Was wir feiern
Am 12. Mai 1723 war es endlich so weit: die neue Orgel in der St. Marienkirche, die Joachim Wagner erbaut und bereits zwei Jahre vorher fertiggestellt hatte, wurde offiziell abgenommen. Dieses wichtige Ereignis ist nun 300 Jahre her und Grund genug für Kirchengemeinde und Musikfreunde, diesen Anlass musikalisch-feierlich im Rahmen einer Festwoche zu begehen.
Das historische Erbe der Stadt Berlin hat leider in so hohem Maße gelitten, dass nicht viele Zeugnisse des 18. Jahrhunderts erhalten geblieben sind. Die alten Pfeifen der Marienorgel gehören zu den Überlebenden dieser Geschichte und sind aktuell die ältesten Pfeifen auf dem Berliner Stadtgebiet.
Wen wir feiern
Im Jahre 1721 stellte Joachim Wagner, damals 31-jährig, seine erste eigene Orgel in der St.Marienkirche in Berlin fertig. Es ist erstaunlich, dass er den Auftrag erhielt, eine so große Orgel als Meisterstück zu erbauen, ohne zuvor sein Können unter Beweis gestellt zu haben. Zwei seiner Brüder bürgten für ihn, doch ausschlaggebend dürfte gewesen sein, dass er unmittelbar davor für zwei Jahre Geselle Gottfried Silbermanns war und ihn seine einstigen Magdeburger Lehrmeister Christoph Treutmann und Matthäus Hartmann protegierten. Hier startete er eine große Orgelbauerkarriere. 1723 fand die offizielle Abnahme des 40 Register umfassenden Instrumentes statt.
Abbé Vogler ließ 1800 die Wagner-Orgel durch den Orgelbauer Johann Friedrich Falckenhagen simplifizieren, wobei etwa ein Drittel der Pfeifen entfernt wurde. Es folgten 1813 die Wiederherstellung des alten Klangs durch Johann Simon Buchholz, 1830 eine Dispositionsänderung durch Carl August Buchholz, 1892/93 eine Erweiterung durch die Firma Schlag & Söhne sowie 1908 eine Umstellung auf pneumatische Traktur von Wilhelm Sauer.
Die St. Marienkirche blieb von Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschont, sodass auch die Orgel überleben konnte. In den folgenden Jahren arbeitete die Firma Alexander Schuke einige Male an der Marienorgel, beseitigte Schäden durch den Krieg, elektrifizierte die Traktur, entfernte Register aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und orientierte sich wieder am Ursprung von 1721. Diese Mischung vieler Umbauetappen und die zunehmende Fehleranfälligkeit (besonders nach dem strengen Winter 1996) führten zu einem lauter werdenden Ruf nach einem Orgelneubau. Diesen führte die Straßburger Firma Daniel Kern unter Verwendung aller noch vorhanden alten Pfeifen und des Prospektes 2002 aus. In 22 der nun 45 Register gibt es alte Pfeifen, einige davon sind sogar nahezu komplett alt; der Prospekt hat sich fast vollständig erhalten. Die fehlenden Pfeifen wurden rekonstruiert, ganze Register und die technische Anlage nach alten Wagnervorbildern neu gebaut. Mit der Erweiterung des Tonumfangs und der Disposition um 5 Register, sowie der Veränderung der Tonhöhe und der Manualverteilung wich man aus Gründen der Musizierpraxis bewusst vom Vorbild ab. Dieser Neubau wurde mit Beginn der „Orgelfestwochen“, die unter der künstlerischen Leitung der damaligen Marienorganistin Martina Kürschner vom 12.–26. Mai stattfanden, geweiht.
Wie wir feiern
Aufbauend auf die Ereignisse vor 21 Jahren findet wieder eine Orgelfestwoche statt, in der die
Orgel in einen Dialog mit anderen Künsten und Religionen tritt, in der Nachwuchs gefördert wird
und in der die Orgel in ihrer konzertanten und liturgischen Bestimmung in Erscheinung tritt.






