auch hin und wieder anfühlt.

Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Lassen ist schön. Behalten ist hart. Die zweite Hälfte verursacht einen bitteren Geschmack. Die Vorstellung vom Sünden behalten, zerschellt immer wieder am überzogenen Ideal, dass der christliche Weg immer nur Vergebung sei. Hier werden Mensch und Gott vertauscht. Ich urteile anders als Gott. Ich habe nicht immer die Kraft zu unendlicher Vergebung, sondern bleibe gebunden in den Schmerzen und den Dunkelheiten, die ein Mensch dem anderen, die wir einander zufügen. Ja, aus Schuld kann Vergebung und aus Vergebung Versöhnung wachsen. Und zugleich bleibt manche Schuld bis zum letzten Atemzug – zwischen uns – unvergeben, weil es einfach nicht geht. Keine Erklärung. Manchmal geht es einfach nicht. Schließlich bin ich nicht Gott und Du auch nicht. Das ist hart.

Warum überträgt Jesus den Jüngern und damit auch uns diese Verantwortung zu erlassen und zu behalten? Warum legt er dieses gefährliche Wagnis in unsere Hände? Er bindet uns aneinander. Das ist ja der ganze Sinn vom Geist, den wir an Pfingsten feiern. Er spricht aus, was alle im Raum wissen: Wir haben die Macht einander immens zu verletzen und wir haben die Macht einander mehr als zu vergeben. Er bindet uns aneinander und hinterlässt uns damit den größten Trost, den ich mir vorstellen kann: Wahrhaftigkeit!
Ich und Du, Du und ich, wir halten unser beider Leben und unsere zarten Seelen gegenseitig in den Händen. Wir können einander verletzen, hauen, zerstören und haben es nicht einmal immer voll im Griff. Im selben Moment halten wir uns gegenseitig die Seile, die uns durch das Leben miteinander tragen, die uns aufrichten können, wo wir selbst abgestürzt sind, wo wir die Fassung, uns selbst und unseren Gott verloren haben. Jesus spinnt kreuzweise verknüpfte Fäden zwischen dir und den anderen. Sie verletzen dich und du vergibst. Du verletzt und findest vielleicht nicht Vergebung. Beides ist möglich. Beides passiert. Aber das eine schließt das andere nie grundsätzlich aus. Der Tiger sitzt nicht mehr weit weg auf einer Wiese, sondern wir beginnen an Pfingsten mit ihm zu tanzen. Wir halten ihm unsere verwundeten Hände hin, ohne zu wissen, ob er sie ablecken wird oder gleich reinbeißt.

Dieses Netzwerk der gegenseitigen Abhängigkeit einmal erkannt, zeigt uns in ein und demselben Moment unsere größte Verletzlichkeit.  Zugleich macht es uns sensibel für unsere Verantwortung füreinander. Wir bleiben verletzlich und verletzen. Wir brauchen Vergebung und vergeben. Das bindet uns aneinander und das löst uns voneinander, bis dass er kommt. Das Verletzungsrisiko mag hierbei extrem hoch sein und ist es auch. Das Wagnis dabei aber ist eines der schönsten, die dieses Leben und unser Gott uns schenken. Habt Mut und traut dem Geist!

Amen