Hoffnung – Widerstand – Freiheit

Keine Grenze kann Gottes Kinder trennen.
Diese universale Idee Martin Luther Kings ist aktueller denn je. Vor über 60 Jahren, am 13. September 1964 predigte er sie in der Marienkirche, anschließend in der Sophienkirche. Vielfach im Jahr versuchten wir „einen Stein der Hoffnung aus dem Berg der Verzweiflung“ zu schlagen. So wie wir in unserer Gemeinde immer wieder versuchen, seinen Botschaften und seinem universalem Traum gerecht zu werden. Oder einfach nur zu folgen.
Martin Luther King in der St. Marienkirche am 13.09.1964
Als der Regierende Bürgermeister von Berlin und spätere Bundeskanzler Willy Brandt zu Beginn des Jahres 1961 die Vereinigten Staaten besuchte, kam es nach einem Gespräch mit Präsident Kennedy im Weißen Haus zu einem Treffen mit den „Americans for Democratic Action“. Dr. Martin Luther King hielt eine Rede – und Willy Brandt nutzte die Begegnung zu einer Einladung Dr. Kings nach Berlin.
3 ½ Jahre später, im September 1964, folgte Dr. M. L. King dieser Einladung in die geteilte Stadt. Am 12. September, einem Sonnabend, landete Dr. King auf dem Flughafen Tempelhof im Westteil der Stadt. Die 1 ½ Tage seines Aufenthaltes in Berlin waren geprägt durch eine Reihe ‚offizieller’ Anlässe und Ehrungen: Pressekonferenz, Empfang durch den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt und Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Berlin, Eröffnung der Berliner Festwochen mit einer Gedenkrede für den im November 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, Rede zum „Tag der Kirche“ vor gut 20 000 Westberliner Christen, Überreichung des Diploms eines Ehrendoktors der Theologischen Hochschule.
Abseits des offiziellen Programms gestaltete sich dann der Sonntag: In den Morgenstunden des 13. September war es zu einem Schusswechsel an der Berliner Mauer gekommen: ein 21jähriger Berliner hatte versucht, nach West-Berlin zu fliehen. Von fünf Kugeln getroffen und schwer verletzt, konnte er gerettet werden, da es einem amerikanischen Sergeanten gelang, ihn mit einem Seil über die Mauer zu ziehen. Noch am Vormittag suchte Dr. M. L. King die Berliner Mauer auf, dieses, wie er selbst einige Stunden später sagte, „Symbol für die Trennungen von Menschen auf dieser Erde“, das sich an diesem Morgen in seiner grausamen Konsequenz offenbart hatte.
Der Propst der Marienkirche, Heinrich Grüber, war es, der die Anregung und Einladung zu der Predigt Dr. Kings in Ost-Berlin ausgesprochen hatte. Grüber stand seit 1963 in brieflichem Kontakt zu Dr. M. L. King und nahm detailliert Anteil an den Aktivitäten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Allerdings war Heinrich Grüber inzwischen von Seiten der DDR die Grenzüberschreitung verwehrt. An diesem Sonntag fuhr Dr. King nun ohne öffentliche Einladung der Kirche und ohne offizielle Einladung des DDR-Staates in den Ostteil Berlins, um in der Marienkirche am Alexanderplatz einen Gottesdienst zu feiern – das einzige Mal überhaupt, dass er sich hinter den „eisernen Vorhang“ begab. Fast wäre Dr. King die Einreise verwehrt worden, da er keinen Pass mit sich führte. Dieser war ihm abgenommen worden. Erst, als ihn ein Grenzsoldat der DDR zufällig erkannte, konnte er den sog. Checkpoint Charlie passieren. Angeblich diente ihm seine Kreditkarte als Ausweisdokument.
Die Marienkirche hatte man bereits um 19 Uhr, eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes, schließen müssen, da sie mit gut 1500 Besuchern vollkommen überfüllt war. Die vielen vor der Tür Ausharrenden zogen schließlich – wie in einem Demonstrationszug (so die Bemerkung einer Zeitzeugin) – in die benachbarte Sophienkirche, wo sie warteten und Dr. King später am Abend seine Predigt wiederholte.
Für die Ostberliner Christen, die durch ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’ von der Predigt Dr. Kings erfahren hatten, waren diese Stunden ein unvergessliches Ereignis: für sie war es Trost und Ermutigung in dürftiger Zeit. Dr. King lehnte es ausdrücklich ab, Ratschläge für die Verhältnisse in Berlin erteilen zu können.
(Text wurde erstellt unter Verwendung von Auszügen aus einem Vortrag des Theologischen Referenten Roland Stolte zu diesem Ereignis:)
Anbei einige Impressionen aus den Archiven, unseren Jubläumsveranstaltungen und Gottesdiensten.
13. September 1964 : Martin Luther King in Ostberlin
Vom Leben und Wirken des amerikanischen Predigers und Bürgerrechtlers Martin Luther King
Freiheit, Glauben, Bürgerrechte – Von Martin Luther King zum Mauerfall – Von Anne Winter/RadioDrei
Impressionen der Jubiläumsveranstaltungen 2024:












Fotos, wenn nicht anders angegeben, © Guido Vogt
Das Programm 2024 zum Nachlesen und Nachhören:
Donnerstag | 12. September 2024
Sophienkirche 19 Uhr: „Wer nicht liebt, steht vor dem Nichts!“ – Martin Luther Kings Spiritualität als Grundlage seines Kampfes gegen Rassismus und Ungerechtigkeit
Buchvorstellung mit Prof. Dr. Michael Haspel (Autor), Pröpstin Dr. Christina-Maria Bammel (Moderation) und Claudia Tesorino (Saxophon)
Freitag | 13. September 2024
Marienkirche 19 Uhr: Gedenken an Martin Luther Kings Predigt in St. Marien
Olga Karatch, belarussische Menschenrechtsaktivistin und Leiterin des internationalen Zentrums für Bürgerinitiativen Unser Haus (Nash Dom), Bischof Dr. Christian Stäblein, Alan Meltzer, Geschäftsträger der U.S.-Vertretung in Deutschland und Rev. Dr. Marsha Williams, United Church of Christ New York;
Musik: Staats- und Domchor, Leitung: Kai-Uwe Jirka, danach gemeinsamer Weg zur Sophienkirche
Sophienkirche 21 Uhr: „Let my people go“ – Konzert, Zeitzeugen, Dokumente und ein aktueller Blick mit Jocelyn B. Smith – Gesang und Klavier, Schülerinnen und Schüler der Ev. Schule Berlin Zentrum
Samstag | 14. September 2024
Sophienkirche 15 – 18 Uhr: „Mauern der Feindschaft abbrechen“ – ein Fest des Miteinanders und der Verständigung
Information, Aktion, Speis und Trank für jedes Alter mit dem Bündnis Rosenthaler Vorstadt für Demokratie, Vielfalt und Respekt und weiteren Initiativen
Marienkirche 19 Uhr
„Worte vom Frieden, Klänge von Freiheit“ – Lesung und Musik
Bürgerinnen und Bürger der Stadt lesen Texte von Frieden und Hoffnung, Widerstand und Freiheit und hören Saxophon und Klarinette, Gitarre und Orgel
Ekkehard Brewing, Zeitzeuge des Besuchs Martin Luther Kings in der Marienkirche am 13.9.1964, Werner Krätschell, ev. Theologe und Vertreter der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR, Rümeysa Yilmaz, Theologin, Forum Dialog (Islam und interreligiöser Dialog), Jugendliche der Ev. Schule Berlin-Mitte und der Ev. Schule Berlin-Zentrum, Moritz Kirsch, Autor und Sohn der Dichterin Sarah Kirsch
Es musizierten: Kilian Nauhaus (Orgel), Clemens Hoffmann (Saxophon), Salomé Paz (Mezzosopran), Noam Katz (Sopran) und Prof. Raminta Lampsatis (Klavier), Luka Kastelic (Klarinette) und Jure Slapar (Gitarre)
Sonntag | 15. September 2024
Marienkirche 10:30 Uhr: Gottesdienst in liturgischer Gastfreundschaft mit den
Geistlichen des House of One mit Markus Meckel, Außenminister a.D. (Predigt), MarienVokalensemble, Marienkantorin Marie-Louise Schneider (Leitung)
Sophienkirche 10:30 Uhr
Festgottesdienst im Gedenken an Martin Luther King mit Rev. Dr. Marsha Williams, Leitende Geistliche der UCC (United Church of Christ) New York (Predigt)

Aspekte Amerika und Deutschland vor der USA-Wahl 2024*
*Interview mit Pfarrer Michael Kösling in der Marienkirche zu Martin Luther King beginnt Min. 19:48