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„Komm’se mal mit!“ – wir trauern um Bernd Sawallisch – Ein Nachruf

Am Sonntag, den 10. März 2024, ist unser vertrauter, geliebter und verdienstvoller Kollege, Freund und Mitarbeiter Bernd Sawallisch gestorben. Er ist uns völlig unerwartet aus unserer Mitte entrissen worden. Er hinterlässt nach fünf Jahrzehnten, die er an der Marienkirche gewaltet und mit unermüdlicher Aufmerksamkeit, Zuverlässigkeit und Würde bis zuletzt sein Amt als Kirchwart erfüllt hat, eine große Leerstelle.

Trauerfeier und Beerdigung am Freitag, den 5.4.2024

9.00 Uhr – Trauerfeier zum Gedenken in der St. Marienkirche – Karl-Liebknecht-Straße 8

11.00 Uhr – Trauerfeier zur Grablegung in der Kapelle des Kirchhofs Georgen-Parochial II – Landsberger Allee 48-50, 10249 Berlin, Zugang gegenüber Klinikum Friedrichshain, Tram M5, M6, M8

Bernd Sawallisch – Ein Nachruf

„Komm’se mal mit!“ Und schon läuft er los und ich hinterher. „Wohin?“ Kein Wort. „Wieso?“ Kein Wort. Einfach hinterherzusausen, ist in diesen Momenten die einzige Möglichkeit, um herauszufinden, wohin die Reise geht. Sie führt dann entweder in die Sakristei der St. Marienkirche am Alexanderplatz in Berlin, hinter den Altar oder mit Einmal-links-Abbiegen die Stufen hinauf in die Küche. Dort angekommen, heißt es dann meist: „Ham’se mal einen Moment? Können wir da nicht was machen?“ Entweder zeigt er auf ein Kunstwerk, einen Kelch oder nennt einfach nur den Namen eines Menschen. Manchmal ist es ein Gegenstand, den er einfach nur schön findet. Ob es etwas zu machen gibt oder was genau, wird erst mit ein paar Nachfragen klar. Klar ist aber von Anfang an, dass es wichtig ist, so wichtig, dass es keinen Aufschub duldet. Begeisterung strahlt durch sein Gesicht, weil er etwas Schönes gefunden hat. Ernsthaftigkeit spricht aus seinem Mund, weil die Taufschale gerettet werden muss. Sorge zeichnet sich in seinen Augen, weil er einen Menschen gefunden hat, dem er helfen will, er alleine nicht weiterkommt. An der Freude über die Entdeckung oder der Dringlichkeit der Hilfe komme ich nicht vorbei. Er zieht mich ohne viele Worte mitten hinein in seine Begeisterung oder die Not eines Menschen, die er zu seiner eigenen gemacht hat.

Er schaute anderen Menschen und auch so manchem Gegenstand in das verletzte Herz. Er hat dabei sein eigenes Herz gehütet wie eine feste Burg. Er hat seine Seele verteidigt, hin und wieder rau und laut, auch verletzt, grübelnd und still. Seine eigenen Wunden sollten verschlossen bleiben. Sich selbst schützte er vor neuen Verletzungen. Manch einer empfand das als laut und schroff. Für andere war es die Rettung, weil er sah, was ihnen auf der Seele brennt. Weil er sie sah und ohne viele Worte verstand. Beides trug er in sich und wer den ganzen Menschen sieht, weiß, dass beide Seiten zu seinem Leben gehörten, dass er immer nur einen Bruchteil von sich zeigte: jetzt der Kirchwart, dann der Freund, jetzt der Ordnende, dann der Ausgelassene, jetzt Herr Sawallisch, dann der Bernd. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Und wenn er verkannt wurde, dann konnte das enttäuschend sein für ihn und die anderen. Und wenn er sich zeigte, dann öffnete sich eine Seele, eine ganze Welt, die unmittelbar und unverstellt war, die zärtlich sein konnte und manchmal mit Wucht daherkam. Kein Filter – direktemang. 

Wuchtig kam auch sein Tod daher. „Komm’se mit!“ Und Bernd Sawallisch blieb wohl nichts anderes übrig, als einfach hinterherzusausen. So unmittelbar lief sein Leben davon, dass keine Zeit blieb, sich an den Gedanken zu gewöhnen: für ihn nicht und auch für die Menschen nicht, die jetzt fragen: „Wohin und wieso?“ Kein Wort. 67 Jahre verwandeln sich innerhalb eines Moments für ihn in Licht: 67 Jahre mitten in Berlin. Ein Leben mit Freundinnen und Freunden, mit einer Liebe, die vor ihm ging, mit Kolleginnen und Kollegen, ein Leben mit einer ganzen Kirche und ein Leben mit seinen Katzen, ein Leben mit Aufgaben und Diensten für St. Marien und so manchen anderen Ort. Ein Leben von Angesicht zu Angesicht. Ein Leben voll Treue und auf der Suche nach dem Himmel auf Erden.

Für die, die hinterherschauen, verdunkelt sich der Horizont für eine Zeit.

Ich wähne ihn gut aufgehoben, behütet, jetzt unverletzlich. Sein Lachen höre ich noch. Einst füllte es eine ganze Kirche. Jetzt erklingt es wohl im ganzen Himmel. 

Ade, Bernd! Auf wiedersehen, Herr Sawallisch! 

Eric Haußmann, Militärpfarrer

Eric Haußmann war von September 2016 bis Anfang 2023 Pfarrer an der St. Marienkirche in Berlin. Seit 2023 wirkt er als Militärpfarrer bei der Bundeswehr in Burg.