„Welche Schauspiele und Beispiele des Zorns und der Barmherzigkeit haben wir gesehen …“

Die Reformationszeit in dem Briefwechsel des Reformators Philipp Melanchthon mit dem Berliner Propst Georg Buchholzer - Skript der Lesung am 4. November 2016 in der St. Marienkirche
im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Reformation(en) - Aufbrüche in der Mitte der Stadt"

Philipp Schwarzerdt war 12 Jahre alt, als er am 15. März 1509 den Namen erhielt, mit dem er berühmt werden sollte. Er erhielt seinen Namen nicht von irgendjemandem, sondern von dem größten deutschen Gelehrten seiner Zeit, von Johannes Reuchlin. Der junge Philipp hatte auf Wunsch Reuchlins lateinische Verse verfasst, die den großen Humanisten so sehr überzeugten, dass er ihm bei einer Schulfeier seinen Doktorhut verlieh: „Schwarzerdt heißt du, ein Grieche bist du, griechisch soll auch dein Name lauten und so nenne ich dich Melanchthon, das heißt so viel wie schwarze Erde.“ Was für eine Ehre, symbolisch in den Kreis der Humanisten aufgenommen zu sein, bekräftigt durch das Geschenk einer griechischen Grammatik, signiert mit einer persönlichen Widmung Reuchlins, des großen Gelehrten!
Er ehrte aber den Richtigen, denn Philipp war herausragend begabt, besonders in den Sprachen. Schon in den Jahren zuvor hatten seine Lateinkenntnisse bei durchreisenden Studenten höchstes Erstaunen hervorgerufen; Kenntnisse, die er bei einem Privatlehrer erworben hatte: „Ich musste zwanzig oder dreißig syntaktische Regeln lernen. Ich durfte nichts auslassen. So oft ich einen Fehler machte, schlug er mich, aber mit Maßen. Er war ein prächtiger Mann. Er liebte mich wie einen Sohn und ich ihn wie einen Vater. Ich liebte ihn trotz seiner Strenge, die doch keine Strenge mir gegen-über, sondern väterliche Züchtigung war.“

Philipp war so begabt, dass er für alles, was er nun auf seinem Bildungsweg tat, eigentlich zu jung war: mit 12 Jahren Beginn des Studiums an der Universität Heidelberg, mit 13 die erste Publikation als Verteidigung der scholastischen und neueren Theologie in einem elegischen Versmaß mit wörtlichen Anklängen an den antiken Dichter Properz; mit 14 der erste akademische Abschluss mit Bravour. Daneben war er - mit 14 Jahren – Betreuer adliger Studenten und verfasste Auftragsreden, die die Heidelberger Professoren vortrugen. Dann mit 15 Jahren der Wechsel nach Tübingen, die Magisterprüfung zwei Jahre später. Damit hatte Philipp eine Lehrbefugnis erlangt, zugleich beschäftigten ihn Fächer und Themen, die ihn sein Leben lang nicht loslassen sollten: die alten Sprachen Griechisch, Latein und Hebräisch, Übersetzungen antiker Autoren, Geschichte, Poesie, Mathematik und Astronomie. Eine kommentierte Ausgabe des Komödiendichters Terenz fand eine begeisterte Aufnahme bei dem zweiten großen Humanisten dieser Zeit, Erasmus von Rotterdam: „Beim unsterblichen Gott, welche Hoffnung auf sich erweckt nicht auch Philipp Melanchthon, gerade ein Jüngling, ja fast noch ein Knabe, bewundernswert beinahe gleichermaßen durch beide Sprachen! Welche Schärfe der Erfindung! Welche Reinheit und Zierlichkeit der Rede! Wie viel Erinnerung an abgelegene Dinge! Welch vielseitige Belesenheit! Welch gedämpfte Feierlichkeit einer wahrhaft königlichen Begabung!“

Über Melanchthons Briefwechsel werden wir gleich noch mehr erfahren. In die Tübinger Zeit fällt der erste erhaltene Brief – und er führt uns wieder zurück zu Johannes Reuchlin, der in den Tübinger Jahren Melanchthon Mentor und geistiger Wegweiser war. Der genannte Brief des 17Jährigen ist, wie wir heute sagen würden, ein „offener Brief“, Teil des Vorworts der „Clarorum virorum epistolae“, der „Briefe berühmter Männer“, durch die Reuchlin in einem Aufsehen erregenden Streit um die sogenannten „Judenbücher“ Rückendeckung erhalten sollte: ab 1507 hatte der zum Christentum konvertierte Jude Johannes Pfefferkorn begonnen, die Bücher der Juden, die sie angeblich in ihrem Unglauben gefangen hielten, zu konfiszieren und zu verbrennen. Zunächst gedeckt durch kaiserliche Mandate, wurden 1510 Universitäten und Gelehrte durch den Kaiser um Gutachten in dieser Frage ersucht. Auch um ein Gutachten gebeten wurde Reuchlin, der 1510 seinen „Ratschlag, ob man den Juden alle ihre Bücher nehmen, abtun und verbrennen soll“ verfasste. Reuchlins Antwort war ein klares und gut begründetes „Nein“, das einen zehnjährigen Streit auslöste, der mit einer päpstlichen Verurteilung der Position Reuchlins endete und einen dunklen Schatten auf die letzten Lebensjahre des Humanisten warf.
Melanchthon zeigte sich in seinem Brief als vehementer Unterstützer Reuchlins, den er als „Bannerträger der deutschen Studien“ würdigte. Es verwundert deshalb nicht, dass Melanchthon in den satirischen „Obscurorum virorum epistolae“, den berühmten „Dunkelmännerbriefen“, die publizistisch europaweit Furore machten, seinerseits als „schlimmster Reuchlinianer“ eine Würdigung erfuhr.
Bei allem unglaublichen Fleiß, den Melanchthon in Tübingen an den Tag legt, scheint er nicht ganz glücklich gewesen zu sein: Am Herzen liegt ihm die Bildung, das weiß er: „Es kann kein Zweifel bestehen, daß der Lebensform des Lehrens und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt.“ Zugleich sieht er aber den Bedarf nach neuen Wegen: „Die Studien, die Verstand und Sitten bilden sollten, sind vernachlässigt, von umfassendem Wissen ist nichts vorhanden; was man Philosophie nennt, ist leerer, unfruchtbarer Trug, der nur Zank erzeugt. Die wahre Weisheit, die vom Himmel kam, um der Menschen Sinne zu lenken, ist verbrannt.“ Tübingen schien damit seinen Reiz verloren zu haben: „Ich bin hier zwar sehr beschäftigt, tue aber trotzdem nichts. Unter Knaben werde ich wieder zum Knaben.“
Damit müssen wir ein drittes Mal auf Johannes Reuchlin zurückkommen. Denn nochmals ist er entscheidend für Melanchthons Lebensweg. Kurfürst Friedrich der Weise hatte Reuchlin bei einer Hochzeit getroffen und ihn gefragt, ob er nicht jemanden empfehlen könne für die neu geschaffene Griechisch-Professur an der aufblühenden Wittenberger Universität. Martin Luthers Favorit, ein Gräzist aus Leipzig, hatte abgesagt – aber Reuchlin konnte mit bestem Gewissen dem Kurfürsten Melanchthon ans Herz legen: „Unter den Deutschen kenne ich keinen, der ihm überlegen ist.“

Und so kam Melanchthon im Sommer 1518, 21jährig, als Professor für griechische Sprache und Literatur nach Wittenberg. Drei Tage nach seiner Ankunft hielt er seine Antrittsvorlesung „Über die Notwendigkeit, die Studien der Jugend neu zu gestalten“, ein leidenschaftliches, rhetorisch brillantes Plädoyer, im Rückgang zu den Quellen einen Zugang zu den Dingen in Recht, Theologie und Philosophie neu zu gewinnen und sich dabei mutig des eigenen Verstandes zu bedienen.
Das Auditorium war beeindruckt, Martin Luther eingeschlossen: „Lass dir den Philippus, den besten Griechen, den gelehrtetsten und gebildetsten Mann, dringend empfohlen sein. Er hat den Hörsaal voll Hörer.“

Es lässt sich leicht ersehen, dass Melanchthon, seiner Auffassung von Bildung getreu, leicht einen Zugang finden musste zu Martin Luthers eigenem Rückgang in die biblischen Texte als den Quellen des christlichen Glaubens. Von diesem Bildungsideal ausgehend wurde Melanchthon hineingezogen in die reformatorische Bewegung, tastend und lernend, und dann zugleich die Bewegung prägend wie sonst niemand außer Luther selbst. Melanchthon tat es als Lehrender an der Universität, antike Autoren ebenso behandelnd wie als Ausleger biblischer Bücher; er tat es als Bildungsreformer im Dienste vieler Universitäten und neuer evangelischer Schulen; er tat es als Organisationstalent, der die Neuordnung kirchlichen Lebens in ganz Europa tatkräftig prägte und begleitete; er tat es als Schreibender, der schon 1521 eine erste Zusammenschau evangelischer Lehre verfasste, der Luther höchste Bewunderung zollte; und er tat es als Kirchenpolitiker, der schon in jungen Jahren gegenüber dem Kaiser und den Fürsten, da Luther geächtet war und das Territorium seines Kurfürsten nicht verlassen konnte, als Haupt der Wittenberger aufzutreten sich gedrängt sah.

Philipp Melanchthon – ein großer Gelehrter mit einer Ehrfurcht einflößenden Weite des Horizonts und doch zugleich ein großer Praktiker mitten im Leben, bewundernswert darin, wie wenig wichtig er sich selbst nahm und gerade darin für seine Zeit so prägend wurde.
In ihrer Verschiedenheit und in der gegenseitigen Würdigung ihrer Verschiedenheit waren sich Luther und Melanchthon einander so wichtig. „Ich bin dazu geboren“, so Martin Luther, „das ich mit den rotten und teuffeln mus kriegen und zu felde ligen, darumb meiner bücher viel stürmisch und kriegerisch sind. Ich mus die klötze und stemme ausrotten, dornen und hecken weg hawn, die pfützen ausfullen und bin der grobe waldrechter, der die ban brechen und zurichten muss.
Aber Magister Philipps feret seuberlich und still daher, bawet und pflantzet, sehet und begeust mit lust, nach dem Gott yhm hat gegeben seine gaben reichlich.“

Georg Buchholtzer, der Reformator Berlins, war kein „Wunderkind“ wie Melanchthon. Wohl einige Jahre nach Melanchthon, bald nach 1500, geboren, wissen wir mit Ausnahme seines Geburtsorts in Dahme in der Mark nichts über seine Kindheit und frühe Jugend.
Wir wissen aber, dass er mindestens von 1524 bis 1526 in Wittenberg Theologie studiert hat und hinfort als überzeugter Anhänger der Reformation über das intellektuelle Rüstzeug für die theolo-gischen Auseinandersetzungen seiner Zeit verfügte.
Buchholtzer wurde Pfarrer, zunächst für ein Jahr in dem Ort Buckow in der Nähe von Dahme. Buckow gehörte zum Erzstift Magdeburg unter Kardinal Albrecht, der in seinen Territorien jegliche reformato-rischen Tendenzen strikt ablehnte und zu unterdrücken versuchte, ganz wie sein Bruder Joachim I., Kurfürst von Brandenburg. Pfarrer evangelischen Bekenntnisses in diesen Landen zu sein, war also alles andere als ungefährlich. Als 1526 Kurfürst Joachim I. vor Jüterbog erschien und den Prediger herausgelockt und gefangen genommen hatte, verbarg sich Buchholtzer für einige Zeit in seinem Haus, da auch ihm nachgestellt wurde. Schließlich, als ihm als lutherischer Pfarrer ein Arbeiten kaum noch möglich war, wechselte er in das wenige Kilometer entfernte kursächsische „evangelische“ Gebiet in den Ort Schöna. Obwohl er dort, wie er schrieb, als ein Daniel in der Löwengrube von katholischen Amtskollegen umgeben war, konnte er gefahrlos im reformatorischen Sinne wirken.
Der Lohn war karg, sodass nebenher vier Hufen Land zu bewirtschaften waren: „habes aber iczt der ernte mit den Schnittern, Harckern und meyern verthon. Der wegen ist meyn bitten, wolt doch gedult tragen bis auf assumpcionis marie, bis das ich meyn getreide in die schewne ubernommen.“ Immerhin scheint Buchholtzer so gut gewirtschaftet zu haben, dass er allein in den Jahren 1526 und 1527 48 Buchtitel von einem Studienfreund erbitten konnte, vor allem die Werke Luthers und Melanchthons. Auch auf der Basis solcher Lektüre, die für den damaligen Pfarrerstand keinesfalls den Normalfall darstellte, erwarb Buchholtzer über seine Pfarrei hinaus den Ruf, ein begeisternder Prediger zu sein.
Die Herausforderungen waren, neben den katholischen Amtsbrüdern, auch ganz elementar, wie es in einem Visitationsbericht von 1529 heißt: „Doselbst zu Schöna und Colpin, wie der pfarrer bericht, sollen etlich bauern sein, die Got den hern offentlich unverschampt lestern, sagend: was predigt der loße pfaff von Got? Wer weiß, wer Got ist, ob auch ein Got sei? Er wird ie auch ein anfang und ende haben. Wie die lesterlichen buben uberwunden und antroffen, soll der ambtman sie gefanglich annemen und sie ufs ernstlichst nach der scherf nach lantrecht strafen.“ – das heißt mit der Todesstrafe…

Nach 11jähriger Amtszeit in Schöna, nach Heirat und der Geburt dreier Söhne, erfolgte nach einem kurzen Intermezzo in Arnswalde 1539 die Berufung durch Kurfürst Joachim II. nach Berlin an die Propstei St. Nikolai/St. Marien. Die Berufung war als ein deutliches Signal des Kurfürsten zu verstehen, der Forderung der Stände und der Berliner Bürger auf eine Einführung der Reformation im Brandenburgischen entgegenzukommen. Buchholtzer hat sie dann auch rasch vollzogen, wie er selbst in einer Buchwidmung im Jahre 1561 beschreibt: „Datum Anno 1561 am tage aller heiligen, da im 1539 jare das Euangelium am ersten zu Cölln an der Sprew von mir offentlich ist geprediget und das Sacrament des Leibs und bluts Jesu Christi allen Christen, so es nach seiner aussetzunge haben begert, ist gegeben und gereicht worden. Darumb sey Gott Lob, Ehr, preis und danck in Ewigkeit, Amen.“

Die weitere Einführung der Reformation in Berlin und Brandenburg hat Propst Buchholtzer maßgeblich beeinflusst und eigenständig geprägt - durch seine Skepsis etwa gegenüber der Märkischen Kirchenordnung, die die Grundlage bildete für die großen Kirchenvisitationen im gesamten Kurfürstentum, mit denen das kirchliche Leben eine Neuordnung erfuhr. In Abgrenzung von der Kirchenordnung verfasste Buchholtzer eigene liturgische Formulare für die Taufe und die Ehe, die dem lutherischen Geist enger verbunden bleiben sollten. Über Berlin hinaus fanden sie über viele Jahre hinweg Verwendung. Interessiert und sorgfältig verfolgte Buchholtzer zudem die theologischen Auseinandersetzungen und kirchenpolitischen Ereignisse seiner Zeit, in einem Maße streitbar beteiligt vor allem in Berlin und Frankfurt/Oder, dass ihn schließlich der Kurfürst nach 26 Amtsjahren von seinem Propstamt absetzte.

Neben dem theologisch-Inhaltlichen besaß für den Berliner Propst auch die kirchliche Verwaltungs-tätigkeit einen erheblichen Stellenwert. Als ständiges Mitglied im Geistlichen Konsistorium galt es, Vermögens-, Disziplinar- und Aufsichtsfälle zu beurteilen. Da im Zuge der Reformation das Konsistorium nach dem Vorbild des Wittenberger Konsistoriums strukturiert werden sollte, wurde Buchholtzer 1545 durch den Kurfürsten beauftragt, nach Wittenberg zu reisen, um die gerade fertig gestellte Sächsische Konsistorialordnung nach Berlin mitzubringen. Diese Reise Buchholtzers verdiente nicht unser besonderes Interesse, hätte nicht dabei die Verbindung des Propstes zu Philipp Melanchthon eine neue Tiefe gewonnen. Nach diesem Besuch setzt der Briefwechsel zwischen beiden ein.

Melanchthon und Berlin
„Nati sumus ad mutuam communicationem“ – „Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren.“ So proklamierte es Melanchthon, um fortzufahren: „Weshalb das? Etwa, um nur Liebesgeschichten vorzulesen, auf Gastmählern zu wetteifern oder um darüber zu reden, wie man mit Verträgen durch Kauf, Verkauf usw. am besten Geld scheffeln kann? Nein! Die Menschen sollen einander über Gott und die Aufgaben der Ethik unterrichten. Das wechselseitige Gespräch möge in guter Gesinnung erfolgen, d. h. es soll eine wirklich angenehme Auseinandersetzung über diese grundlegenden Dinge sein.“
Solcherart Kommunikation vollzieht sich nicht zuletzt durch Briefe – und Melanchthons Briefwechsel gewinnt dadurch seine besondere Bedeutung: der Brief ist nicht nur ein beliebiges äußerliches Instrument, sondern Ausdruck der dialogischen Existenz des Menschen. Er ist in schriftlicher Gestalt „wechselseitiges Gespräch in guter Gesinnung“. Nicht in einer stilisierten Form zum Zwecke einer Selbstinszenierung – Melanchthon war alles andere als ein „Agent seiner eigenen Bedeutsamkeit“, sondern als der freimütige Austausch unter freundschaftlich verbundenen Geistern.
Für Melanchthon kam noch eine ganz persönliche Dimension hinzu. In Sorgen und Trauer zog er sich in die Einsamkeit zurück und öffnete sich, wenn überhaupt, im brieflichen Gespräch. Auch hier der Unterschied zu Luther, wie ein Zeitzeuge zu berichten weiß: „Die Unverschämtheit des Sabinus regte Melanchthon so sehr auf, dass er keinen Trost an sich heran ließ, sondern jeden Umgang mied. Deshalb sprach Luther voll Mitgefühl viel mit Doktor Cruciger, Zoch und Milich über dessen Elend und Traurigkeit und dass er in seiner Niedergeschlagenheit die Einsamkeit liebe, obgleich er doch das Gespräch mit Menschen suchen müsste: ‚Frißet im sein hertz.‘ Ich aber, so sagte er, erdulde oft größte Anfechtungen und Trauer; dann aber suche ich das Gespräch mit Menschen, weil nämlich häufig mich sogar die geringste Magd getröstet hat.“ Melanchthons Trost war das Briefeschreiben…
Und Melanchthon war ein großer Briefeschreiber. In aller Herrgottsfrühe, wenn er, wie so oft, nicht mehr schlafen konnte und bevor um 6 Uhr bzw. im Winter um 7 Uhr die Vorlesungen begannen, schrieb er Briefe, die ihn mit Personen und Orten in ganz Europa verbanden. Die Zahlen sind imposant: das Briefcorpus Melanchthons umfasst 9780 Nummern, knapp dreimal so viel wie die erhaltenen Briefe Luthers. Auch wenn die meisten der Briefpartner in Deutschland lebten, von Konstanz bis Flensburg und von Aachen bis Zwickau, verband der Briefwechsel Melanchthon mit Briefpartnern in weit über 500 Städten in ganz Europa: von London und Cambridge in England über Gent und Brüssel in Belgien, Rumänien, Nantes und Toulouse in Frankreich, Florenz, Mantua, Rom, Turin und Venedig in Italien, bis hin nach Riga in Lettland und nach Rumänien, ja sogar bis Istanbul.

Insgesamt 1195 unterschiedliche Empfänger hat man gezählt. Philipp Melanchthon – ein Europäer im Geiste im 16. Jahrhundert. Wie groß die Vielfalt von Namen und Themen, Zusammenhängen und Ereignissen in dem Briefwechsel ist, zeigt eine letzte Zahl: in dem Briefwechsel kommen gut 7500 Namen von historischen und zeitgenössischen Personen vor, Zeugnis gleichermaßen der Größe des Netzwerks Melanchthons wie seines Bildungshorizonts.
In diesem Geflecht der Städte und Namen ist die kleine, ungefähr 11.000 Einwohner zählende Handelsstadt Berlin nur eine neben vielen; keine Schönheit, mit viel Unrat auf den ungepflasterten Straßen, aber mit den schönen Stadtkirchen St. Petri, St. Nikolai und St. Marien, mit der Franziskaner- und der Dominikanerkirche und mit einem zunehmend prächtiger ausgebauten Schloss, in dem die Kurfürsten residierten. Während Luther nie in Berlin war, wissen wir von zwei Besuchen Melanchthons in der Stadt in den Jahren 1535 und 1538. Der zweite Besuch diente ausführlichen Konsultationen mit Kurfürst Joachim II. im Vorfeld der Einführung der Reformation im Brandenburgischen.
Melanchthon zeigt sich dementsprechend auch in seinem Briefwechsel nach Berlin gut informiert und in viele Vorgänge einbezogen: Mit dem Kurfürsten Joachim II., der seine Briefe an Melanchthon mit der hochschätzenden Wendung „Hochgelarter, lieber, besonder“ beginnt, werden Stellenbesetzungen an der Universität Frankfurt/Oder ebenso erörtert wie theologische Fragen der Praxis des Abendmahlsempfangs. Der Berliner Kanzler Johannes Weinleben wurde brieflich zu Schul- und Universitätsthemen genauso hinzugezogen wie Thomas Matthias, mit dem nebenher auch ein Sophokles-Fragment Gegenstand des Austauschs war. Mit dem Lehrer Thomas Hübner wurde kurz über die Erziehung des Prinzen Joachim Friedrich korrespondiert – und Hübner vermeldet, dass er den Prinzen zu einem Brief an Melanchthon bewegen konnte und sich der Prinz dann auch noch entschlossen habe, mit dem Brief zusammen dem Wittenberger Reformator einen Keiler zu schenken. Bedeutsam ist sodann der Briefwechsel mit Johannes Carion, dem Hofastronomen von Kurfürst Joachim I., der in einem Maße die Wertschätzung des katholischen Kurfürsten genoß, dass er als Lutheraner nicht wie viele andere des Landes verwiesen wurde, sondern am Hofe seine astrologischen und historischen Studien treiben durfte. 1531 schickte Carion Melanchthon das Manuskript einer Weltchronik, die Melanchthon in der Folgezeit umfangreich bearbeitete.
Und natürlich gab es schließlich die umfassende Korrespondenz Melanchthons mit Georg Buchholtzer. Sie bildet das größte Konvolut innerhalb der ‚Berliner Briefe‘ Melanchthons – neben 10 Briefen Buchholtzers sind etwa 100 Briefe Melanchthons überliefert. Sie werden und gleich beschäftigen…

Der Briefwechsel: Aus Theologie und Gesellschaft
Die Briefe zwischen Buchholtzer und Melanchthon waren in der Hauptsache natürlich der Ort, sich ihrer Haltungen und ihres Handelns zu vergewissern. Durch viele Briefe zieht sich das wie ein Leitmotiv.

Melanchthon an Buchholtzer am 21. April 1547:
„Die ganze Lehre des Evangeliums ist Gottes geheimer Beschluss, hervorgegangen aus dem Schoß des ewigen Vaters, vom Sohn, unserem Herrn Jesus Christus, der deshalb der Bote des großen Ratschlusses heißt. Und keinem Geschöpf ist es erlaubt, an diesem Beschluss eine Veränderung vorzunehmen. Deshalb habe ich niemals die Absicht gehabt, neue Lehrsätze zur Welt zu bringen, sondern ich habe mit frommem Eifer und gutem Gewissen die wahre und alte Lehre gesucht. Und weil anfangs die Lehre sich mit hin und her wogenden Erörterungen erheblich verzettelt hat und Vieles von Vielen unpassend gesagt wurde, habe ich die Summe der Lehre mit einem eigenen, die Lehre betreffenden Predigtteil auszulegen mich bemüht, die Übrigen ermunternd, die jeweilige Eigentümlichkeit zu lieben, und ich hoffe, dass diese meine Arbeit eine Zeit lang für die Eintracht der Gemeinden an vielen Orten nützlich gewesen ist.“

Wichtig war Melanchthon die Genauigkeit und Klarheit der Rede.

Am 6. Juni 1548 an Buchholtzer:
„An den ehrwürdigen Mann, dem an Bildung und Frömmigkeit hervorragenden Herrn Georg Buchholtzer, dem Propst der Gemeinde Gottes in der Bärenstadt, dem zu ehrenden Freund. Ehrwürdiger Mann und gnädigster Freund. Viele gute und kluge Menschen können beurteilen, dass mein Eifer nicht sehr groß gewesen ist, so dass, wenn von Anderen viele und große Kontroversen begonnen wurden, bei denen vieles ungeordnet gesagt wurde, eine Klarstellung vonnöten war mit einer eigenen Erörterung, notwendig für die Unerfahrenen und nützlich für den Frieden. Was eine Zweideutigkeit immer für Zwietrachten hervorgebracht hat! … Weder werde ich die Art der Lehre verändern noch werde ich die Sorge um das eigentliche und richtige Reden ablegen.“
Am 4. August 1548 an Buchholtzer:
„Verehrungswürdiger Herr und teuerster Freund. Schon oft habe ich gedacht, es werde irgendwann so kommen, was jetzt geschieht, dass die Fürsten mit politischer Weisheit die Meinungsverschieden-heiten auf diese Weise aufheben, dass sie gewisse Kleinigkeiten entweder den Zeiten oder der Neigung des Volkes überlassen, die gewichtigeren Dinge aber mit zweideutigen Hüllen verstecken und sie so in ihrer Kraft des Irrtums bewahren. Ähnliches läuft oft in den Kirchen ab.“

Rechtes Reden ist auf Eindeutigkeit aus, die in Eintracht mündet; Zweideutigkeiten und Spitzfindigkeiten sind Redeweisen ohne Zukunft, die Zwietracht säen.

Am 25. März 1559 an Buchholtzer:
„Ehrwürdiger Mann und liebster Bruder. Ich habe nicht behauptet, ich hätte eine Erscheinung gehabt, die mir den Tod angekündigt hätte, aber ich habe es von einem anderen Bürger gesagt, der vor einigen Jahren gestorben ist. Er ist ein achtbarer und gelehrter Mann gewesen, auch nicht unfromm, Mühlpfort hieß er, der einige Tage vor seinem Tod, obwohl er sonst eigentlich einen unverdorbenen Verstand hatte, behauptete, er habe eine Erscheinung gehabt, die mir ähnlich gewesen sei, die ihn in seiner Krankheit getröstet und den Tag vorhergesagt habe, an dem das Ende der Krankheit und des Lebens eintreten werde. Und das Schicksal wird antworten.
Ich vertraue mein Leben Gott an und werde mich lieber auf die so überaus angenehme Erfahrung Gottes, Christi und der himmlischen Kirche einstellen, wo nicht das Blendwerk der Spitzfindigkeiten geübt wird; wie jetzt in diesem Leben Viele meinen, Spitzfindigkeiten zu ersinnen sei ein Ruhm des Genies.“

Fragen der Sprache, des Sprachgebrauchs und der Übersetzung werden demgemäß mit großer Sorgfalt in den Briefen behandelt.

Am 9. Juni 1551 an Buchholtzer:
„An Georg Buchholzer, den Hirten der Berliner Gemeinde.
Als ich die lateinischen Blätter über das Aussehen und die Gestalt unseres Herrn Jesus Christus und seiner Mutter herausgab, wollte ich griechische Blätter des Nikephoros hinzufügen, weil in den Quellenschriften die Eigenart deutlicher ist; aber die Unfähigkeit des Druckers behinderte uns.
Ich denke dennoch, wenn sie wieder einmal herausgegeben werden, die griechischen Blätter hinzuzufügen. Eure deutsche Übersetzung gefällt mir gut. Die charopos, die „freudig blickenden“ Augen werden weder im Lateinischen noch im Deutschen hinreichend deutlich wiedergegeben. Sie sind den Augen der Löwen und Tauben ähnlich. Deshalb habe ich in meiner Fassung das griechische Wort beibehalten. Ich habe bei vielen Menschen beobachtet, dass diejenigen eine einzigartige Kraft und Charakter in sich tragen, die charopos, also „hell leuchtende“ Augen haben.“

Oder in einer anderen Übersetzungsfrage über die Kleidung Christi:

Am 10. August 1556 an Buchholtzer:
„Ehrwürdiger Mann du liebster Bruder. Als ich neulich kürzer schrieb, habe ich nicht hinzugefügt, was zu den übrigen Bezeichnungen von Kleidern zu sagen war. Die Toga ist römisch gewesen und hatte eine von der Bekleidung anderer Völker unterschiedliche Gestalt. Sie sagen, sie sei arkadisch gewesen, und ich meine, sie sei von Evander nach Italien gebracht worden. Das Pallium war die Kleidung der Griechen und vieler ausländischer Völker; das eine war lang, das andere war ein kurzer Mantel. Panula war die Kleidung der Sklaven, Boten und Bürger.
Über diese Formen hat es eine auswärtige Bekleidung für Ratsherren gegeben, die wiederum der langen Tunika eines hochgestellten Priesters ähnlich war: mit Manteltaschen, weder knapp noch weit, sondern unauffällig, wie alte Statuen zeigen. Und dass Christus eine solche Kleidung getragen hat, ist die übereinstimmende Meinung; denn er war ein Bürger im Gebiet von Kapernaum.“

Vielfach geht es in den Briefen um Empfehlungen für Professoren, Pfarrer und Lehrer, eingereiht in Tagesaktuelles.

Am 17. Februar 1554 an Buchholtzer:
„Hochwürdiger Mann und liebster Freund.
Johannes Bötticher, in der Mark geboren, will lieber den Studien in den Schulen der Heimat dienen. Und weil er gehört hat, dass Steinhauffe die Berliner Schule verlassen wird, wünscht er, dass sie ihm anvertraut werde. Er ist ordentlich gelehrt und besonnen und wird auf besonnene Ratschläge hören. Ich bitte dich deshalb, ihn denjenigen zu empfehlen, die für eine solche Erwägung zuständig sind.
Ich schicke dir Exemplare über den Kurfürsten Georg, eines davon gib dem hochgelobten Kurfürsten. Leute, die aus Ungarn kommen, behaupten, der türkische Sultan verspreche dem Land Ungarn einen sechsjährigen Waffenstillstand. Er steckt nämlich selbst in heimischen Widrigkeiten. Er hat den ältesten Sohn umgebracht, der vom Schwager, einem Russen, mit einer Falschaussage angeklagt war. Jetzt fordern die Janitscharen die Auslieferung des Anklägers und die Todesstrafe. Das haben mir vertrauenswürdige Leute aus Ungarn geschrieben. Lebe wohl.“

Neben fortlaufenden Meldungen aus Ungarn über den Stand der Türkenfeldzüge wird auch die Situation in Polen thematisiert:

Am 25. März 1555 an Buchholtzer:
„Ehrwürdiger Mann und liebster Bruder. Ich weiß, dass es in Polen viele, auch adlige Männer gibt, die die unversehrte Lehre des Evangeliums lesen und verstehen und die in rechter Weise Gott anrufen. Und kürzlich ist ein polnischer Priester als Gast bei mir gewesen, ein gelehrter und frommer Mann, der gekommen war, um über viele Fragen mit mir Gedanken auszutauschen. Aber die Sache zeigt, dass die Härte der Bischöfe groß ist. Der Bischof von Kulm, ein vornehmer Mann, hatte den Aufbau einer Schule in Kulm unterstützt.
Jetzt wurde er gezwungen, fromme Lehrer wieder zu entlassen. Ein Bischof mit Namen Hosius hat wütend gegen unsere Kirche geschrieben. Aber passender wäre es, er hieße An-Hosius, der Gottlose. Er verteidigt Albert Pigges, der schreibt, dass die Priester weniger sündigen, wenn sie den Liebschaften Anderer nachstellen als wenn sie sie selbst begehen. So groß ist die Schamlosigkeit! Von dort her urteile über das Übrige.“

Zum Abschluss noch eine ganz andere, medizinische Erörterung:

Am 21. April 1556 an Buchholtzer:
„Ehrwürdiger Mann und liebster Bruder. Ich habe die der sächsischen Quelle in Bad Pyrmont nächst wohnenden Ärzte ermuntert, eine genaue Beschreibung des Quellwassers und der Wirkungen herauszugeben. Ich weiß, dass es in metallischer Erde Quellwasser gibt, das für Wundpflaster gebraucht wird; und es hat die Kraft, schwachen Fluss und Geschwulste zu zersetzen, wie auch Dioskur sagt, und stärkt die Muskeln. Deshalb heilt diese Quelle Glieder, die vom Schlagfluss betroffen sind, wie schon einige Beispiele bezeugen; und ich bin der Meinung, dass die Heilungen physischer Herkunft und eine einzigartige Wohltat Gottes sind. Ich weiß, dass vieles töricht dahergeredet wird, aber ich wollte, dass gelehrte und unbescholtene Männer genaue Beschreibungen herausgeben; und damit sie das tun, habe ich einige aufgefordert. …
Es gibt in unserer Stadt einen Bürger, einen ehrbaren Mann, der durch Schlagfluss gelähmte Füße hat. Ihn habe ich ermuntert, die Beschaffenheit dieser Quelle zu erproben. Er wird bereits dort hin- gefahren.
Lebt wohl.“

Der Briefwechsel: Freundschaft und Familie
Die Briefe zwischen Melanchthon und Buchholtzer bezeugen natürlich auch eine große Anteilnahme am Leben des Anderen und am Leben der Familien. Melanchthon hat sich besonders um die Söhne Buchholtzers gekümmert, die in Wittenberg studierten und deren poetische und wissenschaftliche Talente er nach Kräften gefördert hat.

Melanchthon an Bucholtzer, am 6. Mai 1546:
„An den ehrwürdigen Mann Georg, den Propst der Kirche Gottes in der Bärenstadt an der Spree, seinen Freund. Ehrwürdiger Herr Georg: Der junge Mann, der eure Briefe und Fische brachte und mir versprochen hatte, er werde am nächsten Tag zu mir zurückkehren, wie ich gebeten hatte, und dem ich gesagt hatte, ich hätte eine Antwort mitzugeben, ist aber nicht zurückgekehrt. Jetzt also meine verspätete Antwort. Dennoch aber bleibt fest die Erinnerung an Euer Wohlwollen mir gegenüber: Die Freundschaft bleibt und wird bleiben.
Für die Fische sage ich Euch Dank und schicke Euch den Kommentar zum Johannesevangelium von Herrn Cruciger; in ihm werdet ihr vielleicht so manche reizvolle Stelle finden.
Ich schicke euch für den Sohn ein Gedicht über Luther; ich schicke ihm auch ein anderes, überaus liebliches Gedicht von Stigel. Ich möchte aber nicht, dass er solche Beispiele einer ausschweifenden Muse nachahmt.“

Am 8. März 1547, an Buchholtzer, aus Zerbst:
„Ehrwürdiger Herr Georg. Was Brenz uns geschrieben hat, habe ich dir neulich angedeutet. Danach habe ich erst jetzt verstanden, dass bei der Trienter Synode ein ruchloser Beschluss über die Rechtfertigung herausgekommen ist. Einige Artikel sind mir zugesandt worden, aber ich warte auf eine vollständige Ausgabe, die ich Dir schicken werde, damit diejenigen, die die Wahrheit suchen, den Geist dieser Synode ermessen können. Ein Artikel heißt: Verflucht sei, der feststellt, dass er in der Gnade ist. Dieser Artikel ist ein Musterbeispiel für die Ruchlosigkeit jener Betrüger, die die Synode leiten. Uns ist es ein großer Trost, uns in der wahren Kirche zu sehen, wenn die Gegner sich mit solchen Beschlüssen als Feide der Kirche Gottes erweisen. Ich werde – mit der Hilfe Gottes – eine Widerlegung herausbringen.
Ich habe dem Sohn geschrieben. Ich würde selbst den Homer schicken, wenn ich in unserer Stadt wäre. Sobald ich nach Hause zurückgekehrt sein werde, werde ich ihn schicken.
Für die Äpfel sage ich dir Dank. Hinsichtlich der Verleumdungen, von denen Du geschrieben hast, habe ich Dir neulich angedeutet, dass ich den öffentlichen Dank nicht zu vermehren gedenke…. Lebe wohl.“

Am 17. September 1548, an Buchholtzer:
„Verehrungswürdiger Mann und lieber Freund. Wenn auch die Familie, an meinem Tisch sitzend, ihn fast gänzlich besetzt, hätte ich Deinen Söhnen einen Platz zugeteilt, wenn sie es gewollt hätten. Noah ist oft bei mir gewesen. Ich gratuliere Dir, von Gott mit Söhnen beschenkt zu sein, deren Begabung für die Wissenschaften und deren Tugend ausgezeichnet ist. Und ich hoffe, dass Gott ihnen beistehen wird, entsprechend der Verheißung: Die Familie der Aufrechten sei gesegnet. Wegen des Gedichtes des Sohnes, das veröffentlicht werden soll, werde ich mit den Druckern treulich verhandeln.“

Und dann, einen Monat später:
„Hochwürdiger Mann und liebster Freund.
Exemplare der Gedichte des Sohnes Noah schicke ich Euch. Gern habe ich mich um ihre Veröffentlichung gekümmert, damit so der Sohn gereizt wird, diese Studien mehr zu lieben und mit noch mehr Freuden zu betreiben. Ferner will ich auch Euch zum Vergnügen die Begabung des Sohnes und die ehrenvollen Urteile über ihn nennen. Mit Gottes Segen: die Empfindung seines Charakters ist glücklich genug; und sehr hätte ich ihm gewünscht, Stoffe aufzugreifen, die irgendwann großartigere Verse hervorbringen. Lasst uns aber den ewigen Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus bitten, die Begabungen der Vielen zu lenken, dass sie Mitarbeiter Gottes werden und heilbringende Werkzeuge der Kirche.
Ich weiß nicht, woher ein so großer Hass gegen mich unter gewissen alten Freunden kommt, weil sie doch selbst wissen, dass kein neuer Lehrsatz von mir gekommen ist. … Aber die Kirche und mich vertraue ich Gott an. Ich wünsche Glück den großen Männern, dem Herren Kanzler, den Herren Gregor, Schmolle und den anderen Freunden. Für die gedruckten Exemplare habe ich gezahlt; sie sind ein Geschenk für Eure Söhne. Lebt wohl.“

Am 27. Oktober 1549, an Buchholtzer:
„Ehrwürdiger Mann. Deine Söhne sind und werden mir Schützlinge sein. Noah hat ein Gedicht über die Engel geschrieben, gerichtet an den bedeutenden Kanzler. Jetzt habe ich als prächtigen Stoff die Geschichte vom Samariter vorgegeben. Ich werde auch den anderen Sohn zu philosophischen Studien ermuntern.
O dass doch Gott für die Jugend die Kirche bewahre – und wenigstens mittelmäßige Staatsgefüge!
Wahrlich, ungeheure Bewegungen drohen, die sich auf das nächste Jahr auswirken. Gott steuere seinen Kahn.
Der Kaiser ist nach Speyer aufgebrochen, und es gibt die Meinung, dass es in Straßburg zu einer wichtigen Zusammenkunft kommen werde.
Für die Birnen danke ich. Lebe wohl.“

Am 25. Dezember 1549, an Buchholtzer:
„Ehrwürdiger Mann und liebster Freund. Ach, dass doch dieses kommende Jubeljahr ein für die Kirche und das Land gesegnetes und glückliches Jahr werde; dass es ein wahrhaftes Jubeljahr und Befriedung für die öffentlichen und privaten Zerwürfnisse mit sich bringe.
Für die Birnen und das Wildbret sage ich Dank. Obwohl ich lieber wollte, dass Ihr Euch nicht meinetwegen mit Belastungen beschwert, bin ich dennoch durch das Wohlwollen erfreut. Und ich wünsche von ganzem Herzen, dass unter allen, die die Gemeinden unterrichten, eine wahre, feste und nicht vorgetäuschte Freundschaft besteht. Ich habe mich immer bemüht, Menschen miteinander zu verbinden und nicht auseinander zu bringen. Dein Sohn hat ein Gedicht – des Lobes wert – dem Mecklenburgischen Herzog gewidmet, das hier herausgegeben wurde. Ich hoffe, auch Ihr werdet daran Vergnügen haben.
Was die Ausfuhr von Getreide angeht: da muss der Hof die Gier der Menschen mit Gesetzen und strengen Strafen mäßigen, wie es die alten Gesetze in dieser Sache tun. Ein Prediger kann nicht mehr tun als die Hörer zu ermahnen, dem Vaterland gottgefällig zu sein, wie Paulus sagt: Geholfen werden muss am meisten den Bedürftigen unter den Heimischen. Lebe wohl.“

Am 20. Dezember 1555, an Buchholtzer:
„Ehrwürdiger Mann und liebster Bruder. Dass das kommende Jahr gesegnet sei und glücklich für unsere Gemeinden und ihre Gäste, den frommen Fürsten, Dir und Deiner Hausgemeinde, möge der ewige Gott bewirken….
Sicher, ich fürchte, dass die deutsche Nation in diesem Jahr unter drei entsetzlichen Kriegen brennen wird: mit einem türkischen in Ungarn, einem französischen in Belgien und einen mit den Nachbarn am Main. Denn der Stand der Sterne, die Finsternisse, die Vorzeichen und die Wutausbrüche der Menschen sagen Kriege und die Tollheit der Regierenden voraus.
Ich bitte aber den Sohn Gottes, dass er uns leite und bewahre.
Dass Dein Sohn Abraham in Schlesien berufen worden ist, die Jugend zu unterrichten – ich gratuliere ihm zu diesem Dienst; und ich habe ihn ermuntert, dass er mit dieser nützlichen und dankbaren Arbeit Gott dient. Und Dich bitte ich, diese Meinung zu bestätigen.
Ach, dass ich doch – wenn ich auch nur ein kleiner Erzieher gewesen wäre – dennoch bei einer solchen Erziehung des noch schwächeren Lebensalters geblieben wäre, von dem der Sohn Gottes sagt: Es ist nicht der Wille des Vaters, dass einer von diesen Kleinen untergehe.
Wieviel Trost ist es für einen Erzieher, in dieser Gemeinde der Jüngeren zu sitzen, die Gott gefallen und die zarten Begabungen zu fördern, damit sie Gott in rechter Weise anrufen und dann nützliche Werkzeuge der Gemeinde werden.
Solche unversehrten Gemeinden schütze der Sohn Gottes zwischen den Trümmern der Großreiche. Lebe wohl.“

Am 2. Januar 1557, an Buchholtzer, nach dem Tod des Sohnes Loth, der mit 30 Jahren starb. Auch der älteste Sohn Noah starb zu Lebzeiten Buchholtzers 1552:
Ehrwürdiger Mann und liebster Bruder. Gott will beides: einmal, dass wir trauern, weil wir für eine Zeitlang losgerissen werden von den Unsrigen oder jene von unserem Anblick getrennt werden; zum anderen, dass wir den Schmerz zügeln, wie Du weißt. Auch Beispiele können Dich trösten. Denn weil andere heilige Männer traurige Todesfälle sahen, sollten wir bedenken, dass auch wir Teilhaber von Unglücksfällen sein müssen; und wir wollen nicht von dem allgemeinen Gesetz ausgenommen werden, weil auch wir Teil der sündigen Welt sind.
Dich möge auch das Glück des Sohnes trösten. Oft wünsche ich mir den Tod wie ein Pilger, der als Nachtwanderer den Tag herbeisehnt, weil ich persönlich jenes Licht zu sehen wünsche, über das wir jetzt aufgrund der göttlichen überlieferten Kunde sowohl uns als auch andere belehren.
Ich schicke Dir sprachkundliche und historische Antworten, um die Du nachgesucht hast, und ich bitte darum, mir mitzuteilen, ob Du diesen bunten Strauß gutheißt.
Wegen eines Gedenksteins für Deinen Sohn werde ich nachdenken.
Ich werde selbst einige Verse verfassen, weil ich verstehe, dass Du das wünschst. …
Lebe wohl und glücklich.“

Am 30. November 1551, an Buchholtzer, mit Ratschlägen in geschäftlichen Dingen:
„Ehrwürdiger Mann und zu verehrender Freund. Ich weiß, dass Ihr an gutem Rat keinen Mangel habt und Ihr dabei zuverlässige Menschen habt, die Nützliches zu raten vermögen. Dennoch rate ich Euch im Interesse unserer aufrichtigen Freundschaft, dass, wenn Gutachter Zahlungen für fünf Jahre anbieten, Ihr mit diesem Preis zufrieden sein solltet und Euch nicht um das höchste Recht bemüht. Ihr seht, wie unruhig die Zeiten sind, die uns bevorstehen. Deshalb sollten wir uns Gott anvertrauen und jetzt die Unterrichtung der Jüngeren gottgefällig bedenken: denn Gott wird nach einigen Jahren ein solches Staatsgebilde geben, welches wir jetzt noch nicht kennen.
Aber die Jüngeren sollen eine Wegzehrung mitbekommen, nämlich Glaube und Bildung, um der Gemeinde nützlich zu sein, wie beschaffen auch immer die gestalt der Weltreiche sein wird; deren Trümmerlast wird nicht leicht sein, fürchte ich.
Nach der preußischen Sache frage ich, wie Ihr sie handhabt, ob eine gemeinsame Antwort von uns und von Euch und den Predigern des Markgrafen Johann geschickt wird – es mögen keine größeren Unterschiede entstehen!
Das Heer der Türken ist geschlagen worden. Lasst uns den Sohn Gottes bitten, dass er uns beistehe. Lebt wohl.“

Georg Buchholtzer an Melanchthon, am 10. Mai 1559:
"Dem hochgelehrten und achtbaren Herrn M. Philipp Melanchthon, Professor in Wittenberg, meinem großgünstigen Herrn und Lehrer.
Gottes Gnade durch Christus, Amen. Ich habe achtbarer Würdigkeit vor drei Tagen geschrieben. Ich glaube, ihr werdet es bekommen haben.
Unsere junge Herrschaft sind mit einem Fräulein hin in das Land zu Lüneburg und holen die junge Fürstin wieder, die den Herzog als Mann gehabt hat. Unseren Kurfürst bekümmert das wahrlich hart, Gott tröste und stärke ihn und helfe ihm von seiner Krankheit, dass nicht etwas Schlimmeres daraus wird, und er uns möchte aus der Welt gehen, sonst wäre es aus mit der Mark.
Am vergangenen Sonntag [7. Mai] hat der Eislebener [Agricola] nach der Predigt im allgemeinen Gebet dieses mit folgenden Worten getan:
‚bittet auch gegen den schönen engelhaften Mittagsteufel, der jetzt wieder hervorkommt und will die guten Werke nötig machen in den Gerechten und Gläubigen, damit wir wiederum den ganzen Christus und sein Evangelium verlieren werden, wovor uns der Luther oftmals gewarnt hat, dass Gott dem wolle wehren oder bekehren, damit er davon ablasse und abstehe.‘
Als die Predigt aus gewesen, hat ihn ein stattlicher Mann gefragt, wen er meine? Hat er geantwortet: Den Grammatiker zu Wittenberg, der viel in der Theologie lässt ausgehen. Es ist aber nichts Geistliches darin; wie in des Forsters hebräischem Wörterbuch hat er nur Sprachkundliches behandelt.
Ebenso hat er in der Predigt gesagt: Würde es einen geben, der des Luthers Lehre verteidige,
so würde er es sein. Ebenso will er des Luthers „Vom unfreien Willen“ verteidigen; daraus wollen die neuen Wittenberger den „freien Willen“ machen.
Auch hat er gesagt: Komme er weg, so ist es mit Luthers Lehre aus und getan.
Ich will am Sonntag das Gegenteil lehren, gegen sein Gebet, auf dass Gott den greulichen schwarzen Teufel zerstören wolle, der ein wildes, wüstes, rohes Leben wider Gottes Gebot anrichten will.
Das habe ich euch als neue Nachricht nicht verbergen wollen.
Georg Buchholtzer, Propst in Berlin"

Am 19. Februar 1560, an Buchholtzer:
Ehrwürdiger Mann und liebster Bruder. Am 19. Februar habe ich zwei Briefe bekommen, die du an mich geschrieben hast, deren früherer eine hässliche Beschuldigung enthält, mit der mich der Eislebener [Agricola] öffentlich verfolgt, obwohl er sicherlich beides weiß: dass ich auch richtig schreibe und viele ehrenvolle Dienste verrichtet habe.
Aber ich vertraue die Kirche und mich Gott an. Ich zitiere oft sowohl mir als auch Anderen die Zeilen des Tertullian:
Wenn du bei Gott ein Unrecht niederlegst, ist er selbst der Rächer; wenn ein Unglück, dann ist er ein Wiederhersteller; wenn einen Schmerz, ist er der Arzt; wenn den Tod, dann ist er der Erwecker.

Texte: Roland Stolte, Übersetzungen der Briefe: Klaus Stolte