Pfarrer Kösling über die Initiative für einsam Verstorbene und die Verantwortung der Kirche am Lebensende
Zwischen Mai 2024 und Juli 2025 wurden im Bezirk Berlin-Mitte 66 Menschen ordnungsbehördlich bestattet. Sie hatten keine auffindbaren Angehörigen oder waren mittellos und galten damit als einsam Verstorbene. Um auch ihnen einen würdevollen Abschied zu ermöglichen, organisiert der Evangelische Kirchenkreis Berlin Stadtmitte seit 2019 gemeinsam mit den Bezirksämtern Trauer- und Gedenkfeiern, so auch in der St. Marienkirche am Alexanderplatz. Michael Kösling, Pfarrer an St. Marien und stellvertretender Superintendent des Kirchenkreises, spricht im Interview mit Oscar Guse, Student der HTW Berlin, über Einsamkeit in der Großstadt, Erinnerungskultur und den Auftrag der Kirche.
Interviewer: Herr Pfarrer Kösling, in Berlin-Mitte sind 66 Menschen einsam verstorben. Hat Sie diese Zahl ebenso erschreckt wie mich?
Pfarrer: Die Zahl wundert mich ehrlich gesagt nicht. Sie ist in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben. Das heißt nicht, dass ich das nicht schlimm finde, aber ich erlebe es als eine Realität der Großstadt.
Das hat sich zuletzt auch beim Stromausfall in Berlin gezeigt. Die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf hat darauf hingewiesen, dass wir oft gar nicht wissen, wer allein lebt, weil die Kontakte fehlen. Deshalb hat sie an die Hausgemeinschaften appelliert, genauer hinzuschauen: Wer ist eigentlich da und wer fehlt?
Interviewer: Kann demnach grundsätzlich jeder Mensch einsam sterben?
Pfarrer: Wenn Menschen alt werden, nur eine kleine Familie hatten und sich im Laufe der Jahre immer weiter in sich zurückziehen, kann das zu Einsamkeit führen. Trotzdem kann man nicht sagen, dass es jede und jeden trifft. Wer eine große Familie hat und sein Leben lang Beziehungen gepflegt hat, ist davor in der Regel einigermaßen geschützt. Es kann allerdings dennoch passieren. Einsam zu sterben bedeutet in diesem Zusammenhang, dass zum Zeitpunkt des Sterbens niemand da war und dass danach auch niemand den Menschen vermisst hat.
Interviewer: Glauben Sie, dass viele Menschen einsam sterben?
Pfarrer: Ich glaube, dass viele Menschen allein sterben. Menschen gehen abends ins Bett und wachen nicht mehr auf. Der Unterschied ist: Am nächsten Tag ruft normalerweise jemand an, etwa eine Tochter, die sich wundert, warum der Vater nicht ans Telefon geht. Bei den einsam Verstorbenen fehlte dieses Band in die lebendigen Beziehungen. Entweder haben sie es selbst abgebrochen, andere haben es abgebrochen oder es ist über die Zeit mürbe geworden, rissig und schließlich ganz gerissen.
Interviewer: Seit 2019 engagieren Sie sich für einsam Verstorbene. Was sind Ihre Beweggründe?
Pfarrer: Ich bin überzeugt davon, dass Tod und Sterben wieder stärker ins Leben hineingeholt werden müssen und auch ins Bewusstsein einer Zivilgesellschaft. Menschen, die einsam gestorben sind und die niemand vermisst, haben trotzdem ihre Würde, auch als tote Menschen. Auch wenn keine Verwandten oder Bekannten am Grab stehen, werden diese Menschen ordentlich beerdigt.
Interviewer: Warum ist es Ihnen so wichtig, dass diese Menschen eine Gedenkfeier bekommen?
Pfarrer: Sie haben ihre Würde. Ihr gelebtes Leben hat einen Wert, auch wenn sich nur noch wenige bewusst an sie erinnern. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir an sie erinnern.
Interviewer: Haben Sie den Eindruck, dass dieses Thema insgesamt zu wenig Sichtbarkeit bekommt?
Pfarrer: Ja, das zeigt sich auch in den Hausgemeinschaften. Wenn Menschen plötzlich erfahren, dass jemand im Haus einsam gestorben ist, kommen viele von ihnen zu dessen Gedenkfeier. Als Kirche können wir dafür einen spirituellen, geistlichen Rahmen geben. Dabei ist es nicht entscheidend, ob die Menschen kirchlich gebunden sind. Viele sind es nicht oder schon lange nicht mehr. Trotzdem gibt es ein deutliches Bedürfnis nach einer ritualisierten Form des Gedenkens und des Abschiednehmens. Das ist sinnvoll und notwendig.
Interviewer: Und wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Amt und Kirche in diesem Zusammenhang?
Pfarrer: Wir erfahren erst durch das Bezirksamt die Namen der Verstorbenen. Das Bezirksamt, genau gesagt das bezirkliche Ordnungsbehörde ist für die Bestattung von einsam Verstorbenen verantwortlich. Dort werden auch die Namen erfasst, die uns dann übermittelt werden. Ohne diesen Austausch könnten wir die Gedenkfeiern nicht durchführen. Das ist eine sehr wichtige Zusammenarbeit.
Interviewer: Gab es dabei auch Einzelschicksale, die Sie besonders bewegt haben?
Pfarrer: Wenn wir über das einsame Sterben sprechen, fällt mir ein Mensch ein, dessen Namen wir nicht erfahren haben. Er war polnischer Staatsbürger und starb in einem Papiercontainer, als dieser von der Stadtreinigung entleert wurde. Der Mann hatte im Container Schutz vor der Kälte gesucht. In unserer Stadt gibt es Menschen, die hierherkommen und immer fremd bleiben. Ohne Wohnung, ohne Adresse, manchmal nicht einmal gemeldet. Auch Menschen ohne festen Wohnsitz, die aus anderen Ländern kommen und aus verschiedenen Gründen hierbleiben, sind Teil unserer Stadt. Sie gehören zum Stadtbild und sterben hier. Sie verdienen es genauso, würdevoll behandelt zu werden, wie jemand mit fester Wohnadresse.
Interviewer: Welche Herausforderungen sehen Sie dabei für unsere Gesellschaft?
Pfarrer: Wenn man dieses Thema größer denkt, stellt sich die grundlegende Frage: Wie möchten wir Sterben und Tod in unserer Gesellschaft gestalten?
Interviewer: Können Sie das näher erläutern?
Pfarrer: Ich erinnere mich an eine Zugfahrt. Auf dem Rückweg von Zürich nach Berlin standen wir über zwei Stunden auf dem Bahnhof, weil sich jemand vor den Zug geworfen hatte. Das heißt, dass Menschen am Ende oft allein sind. Manche sind so verzweifelt, dass sie nur noch den Suizid als Ausweg sehen. Das ist eine Form des Sterbens, die eigentlich niemand erleben möchte. Und die Gesellschaft bietet in solchen Momenten kaum Möglichkeiten, diesen Menschen begleitet und würdevoll sterben zu lassen.
Interviewer: Welche Änderung würden Sie sich hierfür wünschen?
Pfarrer: Ich finde, begleitendes Sterben sollte ein Dienst der Kirche sein. Wenn jemand entscheidet, nicht mehr leben zu wollen, hat diese Person das Recht, in Würde begleitet zu sterben. Nicht einsam und brutal, sondern behütet und mit Begleitung. Das ist meine tiefe Überzeugung als Christ.
Interviewer: Wie begründen Sie diese Haltung?
Pfarrer: Die großen Kirchen sehen das politisch im Moment noch anders. Ich halte diese Haltung für nicht richtig. Ich glaube, es wäre gut für die Menschen zu wissen: Wenn ich nicht mehr leben möchte, dann ist da jemand, der mich begleitet, damit ich gut sterben kann. Deshalb würde ich die Frage der Gedenkkultur für einsam Verstorbene gerne größer denken. Und ich würde dabei auch die Menschen in den Blick nehmen, die nicht wissen, wie sie sterben sollen. Vielleicht hätte die 99jährige Frau aus Ihrem Haus gerne anders sterben wollen. Bewusster. Das ist Spekulation, ja, aber sie verweist auf etwas Größeres.
Interviewer: Worauf genau?
Pfarrer: Ich frage mich: Wie zeigt sich Menschlichkeit, wenn wir das Thema Tod und Sterben betrachten? Diese Gedenkfeier zeigt uns, dass wir noch nicht dort sind, wo wir eigentlich sein müssten.
Interviewer: Mich hat es sehr überrascht, dass Nachbarn oder völlig Fremde an solchen Gedenkfeiern teilnehmen. Wie empfinden Sie das, dass Menschen Abschied nehmen, obwohl sie sich kaum oder gar nicht kannten?
Pfarrer: Wann kennt man einen Menschen wirklich? Ich glaube, man kann auch von jemandem Abschied nehmen, den man nur zwei- oder dreimal gesehen hat, den man vielleicht auf der Straße gegrüßt hat, ohne je lange gesprochen zu haben. Ich wohne in einer Doppelhaushälfte am Wald, im Westend. Da gibt es Manfred, der jahrelang mit seinem alten Hund unterwegs war. Wir haben uns immer gegrüßt. Über unsere Nachbarin wusste ich, dass er Marathon gelaufen ist und seit Kindheitstagen hier wohnt. Jetzt ist er nur noch in seinem Haus. Ich habe ihn fünf-, sechsmal gegrüßt, aber wenn ich weiß, dass er beerdigt wird, gehe ich hin.
Interviewer: Glauben Sie, dass viele Menschen ähnlich für ihre Nachbarn empfinden?
Pfarrer: Menschen spüren: Da ist jemand. Auch wenn man nur einen Namen auf dem Briefkasten gesehen hat. Die Seelen brauchen diese Form des Abschiednehmens. Mir geht es nicht um Kirchenzugehörigkeit, sondern um die Herzen und Seelen der Menschen.
Interviewer: Gibt es etwas, das Sie Besuchern der Gedenkfeier für ihr Leben mitgeben möchten?
Pfarrer: Ja, zwei Dinge: Erstens, darüber nachdenken, wie man selbst sterben möchte. Mit Eltern, Kindern, dem Partner oder der Partnerin besprechen, wie man sich das vorstellt. Zweitens, aufmerksam sein für Menschen in der Nachbarschaft, für diejenigen, die plötzlich fehlen. Gerade in der schnellen Stadtgesellschaft fällt das manchmal schwer. Aufmerksamkeit zu schärfen, ist vielleicht sogar eine spirituelle Übung.
Interviewer: Damit wir ein Gespür dafür bekommen, ob jemand allein und einsam ist?
Pfarrer: Man kann allein sein und sich nicht einsam fühlen. Vielleicht sind Menschen, die wir als einsam Verstorbene ansehen, in Wahrheit allein, aber nicht einsam. Vielleicht ist es ein Wunsch für diejenigen, die verstorben sind: Sie waren allein, aber nicht einsam.
Das Interview führte Oscar Guse, Student der HTW Berlin.