Liturgische Kleidung im Gottesdienst

In der St. Marienkirche und an unseren weiteren Gottesdienstorten in der Berliner Mitte tragen Liturg:innen und Lektor:innen im Gottesdienst „weiß“, also Albe.

Die Albe ist hervorgegangen aus der römischen Tunika, dem Untergewand aus Leinen oder Wolle, mit dem sich Frauen wie Männer gleichermaßen kleideten. Die Tunika wurde bereits in der Frühzeit der christlichen Kirche auch im Gottesdienst getragen. Die Farbe weiß symbolisiert dabei das Taufgewand von Christinnen und Christen („Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ Galaterbrief 3,27). Anders als der Talar kann die Albe von allen Beteiligten im Gottesdienst getragen werden, also auch von Lektor:innen und Kirchendiener:innen. In den Gottesdiensten und Gebeten unserer Kirchengemeinde tragen ordinierte oder sich im Vikariat befindliche Pfarrpersonen über ihrer Albe die Stola, einen schmalen Stoffstreifen in den Farben des Kirchenjahres (weiß, rot, grün und violett). Die Verwendung der Stola im Gottesdienst wurde schon auf der Synode von Laodicea (im Jahr 372 n.Chr.) erwähnt. Symbolisch gilt die Stola als das Joch Christi, an das sich die Amtsträger:innen im Sinne ihres Ordinationsversprechens erinnern und gebunden fühlen.

In St. Marien und in der Berliner Mitte lässt sich eine lange Tradition der Albe im Gottesdienst bezeugen. Seit dem Bau der Kirche um 1270 über die Reformationszeit bis zum zweiten Weltkrieg wurden weitestgehend Albe, Stola sowie Chorhemd getragen. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg gab es hingegen Phasen, in denen hauptsächlich der Talar im liturgischen Gebrauch war. Seit den 1970er-Jahren wurde die Albe wieder von den Geistlichen in den Gottesdienst zurückgebracht.

In der Reformationszeit blieben im Bereich der lutherischen Kirchen die Messgewänder der katholischen Tradition häufig weiter in Gebrauch. Martin Luther selbst trug zur Feier des Gottesdienstes und zum Abendmahl seine Priestergewänder, nur zum Predigen auf der Kanzel zog er seinen Professorentalar an. Damit wollte er die besondere Bedeutung der Predigt im evangelischen Gottesdienst betonen. Nach der Reformationszeit und in der frühen Neuzeit herrschte in vielen Landesteilen ein „Wildwuchs“ in Bezug auf liturgische Gewänder. Es gab keine Einheitlichkeit und eine Vielzahl von verschiedenen Traditionen. Dies missfiel dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. Im Jahr 1811 führte er qua Kabinettsorder ein, dass die preußischen Pfarrer seiner Staatskirche, die Beamten gleichgestellt waren, den schwarzen Talar analog zu Richtern, königlichen Beamten und Rabbinern tragen sollten. Von da an entwickelte sich der preußische Talar, der bei seiner Kragenform auch Anleihen bei der Militäruniform Preußens nahm, zusammen mit dem Beffchen zur Amtstracht der evangelischen Geistlichen in Preußen. Die Kabinettsorder des Königs enthielt aber auch die Möglichkeit, bestehende Ortstraditionen fortzuführen wie dies in der Berliner Mitte geschehen ist.

Der Talar hat seinen historischen Ursprung im Mittelalter als akademische Kleidung an Universitäten. Durch die Kabinettsorder des preußischen Königs wandelte sich diese Amtskleidung auch zum Gebrauch als liturgisches Gewand. Das Beffchen stammt aus der Tradition der Halskrause (sog. Mühlensteinkragen) sowie des Jabots (Volant am Männerhemd) der bürgerlichen Kleidung. Ursprünglich war das Beffchen zum Schutz des Talares vor dem gepuderten weißen Bart gedacht. Die Form des Beffchens, das aus zwei parallelen Leinenstreifen besteht, orientiert sich bis heute an der Konfession der Trägerin: In der lutherischen Konfession sind die beiden Leinenstreifen unverbunden, in der reformierten Konfession sind sie zusammengenäht. In der unierten Tradition sind sie bis zur Hälfte mittig zusammengenäht. Darüber hinaus hat sich seit der Einführung der Frauenordination die eigenständige Form eines weißen Kragens entwickelt.

Pfarrerin Corinna Zisselsberger in Albe und roter Stola in der St. Marienkirche
Pfarrerin Corinna Zisselsberger in Albe und roter Stola
Pfarrer Eric Haußmann in Albe und Regenbogen-Stola in der St. Marienkirche
Pfarrer Eric Haußmann in Albe und Regenbogen-Stola

Das weiße Chorhemd, das in St. Petri-St. Marien nicht mehr gebräuchlich, aber auf historischen Malereien erkennbar ist, hat sich aus der Albe im Mittelalter in nördlichen Breiten weiterentwickelt: Weil unter der Albe im Winter aus Kältegründen oft Pelzmäntel getragen wurde, wurde die Albe verkürzt, um darüber zu passen. So entstand das Chorhemd.

Die Albe kündigt als liturgische Kleidung wie auch die Antependien an Altar und Ambo von der Hoffnung, Freiheit und Gotteskindschaft aller Menschen. Im Glauben an den auferstandenen Christus führt sie die Osterbotschaft vor Augen und macht diese sinnlich erlebbar.